"100.000 Mikro-KWK-Geräte pro Jahr sind möglich"

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Erdgas - Im Interview steht Dr. Ludwig Möhring von Wingas Rede und Antwort zu den Themen Energiekonzept, Kraft-Wärme-Kopplung, Wettbewerb, unkonventionelles Erdgas sowie Ölpreisbindung.

31. Januar 2011

Bei der Erstellung des Energiekonzeptes mögen Partikularinteressen eine Rolle gespielt haben, und dabei hatte Erdgas das Nachsehen. Wir werden sehen, ob den zwischenzeitlichen Äußerungen der Regierung pro Erdgas nun auch Taten folgen. Wer zeitnah und nachhaltig CO2 verringert sehen will, kommt an Erdgas nicht vorbei: es ist bezahlbar, liefert schon heute eine technisch machbare CO2-Reduzierung und ist in der Bevölkerung akzeptiert. Das Energiekonzept wird diesen drei Anforderungen hingegen nicht gerecht: die technologisch und wirtschaftlich nicht ausgereifte CO2-Einspeicherung mittels CCS, Akzeptanzfragen bei der Endlagerung und die Bezahlbarkeit bei der geplanten Häuserisolierung lassen große Zweifel an der Zieltauglichkeit entstehen.

Was sind die konkreten Folgen?

Eine Konsequenz ist, dass aufgrund der kreierten Unsicherheit Projekte für den Neubau von Erdgaskraftwerken verstärkt auf Eis gelegt werden. Das ist unglücklich und mag zu einem Investitionsstau bei Kraftwerkskapazitäten beitragen.

Auch bei KWK gibt sich die Regierung eher zurückhaltend. Welche Unterstützung würden Sie sich hier wünschen?

KWK ist eine wesentliche Effizienztechnologie und zugleich Schlüssel für eine verstärkte dezentrale Energieversorgung. Halten wir erst einmal fest, dass auch die Bundesregierung den im KWK-Gesetz gesetzlich erklärten Willen hat, 25 Prozent des Stroms bis zum Jahre 2020 durch KWK-Anlagen erzeugen zu lassen. Leider müssen wir feststellen, dass zurzeit kaum die Hälfte erreicht ist und der Fokus der Regierung offenbar nicht auf eine weitergehende KWK-Unterstützung gerichtet ist. Wir nehmen die Politik beim Wort und erwarten, dass es bei der in 2011 anstehenden Zwischenprüfung des Gesetzes zu angemessenen Ausweitungen der bestehenden und zum Teil ausgelaufenen Förderungen kommt.

Trotzdem prognostiziert auch eine Wingas-Studie der Mini- und Mikro-KWK eine gute Zukunft. Findet die lange vorhergesagte Revolution in den Heizkellern jetzt statt?

Mikro-KWK-Anlagen haben das Potenzial, mittelfristig gerade im Bestandsbau effektiv CO2 zu reduzieren. Im Frühjahr 2011 werden wir zusätzlich für unsere Stadtwerke-Kunden ein spezielles KWK-Förderprogramm auflegen, um der Markteinführung kleiner Anlagen einen zusätzlichen Anschub zu geben. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, halten wir mittelfristig ein Mikro-KWK-Potenzial von bis zu 100.000 Geräten pro Jahr für möglich.

Die Volatilität auf dem Erdgasmarkt steigt. Wird sich dies mittelfristig ändern?

Der Wettbewerb auf dem deutschen Erdgasmarkt ist fest etabliert und unumkehrbar, auch nicht bei geänderter Angebotssituation. Bezogen auf die global steigende Erdgasnachfrage wird entscheidend sein, ob und wie lange die Produktion Schritt hält. Wesentliche Treiber sind Investitionen in die Produktion von unkonventionellem Erdgas, insbesondere Shale Gas, aber auch die geplanten Pipeline-Gas- und LNG-Projekte.

Das Angebot übersteigt doch heute schon die Nachfrage.

Aus unserer Sicht ist die aktuelle Situation, die zu einem globalen Angebotsüberhang durch Shale Gas in Nord-Amerika geführt hat, nicht nachhaltig. Die großen Produzenten werden genau überlegen, bei welchen Marktbedingungen sie die erforderlichen Milliardeninvestitionen in Upstream-Projekte absegnen. Fundamental spricht daher einiges dafür, dass Angebot und Nachfrage global mittelfristig wieder mehr in Balance kommen. Das ändert dann jedoch nichts daran, dass Europa schon aufgrund seiner ausgezeichneten Anbindung an die globalen Erdgasmärkte auf genügend Erdgas für eine preiswürdige Versorgung blicken kann.

Wird die Ölpreisbindung bleiben?

Sie hat sich über Jahrzehnte bewährt, bei hohen wie bei tiefen Preisen. Letztlich wird der Markt darüber entscheiden. Schauen wir mal, wie sich die Marktteilnehmer verhalten, wenn sich Spotpreise und traditionelle ölindizierte Preise wieder annähern. (mn)

VITA

Dr. Ludwig Möhring

• Seit 1992 ist Dr. Ludwig Möhring (49) in der Energiewirtschaft tätig.

• Nach seinem Einstieg bei der BEB Erdgas und Erdöl GmbH in Hannover wechselte er Anfang 2000 zu Shell Gas & Power nach London. Bei der Shell Energy Europe zeichnete er als General Manager unter anderem für den Vertrieb an Großkunden in Nord-West-Europa verantwortlich.

• Heute ist Dr. Möhring Mitglied der Geschäftsführung des Kasseler Gasspezialisten Wingas GmbH & Co. KG.

Erschienen in Ausgabe: 01/2011