SEPTEMBER
03.2010


 

Visionen für den Kunden


Management

E-Energy Laut Fachkreisen haben intelligente Stromnetze revolutionäres Potenzial, für die meisten Verbraucher sind es Böhmische Dörfer. Für einen Durchbruch der Technik sollten die Vorteile besser vermittelt werden.

»Dieses Thema wird die Welt verändern«, sagt Prof. Dr. Henning Kagermann, Präsident der Akademie der Technikwissenschaften. Deutschland habe das Zeug dazu, Leitmarkt und Leitanbieter zu werden. Hiesige Unternehmen hätten »die Chance, mit einer Vision aus der Wirtschaftskrise herauszukommen«, so Kagermann bei einer vom Bundeswirtschaftsministerium organisierten Tagung, die sich dem Leuchtturmprojekt E-Energy widmete.

Vor allem dank der sechs Modellregionen befinde sich Deutschland »europaweit in einer Vorreiterrolle«, erklärt der Parlamentarische Staatssekretär Hans-Joachim Otto. In diesen Modellregionen wird die Verknüpfung moderner Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) mit dem System der Energieversorgung bis 2012 praxiserprobt.

Die Fortschritte nach einem Jahr Projektlaufzeit könnten sich sehen lassen: Virtuelle Kombikraftwerke seien im Entstehen, Stromflüsse würden optimiert, neue Möglichkeiten zur flexiblen Steuerung des Verbrauchs und zur Integration von Speichern umgesetzt.
»Beim Thema Smart Grid sind wir weltweit mit an der Spitze«, sagt Otto. Deutschland habe einen Vorsprung von geschätzten drei Jahren, den man nicht leichtfertig aus der Hand geben dürfe.

USA planen massive Förderung

Der Bund fördert das Vorhaben mit 60Mio.€. Zusammen mit Eigenmitteln der beteiligten Unternehmen werden 140Mio.€ mobilisiert. Auch andere Teile der Welt beginnen, »massiv zu investieren«, wie Kagermann berichtet. Die USA planen rund 8Mrd.€ in die Entwicklung intelligenter Netze zu stecken.
Aus Sicht des früheren SAP-Chefs »ist die Zeit der kleinen Schritte, die das Land in eine Vorreiterrolle brachten, vorbei«. Nun müsse man mutig Prioritäten setzen, brauche massive Investitionen und eine europäische Roadmap. Möglichst rasch sei eine Referenzarchitektur mit akzeptierten Standards zu schaffen. Europa habe die historische Chance, über das Smart Grid auch in der IKT Boden gut zu machen.
Ein Selbstläufer ist der Marktplatz E-Energy allerdings nicht. Das zeigt eine Untersuchung des Institutes für Zukunfts-Energie-Systeme (IZES), in der Geschäftsmodelle für die einzelnen Teilmärkte rund um das Smart Grid durchgerechnet werden.

Prinzipiell geht es um die Frage, wer mit dem »Einsammeln« von Lasten Geld verdienen könnte und welche Größenordnung dieser »Cheese« erreichen würde. Für Stromlieferanten etwa, die durch Laststeuerung Beschaffungskosten senken wollen, sind Privathaushalte derzeit noch uninteressant. Dafür bräuchte es Vertriebsmargen von 20€/MWh, so Prof. Dr. Uwe Leprich. Beim heutigen Margenniveau von 10€/MWh biete dieser Business Case allenfalls Chancen für »First Mover« im Gewerbesektor.
»Der Cheese, der kurz- und mittelfristig Akteure auf den Marktplatz E-Energy lockt, ist häufig nicht mit bloßem Auge erkennbar«, so Leprichs Fazit. Selbst bei optimistischen Annahmen zur Kostenentwicklung der Techniken sei ihr Einsatz in vielen Fällen unwirtschaftlich.

System billiger Energie vorbei

Wer den Umbau des Netzes bezahlen soll, ist nicht ganz klar. »Wir sollten es dem Markt überlassen«, sagt Professor Jochen Kreusel, Vorsitzender der Energietechnischen Gesellschaft. »Allerdings können wir die Diskussion sofort beenden, wenn wir vom bisherigen System billiger Energie ausgehen.«

Verteilnetzbetreiber hätten manchen Vorteil im operativen Geschäft, gerade wenn es um die Einbindung dezentraler erneuerbarer Erzeugung geht. Doch bekommen sie den dafür nötigen Infrastrukturaufwand wieder herein? Laut Staatssekretär Otto müsse die Bundesnetzagentur allenfalls regulatorische Anreize setzen, finanzielle nicht. »Der Markt soll es regeln«, findet auch er. Schließlich sei das E-Energy-Konzept prädestiniert, den Wettbewerb zu intensivieren.

Bei potenziellen Anwendern hält sich das Interesse in Grenzen. »Es gibt EVU, die nehmen das als klare Chance wahr, andere warten ab«, so Alf Henryk Wulf, Chef der deutschen Alcatel-Lucent.
Die Gesetzeslage ist durchwachsen: Seit Januar müssen Neubauten mit Smart Meter versehen sein. Ab Dezember sollen EVU last- oder tageszeitabhängige Tarife anbieten. Im Altbau kann der Kunde den Wechsel verlangen, muss das rund 150€ teure Messgerät aber selbst bezahlen. Die Bereitschaft dazu dürfte nicht sehr ausgeprägt sein.

»Offensiv wollen die wenigsten Smart Meter oder variable Tarife haben«, so Dr. Holger Krawinkel, Fachbereichsleiter beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Für Privatleute seien Smart Grids meist böhmische Dörfer. Kenntnis über die Vorteile hätten die wenigsten.

»Die Vision ist für den Privatmenschen noch zu klein«, sagt Professor Gunter Dueck von IBM. »Ein I-Phone wollen die Leute auch so, da brauchen Sie nicht zu erklären, dass sie das wollen müssen.« EVU sollten besser Internet-TV fordern. »Da haben Sie die Bandbreite für alles mögliche, auch Zählerdaten und die Lust des Kunden.«

Hans Forster

www.e-energy.de



INTERVIEW

"Bald auch ökonomisch interessant"

Andreas Goerdeler, Referatsleiter im Bundeswirtschaftministeriums (BMWI), erläutert die Erwartungen an das vom BMWI geförderte Leutturmprojekt `E-Energy - IKT-basiertes Energiesystem der Zukunft´


es: Wie unterscheiden sich die sechs Modellregionen des E-Energy-Leuchtturms und wo liegen die Schwerpunkte?

Es gibt Unterschiede in verschiedenerlei Hinsicht. Zum Beispiel haben wir kommunale Unternehmen dabei, andererseits aber auch große Energieversorger. Zudem sind sowohl große städtische als auch ländliche Regionen mit ihren jeweiligen strukturellen Besonderheiten einbezogen.

Wir nutzen unterschiedliche Übertragungstechnologien, teilweise wird Powerline ausprobiert, teilweise auf drahtlose Technologien gesetzt. Gerade für die Übertragung der Daten beispielsweise von den intelligenten Gateways zu den Geräten bestehen eine Reihe möglicher Wege: In den Modellregionen können wir sie testen.

Es gibt natürlich auch Gemeinsamkeiten. Beispielsweise arbeiten alle Regionen am Aufbau elektronischer Marktplätze. Doch auch dafür werden verschieden Lösungen ausprobiert am Ende werden wir sehen, welcher Weg sich hierbei als der Vielversprechendste erweist.

es: Wo sehen Sie die größten Hürden für ein Internet des Stroms?

Bislang fehlt den Netzen die Intelligenz, und wir haben sie auch in den Häusern noch nicht. Smart Meter ist ja lediglich ein Messzähler, ein erster Schritt, dem die intelligente Verknüpfung mit den Geräten erst noch folgen muss. Die Technik in ihren Komponenten ist bereits verfügbar, jedoch noch nicht im Gesamtsystem.
Das Zusammenspiel der Komponenten stellt daher eine ganz wesentliche Herausforderung dar. Aber auch auf Fragen des Nutzerverhaltens und der Akzeptanz gilt es noch Antworten zu finden. Letztlich muss der Kunde die neuen Möglichkeiten, die ihm das Smart Grid bietet, ja auch wollen und wünschen.

es: Welche Rolle spielen die Kosten der Technik?

Das Mooresche Gesetz gilt auch hier: Miniaturisierung und technischer Fortschritt werden sich dahingehend auswirken, dass die Komponenten immer billiger werden. So ist zu erwarten, dass dann, wenn auch die Nachfrage nach solchen Systemen anzieht, Kostenersparnisse erzielt werden, die zur weiteren Verbreitung der Technik beitragen.

es: Ist denn tatsächlich zu erwarten, dass E-Energy nach der Pilotphase zum Selbstläufer wird?

Die Stromtarife werden zukünftig wesentlich stärker als bisher der jeweiligen Marktsituation angepasst sein, auch der des Wetterstroms. Damit ergeben sich dann auch sehr viel größere Preisdifferenzen im Tagesverlauf als bisher. Und wenn das der Fall ist, wird es ökonomisch interessant werden, durch Lastverschiebungen Geld zu sparen.

es: Der Verbraucher wird das Thema also aus eigenem Interesse anschieben?

Ich denke, in dieser Hinsicht ist noch sehr viel Luft drin. Wo die besten Geschäftsmodelle liegen werden, können die Modellregionen zeigen. Natürlich ist klar, dass Gewerbebetriebe hier in der Vorreiterrolle sind, weil sie weit mehr Möglichkeiten haben, von Lastverschiebungen zu profitieren, als Privatleute. Das ist in vielen Fällen ja schon heute der Fall.

es: Und unter welchen Bedingungen hat auch der Verbraucher in seinem privaten Haushalt etwas davon?

Durch den Aufbau elektronischer Marktplätze mit entsprechenden Preissignalen wird es nach und nach auch für die privaten Haushalte immer interessanter werden, diese Angebote zu nutzen. In dem Moment, wo die Gateways zur Verfügung stehen und die intelligente Verknüpfung zwischen den Geräten und dem Stromzugang hergestellt ist, können intelligente Geräte auch in größerer Zahl und billiger angeboten werden, so dass sich die Investition dann auch für den Privatmann rechnet.

Hans Forster

 

 

 

 

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