Seit Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) am 1. April 2000 hat sich der Ökostrom-Anteil am deutschen Strommix von 6,6 auf gut 16% mehr als verdoppelt. Die Branche bietet über 300.000 Beschäftigten Arbeit. Selbst im vergangenen Krisenjahr ist die Zahl der Stellen um 8% gestiegen. Die Investitionen in Wind-, Solar- oder Bioenergie kletterten um 20% auf 17,7Mrd.€. Damit erwiesen sich die Regenerativen »als Fels in der Brandung der Wirtschaftskrise«, so Bundesumweltminister Norbert Röttgen zu den Ergebnissen der Arbeitsgruppe ›Erneuerbare-Energien-Statistik‹ im März.
Aus Sicht der Agentur für erneuerbare Energien hat das EEG eine »kleine Energierevolution« angestoßen. Regenerative Anlagentechnik erweist sich mit einer Exportquote von etwa 80% als »Bestseller made in Germany«. Auch das Gesetz selbst ist ein Exportschlager: In über 45 Ländern gibt es inzwischen vergleichbare Regelungen zur Markteinführung.
Durch die Anschlusspflicht für Neuanlagen, den gesetzlich garantierten Vorrang für grünen Strom im Netz und eine garantierte Einspeisevergütung über 20 Jahre habe die Branche stabile Investitionsbedingungen erhalten, resümiert Dietmar Schütz, Präsident des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Das Gesetz habe sich »als Antriebskraft für eine mittelständisch geprägte Industrie erwiesen«.

Ruf nach Förderwendepunkt
Für die Fachverbände der jungen Branche ist das EEG eine Erfolgsgeschichte, und prinzipiell wird dies auch in der traditionellen Energiewirtschaft mittlerweile anerkannt. Von alternativen Förderregelungen, einem Quotenmodell gar, ist längst nicht mehr die Rede. Grundsätzlich sei das Gesetz ein Erfolg, konstatiert der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zum Gesetzesjubiläum. »Zusammen mit moderner konventioneller Erzeugung sind die Erneuerbaren ein starker Wirtschaftsfaktor und Konjunkturmotor für den Standort Deutschland«, so BDEW-Hauptgeschäftsführerin Hildegard Müller.
Nach zehn Jahren EEG-Förderung sei freilich ein Wendepunkt erreicht. In der anstehenden Dekade gehe es darum, Subventionen abzubauen. »Schritt für Schritt sollten die Erneuerbaren in den Wettbewerbsmarkt integriert werden«, empfiehlt Müller. Denn die Verbraucher hätten bereits eine Menge Geld gezahlt, um diesen zum Durchbruch zu verhelfen. 2009 betrugen die Mehrkosten durch Ökostrom rund 4,9Mrd.€. In diesem Jahr sei mit Belastungen von 8,2 Mrd. € zu rechnen.
Abstriche bei der Förderung grünen Stroms erwarten auch Industrie und Gewerbe. So fordert der VIK als Interessenvertreter der industriellen Energiekunden, bei der geplanten Kürzung der Fördersätze für Solarstrom nicht zu lax vorzugehen. Schließlich werde der vom Bundesumweltministerium angestrebte jährliche Zubau an Solaranlagen von 3.500MW in den nächsten 20 Jahren mit über 100 Mrd. € zu Buche schlagen.
»Effizienz der Förderinstrumente ist ein politisches Muss, gerade angesichts der hohen Ausbauziele«, erklärt die Hauptgeschäftsführerin des VIK Annette Loske.
VIK und BDEW halten die Pläne der Bundesregierung für ambitioniert, den Anteil der erneuerbaren Stromerzeugung bis 2020 auf mindestens 30 % hochzuschrauben. Aber sie seien machbar, sagt Hildegard Müller. Doch werde man allein mit Erneuerbaren auf sehr lange Sicht nicht klarkommen. Kohle und Kernkraft seien mittelfristig nicht wegzudenken.
Aus Sicht der Ökostromer sind die Regierungsziele konservativ. Nach einer Umfrage unter Firmen und Verbänden der Branche wird der Anteil erneuerbarer Energien in den nächsten zehn Jahren 47 % erreichen: Der Studie zufolge soll die installierte Leistung von knapp 44GW (2009) auf 111GW, die Stromproduktion aus Erneuerbaren von gut 93 Mrd. auf 278 Mrd. kWh ansteigen.

2050 komplett Grün möglich
Für die EU hat der Verband deutscher Maschinenbauer (VDMA) unlängst eine Prognose vorgelegt. Danach wird sich der Ökoanteil an der europäischen Stromproduktion bis 2030 von 16 (2007) auf 48 % verdreifachen. Fossile Kraftwerke kommen auf 33, Kernkraftwerke auf 19 %, so die Einschätzungen von Herstellern unterschiedlicher Energietechnologien.
Die richtigen politischen Weichenstellungen würden dafür sorgen, dass Europa bis 2050 komplett auf grünen Strom umstellen kann. Dies zeigt ein Gutachten, das die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung Ende März vorstellten. Voraussetzung wäre ein gemeinsamer Markt mit Nordafrika, der über ein »Super-Smart-Grid« verbunden sein müsste. Wichtig wäre auch der Abbau von Subventionen für fossile Brennstoffe bis 2020 sowie die Stilllegung von Kohlekraftwerken ab 2030. In den nächsten zehn Jahren sollte außerdem ein Zeitplan für den Ausstieg aus der Ökostrom-Förderung erarbeitet werden, heißt es in dem Gutachten.
Alle für den Öko-Umstieg nötigen Technologien sind laut Studie vorhanden, die Potenziale regenerativer Energiequellen und ihrer Speicherung bekannt. Auch wisse man um die Notwendigkeit, die Kapazitäten für den Stromtransport stark zu erweitern, sowie um die tragende Rolle dezentraler Stromerzeugung und der Energieeffizienz. »Mit Strom aus sauberen und erschwinglichen Energiequellen hat man in den vergangenen 150 Jahren zwar geliebäugelt, aber sie nie konsequent nutzbar gemacht. Das könnte sich jetzt ändern«, so Gus Schellekens von PricewaterhouseCoopers.
Die Zukunftsaussichten der Erneuerbaren seien schon häufiger unterschätzt worden, erinnert sich BEE-Präsident Schütz. Alle Prognosen, die mit dem Start des EEG vor zehn Jahren einhergingen, seien heute Makulatur: Damaligen Studien zufolge sollte der Marktanteil im Jahr 2010 maximal 10 % erreichen – tatsächlich sind es 16,1%. »Wir haben es auch geschafft, die Strukturen im Energiemarkt aufzubrechen und neue Akteure in den Markt zu bringen.«
In die Zuversicht mischt sich seit dem Regierungswechsel jedoch Skepsis. »Überall stehen Stolpersteine«, sagt Schütz mit Blick auf den Koalitionsvertrag. Die größte Hürde sieht der Verband in der geplanten Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke (KKW). »Nur wenn fossile und atomare Kapazitäten nach und nach vom Netz gehen, ist genügend Platz für den steigenden Anteil erneuerbaren Stroms im Netz.«
Unterstützung erhält die Ökostrom-Branche von den Stadtwerken. Schon seit Längerem wenden sich die in der 8KU organisierten größten deutschen Kommunalversorger gegen mögliche Wettbewerbsverzerrungen, die ein Ende des Atomausstiegs mit sich brächten.
Nun kommt eine von mehr als 150 Stadtwerken und regionalen Versorgern in Auftrag gegebene Studie zu dem Ergebnis, dass die negativen Markteffekte einer Laufzeitverlängerung gravierend wären: Investitionen in neue klimafreundliche Kraftwerke, die im Vertrauen auf den Atomausstieg getätigt wurden, würden dadurch entwertet. Die übermächtige Position der vier großen Stromerzeuger würde für die Zukunft zementiert, so das Fazit des Gemeinschaftsgutachtens der Beratungsunternehmen enervis und Becker Büttner Held.
Kritik ist auch vom Verband kommunaler Unternehmen (VKU) zu hören. Von einem »massiven Eingriff in die Marktverhältnisse« sprach VKU-Präsident Stephan Weil gegenüber dem Handelsblatt. »Eine Laufzeitverlängerung nimmt der Umstrukturierung der Energieerzeugung die erforderliche Dynamik.«
Es bestehe kein Bedarf an zusätzlichen Atomstrommengen, meint BEE-Geschäftsführer Björn Klusmann. »Eigentlich bräuchte es ein Ausstiegs-Beschleunigungsgesetz.« Denn der Ausbaupfad für die erneuerbaren Energien, der festgelegt wurde als Rot-Grün und die vier großen Stromerzeuger den Kernenergiekonsens unterzeichneten, sei längst von der Realität überholt worden.

Systemkonflikt unvermeidlich
Im gegenwärtigen Zuwachs an regenerativer Kraftwerkskapazität sieht die Branche ihre Vorhersagen für 2020 bestätigt. Bleibt es bei den Kernenergieplänen der Bundesregierung, wäre ein Systemkonflikt unvermeidlich, so Klusmann. Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) auf Basis der Branchenprognose zeigen, dass die Erneuerbaren im Jahr 2020 bereits über die Hälfte des Grundlastbedarfs decken. Die für Kohle- und Kernkraftwerke verbleibende Restlast in diesem Bereich wird demnach von 63GW (2007) auf maximal 27GW zusammenschrumpfen.
In der Folge müsste man auf Dauerbetrieb ausgelegte Großkraftwerke nach und nach abschalten oder die Vorrangregelung für die Erneuerbaren kippen. Politisch konsequent wäre dann wohl letzteres, wie Klusmann befürchtet. Denn die Erlössituation von Grundlastkraftwerken werde sich aufgrund des preisdämpfenden Effekts der wachsenden Ökostrom-Einspeisung an der Strombörse zunehmend verschlechtern. Daher wäre es »naiv zu glauben, dass der Vorrang für die Erneuerbaren bleibt, wenn die KKW-Laufzeiten verlängert werden«. <
Hans Forster
www.bee-ev.de
www.bdew.de
www.pwc.co.uk
www.pik-potsdam.de
www.enervis.de
www.bbh-online.de
www.vdma.org