50,2 Hz-Portal als Treffpunkt für alle Prozess-Beteiligten Software

Spezial

PV-Anlagen - Netzbetreiber sind gefordert, die Umrüstung der Wechselrichter laut Systemstabilitätsverordnung zu koordinieren. Nicht nur Anlagenbetreiber müssen angeschrieben werden, auch Dienstleister gilt es zu beauftragen, die Daten zu kontrollieren und Reports sind zu erstellen. Eine Portallösung hilft dabei, diese Aufgaben effizient anzugehen.

01. August 2013

Bis Ende Dezember 2014 müssen in Deutschland an über 300.000 Photovoltaikanlagen Wechselrichter umgerüstet werden –und zwar so, dass sich die Solaranlagen bei unterschiedlichen Frequenzen ausschalten und ein gleichzeitiges An- und Abschalten vermieden wird. Basis dafür ist die Systemstabilitätsverordnung (SysStabV), welche die sogenannte 50,2Hz-Problematik lösen soll.

Hoher logistischer Aufwand

Denn nach den alten bis Ende 2011 gültigen Anschlussregeln mussten sich Wechselrichter von PV-Anlagen ab einer Überfrequenz von 50,2 Hz vom Netz trennen. Die gesamte Erzeugungskapazität aller Solaranlagen in Deutschland ist aber so hoch, dass ein gleichzeitiges Abschalten die Stabilität des Stromnetzes gefährden würde.

Die vom Gesetzgeber erlassene neue Verordnung beinhaltet relativ kurze Fristen bis zum Abschluss der Arbeiten. So muss im Nieder- und Mittelspannungsnetz die erste Anlagengruppe mit einer Größe über 100kWp bis zum 31.8.2013 umgerüstet sein.

Verantwortlich für die Umrüstung der Wechselrichter sind die Netzbetreiber. Sie müssen in ihrem Netzgebiet nicht nur die genauen Anlagendaten erheben, sondern auch die Umrüstung organisieren. Das bedeutet alles in allem einen hohen Aufwand.

Die Mitnetz Strom hat daher über eine effiziente Umsetzung nachgedacht und gemeinsam mit einem IT-Partner eine Lösung entwickelt. Das Unternehmen betreibt als 100-prozentige Tochter der enviaM ein Stromnetz in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen. »Die Gesamtzahl der PV-Anlagen in unserem Netzgebiet umfasst rund 8.500.

Für diese Aufgabe eine Datenbankanwendung mit Online-Anbindung zu schaffen, lag auf der Hand«, so Ulf Matthes, Abteilungsleiter Netzeinspeiser von Mitnetz Strom. »Ein ausschließlicher Papierweg hätte die Umsetzung der Verordnung und dadurch die Stabilität unserer Energieversorgung unzulässig in Frage gestellt.«

Der eigentlichen Umrüstung ist zunächst eine Datenabfrage vorangestellt, um die von den Betreibern eingesetzte Technik zu erheben, erläutert Matthes die gestellten Aufgaben. Anschließend sind die einzelnen Anlagen einer umrüstenden Firma zuzuordnen und Termine zur Ausführung der Arbeiten zu vereinbaren. »Schlussendlich müssen nach Abschluss dieser logistischen Herausforderung auch eine Dokumentation und Nachweisführung folgen.« Auch werden von verschiedensten Stellen Statistiken und Berichte zum Stand der Umsetzung gefordert.

»Diese Aufgaben sollten durch IT unterstützt werden. Nur damit ist die enge Terminstellung der SysStabV realisierbar«, betont Matthes. Mit dem IT-Dienstleister Gisa entwickelte der Netzbetreiber daher das 50,2Hz-Portal. Seit Anfang des Jahres ist es beim Unternehmen im Einsatz. »Die größte Herausforderung lag in der schnellen Umsetzung des Portals: von der Produktidee bis zur Inbetriebnahme der Version 1.0 blieben nur zwei Monate Zeit.

Trotzdem konnte das Projekt fristgemäß umgesetzt werden«, so der Matthes weiter.

Das Online-Portal unterstützt sowohl Mitnetz Strom als auch die betroffenen Anlagenbetreiber, alle notwendigen Daten und Informationen in einem gemeinsam genutzten System bereitzustellen und abrufen zu können. Entsprechend der Aufgaben im Umrüstungsprozess sind dafür drei unterschiedliche Nutzer-Rollen realisiert.

Außerdem sei klar gewesen, dass neben dem eigenen Unternehmen auch alle anderen Netzbetreiber die Aufgabe schultern müssen. »Es lag daher natürlich nah, die geschaffene Lösung auch anderen Marktteilnehmern zugänglich zu machen.« Der Anbieter der Lösung ist Gisa. In der Zwischenzeit würden so viele Netzbetreiber das Portal nutzen, dass gut ein Drittel aller PV-Anlagen über das Portal erfasst werden.

Koordinierung aller Prozesse

Nutzt ein Netzbetreiber das Portal, werden alle PV-Anlagen-Besitzer erfasst, und mit einem Zugang für die Onlineplattform ausgestattet. Für den Import der PV-Anlagendaten gibt es eine definierte Struktur in Form einer Excel-Datei.

»Hier unterstützen wir auf Wunsch den Netzbetreiber bei der Bereitstellung der Daten für das Portal. Die Daten stammen aus den Systemen der Netzbetreiber. Entscheidend dabei ist, dass die in das Portal importierten Daten korrekt und vollständig sind«, erläutert Norman Klammer, Leiter Produktentwicklung des Portalanbieters.

Weiterhin ist das System an die Gisa-Druckstraße gekoppelt. »Netzbetreiber können somit auf Wunsch aus dem Portal heraus Anschreiben an die Anlagenbetreiber versenden.« Diese können nach Erhalt ihres Zugangs dann die Daten eintragen, sodass die Fachfirmen beauftragt werden können.

»Es gibt im Bereich der privaten Anwender auch Kunden, die lieber Papier ausfüllen«, berichtet Matthes. Der Sachbearbeiter beim Netzbetreiber kann diese Formularrückläufer dann in das Portal eingeben. Zudem überwacht er unter anderem die Datenerhebung durch vorgefertigte Auswertungen.

Das Anschreiben und Beauftragen der Dienstleister erfolgt außerhalb des Portals, durch den Netzbetreiber. »Das Ergebnis wird mit wenigen Mausklicks im Portal hinterlegt.« Damit kennt dann jeder Betreiber einer Anlage den künftigen Umrüster. Auch die Dienstleister erhalten einen Zugang zum Portal und können Terminvorschläge eintragen, bestätigen sowie eine erfolgte Umrüstung melden.

An die entsprechenden Prozessbeteiligten versendet das System automatisch eine E-Mail, wenn eine Information eingetragen wurde oder aber ein Feedback erwartet wird. Zudem sind Fristen- und Erinnerungsfunktionen angelegt.

Reports im Excel-Format

»Der Informationsaustausch findet in erster Linie mit Hilfe von Anschreiben und E-Mails statt«, so Klammer. »Außerdem besteht für Netzbetreiber und Dienstleister die Möglichkeit, die Reportfunktionalität zu nutzen«. Die Reports werden im Excelformat zum Download und zur beliebigen Weiterverarbeitung für Netzbetreiber und Dienstleister angeboten.

»Die wichtigsten Anforderungen an das System sind einfache Bedienbarkeit, Einhaltung des Datenschutzes, eine parallele Nutzbarkeit für viele Netzbetreiber, Anlagenbetreiber und Umrüsterfirmen sowie die Unterstützung der erforderlichen Berichte und Statistiken«, so Matthes abschließend.

»Letztlich steuert die geschaffene IT-Lösung einen wesentlichen Beitrag zur Stabilität der Energieversorgung bei, weil so die erforderlichen Umrüstungen schnellstmöglich umgesetzt werden können.«

Software

Weitere Portallösung in Arbeit

Gisa entwickelt derzeit eine Portallösung für das Baustellenmanagement von Netzbetreibern. Das Tool bietet laut dem IT-Anbieter zum einen eine Übersicht über sämtliche Baustellen im Netz, zum anderen die Kontrolle der Qualifikationsgültigkeiten, der zentralen Ablage von Dokumenten und die Überwachung meldepflichtiger und gefährlicher Tätigkeiten.

Durch entsprechende Berichtsfunktionen können außerdem Mängelschwerpunkte aufgedeckt und verbessert werden. Neben der Überwachung der Dienstleister lassen sich mit dem System auch die technischen Qualifikationen der Mitarbeiter abbilden. Das Tool wird spätestens Ende 2013 verfügbar sein, so das Unternehmen weiter.

Interview

»Nachgelagerte interne Prozesse standen bisher nicht im Fokus«

Norman Klammer, Leiter Produktentwicklung Gisa, über das Konzept hinter dem Portal, die Individualisierbarkeit und Erweiterungswünsche der Netzbetreiber.

Welche Punkte waren Ihnen bei der Entwicklung des Portals und bei der Umsetzung des Projektes besonders wichtig?

Besonders großer Wert wurde bei der Umsetzung auf Schnelligkeit, Datensicherheit, einen einfachen Aufbau der Oberfläche gelegt sowie auf eine robuste Softwarearchitektur, die eine schnelle, schrittweise Umsetzung der Funktionalitäten unterstützt. Zudem wurde das Portal so konzipiert, dass Netzbetreiber individuelle Anpassungen vornehmen können.

Muss das Portal denn auf die individuellen Bedürfnisse des jeweiligen Netzbetreibers angepasst werden?

Prinzipiell ist der Kernprozess für alle Netzbetreiber gleich. Unabhängig davpn kann das Portal jedoch individualisiert werden, beispielsweise durch die Anpassung der Formulare für Anschreiben oder die Signaturen der vom Portal versendeten E-Mails. Weiterhin ist die Einrichtung eines neuen Netzbetreibers als Mandanten im Portal sehr einfach umgesetzt. Ein wesentlicher Punkt ist dabei der Import der vorhandenen Daten zu den Anlagen.

Wo sehen Sie noch Optimierungsbedarf?

Der im ersten Schritt geplante schlanke Prozess zur Erfassung aller für die Umrüstung erforderlichen Daten wurde erfolgreich umgesetzt. In der täglichen Arbeit der Netzbetreiber entstehen natürlich noch wünsch wie beispielsweise die Verbesserung der internen Funktionen für Netzbetreiber bezüglich erforderlicher Datenänderungen und später erfolgender Nachhaltung der erfolgten Abrechnungen.

Mit welchen Fragen kommen Interessenten an dem Portal denn ganz allgemein auf Sie zu?

Für unsere Kunden stehen insbesondere die Themen Datenschutz Individualisierbarkeit im Mittelpunkt. Aber auch die genaue Funktionsweise des Portals ist für die Netzbetreiber von Interesse.

Planen Sie, noch weite Funktionen einzuführen?

Die der Datenerfassung und Umrüstung nachgelagerten internen Prozesse der Netzbetreiber standen bisher nicht im Fokus des Portals. Eine Erweiterung in diese Richtung ist durch die modulare Architektur des Portals auf Wunsch natürlich möglich. Ebenso ist es denkbar, dass der Gesetzgeber eine ähnliche Verordnung zur Absicherung des Stabilität der Netze auch für Windenergieanlagen umsetzen will - auch dafür wäre das Portal dann geeignet.

Erschienen in Ausgabe: 06/2013