25. JUNI 2016

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Referenz-Schule in Sonthofen


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Theben. - Hunderte Schulen in Deutschland sind sanierungsbedürftig. Der Neu- und Umbau des Gymnasiums Sonthofen setzt Maßstäbe, wenn es um Energieeffizienz und technische Ausstattung geht. g+h war vor Ort.
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Franz Friedberger, Leiter des Fachbereichs Gebäudemanagement der Stadt Sonthofen, betreut in seinem Verantwortungsbereich etwa 100 kommunale Bauten, darunter auch das Gymnasium in Sonthofen. Der alte Trakt der Schule wurde in den Jahren 1972 bis 74 errichtet – als sogenannte Kasseler Schule, also aus Fertigbauteilen, was dem damaligen Zeitgeist entsprach.

Aus der Gegenwart betrachtet, war das Gebäude energetisch alles andere als optimal. Aber auch die Luftqualität wies schlechte Parameter aus; überhöhte oder zu niedrige Luftfeuchtigkeit sowie eine hohe CO 2-Konzentration sind nur einige Aspekte. Um diesen Problemen entgegenzuwirken, gab es im alten Schulgebäude unter anderem eine Befeuchtungsanlage, energetisch ebenfalls weit hinter den heutigen Möglichkeiten der Technik und keineswegs den aktuellen Standards der Luftqualität in öffentlichen Gebäuden entsprechend. Aber nicht nur das Raumklima, sondern auch die Betonkonstruktion (dünne Sandwichbetonelemente mit etwas Styropordämmung) waren sanierungsbedürftig, und im Inneren des Gebäudes gab es, was die Rauchabschnitte anbelangt, zusätzlich brandschutztechnische Unzulänglichkeiten.

„Schmale Fluchtbalkone, nicht zu öffnende Fenster es gab dort lediglich eine Schiebetür hätten im Brandfall eine Evakuierung über schmale Treppen erforderlich gemacht, was sicherlich nicht optimal ist, erklärt Friedberger gegenüber der g+h-Redaktion. Auch die Haustechnik war letztendlich überaltert. Aufgrund der insgesamt vorhandenen Mängel entschloss sich der Stadtrat zu einer Generalsanierung des Gebäudes.

Gleichzeitig traf der Rat eine zukunftsweisende Entscheidung, indem er einen Niedrigstenergiehaus-Standard für das Sanierungsvorhaben als eine Option vorgab. Friedberger: „Über das Energie-Umweltzentrum Allgäu konnten wir für unser Projekt das Büro Haase gewinnen. Dieses Architekturbüro hat sehr viele energieeffiziente Sanierungen durchgeführt, verfügt insofern über die entsprechenden Erfahrungen und war bereits auf diesem Gebiet engagiert, als man über Energiemanagement und Energieeffizienz noch gar nicht in der Öffentlichkeit diskutierte. Haase stellte dem Stadtrat sein Sanierungskonzept vor, das unter anderem durch die Deutsche Bundestiftung Umwelt gefördert wurde, weil es sich um ein ganz besonderes Projekt handelte. Das Interesse der Stiftung daran war selbstredend schon deshalb hoch, weil es in Deutschland rund 700 bis 800 vergleichbare Schulbauten gibt, die ebenfalls saniert werden müssten. Insofern wollte man mit dem Gymnasium Sonthofen ein Pilotprojekt starten, um später für andere Schulen ein Referenzobjekt zu schaffen, an dem diese sich orientieren und aus dessen Erfahrungen man lernen kann, wenn eigene Renovierungsvorhaben bevorstehen.

Für das Sanierungsprojekt wurde gleichzeitig beim Bundesumweltministerium ein Förderantrag im Rahmen der Klimaschutzinitiative gestellt. Friedberger: „Wir möchten hier den CO 2-Ausstoß um 80 Prozent reduzieren und einen Passivhausstandard erreichen. Das Schulgebäude soll also zertifiziert werden. Die Verantwortlichen im Bundesumweltministerium waren von unserem Konzept so überzeugt, dass wir in ihre Förderung mit aufgenommen wurden und jetzt entsprechend hohe finanzielle Mittel zu erwarten sind. Aktuell trägt die Stadt Sonthofen einen Eigenanteil von ca. sieben Millionen Euro bei einem Gesamtbauvolumen von rund 16 Millionen. Dass der Eigenanteil in diesem Rahmen gehalten werden konnte, ist sicherlich ein Verdienst aller Beteiligten der Stadt.

So ist man über den bereits skizzierten Rahmen hinaus auch bei der Deutschen Energieagentur, der Dena, als eines von rund 70 Projekten auf der Liste der aktuellen Modellvorhaben im Programm „Niedrigenergiehaus im Bestand für Schulen. Auch hier erwartet die Stadt einen Kredit mit entsprechend günstigen Zinsen. Durch die vielseitige Förderung hat das Gesamtprojekt eine ausgesprochen hohe Qualität in allen Bereichen erzielen können. „Wenn alle Baumaßnahmen abgeschlossen sind, muss man sicherlich sehr weit gehen, um ein Schulgebäude mit vergleichbarer technischer Ausstattung zu finden, erläutert Friedberger. Die Fertigstellung des Gesamtprojekts wird voraussichtlich im April/Mai des kommenden Jahres erfolgen. Aktuell wird am dritten Bauabschnitt gearbeitet.

Beheizt wird die Schule in den Peripheriegebäuden über Gas (Brenntwertkessel), die Hauptlast wird künftig allerdings eine Wasser-Wärmepumpe bringen, die über eine integrierte Deckenheizung im Winter nicht nur für angenehme Raumtemperatur sorgt, sondern die Räumlichkeiten im Sommer auch entsprechend kühlt. Realisiert wurde die Anlage mit dem Büro Güttinger aus Kempten. „Der einzige Nachteil dieser Anlage besteht darin, dass die Schüler künftig kein Hitzefrei bekommen werden,“ bemerkt Franz Friedberger. Eine Generalplanung sollte von Anfang an reibungslose Abläufe in jeder Phase des Baufortschritts gewährleisten. Im Planungskonsortium sind neben den Architekten ein Lichtplaner, Kettner & Baur, das Büro Güttinger, die Bauleitung und der Statiker vertreten. Das Konsortium hat dabei einen Konsortialführer, der in allen Fragen Ansprechpartner für die Stadt ist. Bei Reibungspunkten zwischen den einzelnen Planungsabteilungen muss das Konsortium Probleme intern lösen bzw. klären.

Peter Baur, Geschäftsführer des Kettner & Baur Ingenieurbüros, war für die elektrotechnische Planung zuständig und erläutert gegenüber der g+h-Redaktion, dass der Schulbau nicht nur energetisch auf dem neuesten Stand der Technik ist, sondern auch elektrotechnisch. So verfügt jedes Klassenzimmer über moderne Active- bzw. Smart-Boards. Die Zeiten von Kreide und Schwamm sind Geschichte. Das Gymnasium hat fortan den Anschluss an die globale Multimediawelt und kann die Lehrstoffe zeitgemäß vermitteln. Die Basis der elektrotechnische Planung bildete der Entwurf eines Steuerungssystems. Baur arbeitete hier eng mit einem HLK-Planer zusammen. „Wir wollten nicht, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht, sondern von vornherein kooperativ vorgehen, um für den Bauherrn ein effizientes Gesamtsystem zu schaffen,“ gibt Baur zu verstehen. Unter dem Gesichtspunkt der angestrebten hohen Energieeffizienz waren ganz spezifische Lösungen, beispielsweise im Bereich der Verschattung, erforderlich, um die Räume durch Sonneneinstrahlung nicht überproportional aufzuheizen.


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