Acer empfiehlt Trennung deutsch-österreichischer Preiszone

Die Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) hat eine rechtlich unverbindliche Empfehlung zur Trennung der deutsch-österreichischen Stromhandelszone abgegeben. Die Bundesnetzagentur, die österreichische E-Control und der BDEW äußerten sich im Nachgang.

24. September 2015

Die BNetzA begrüßt die Empfehlung im Ergebnis, hat jedoch eine abweichende Auffassung zu bestimmten Punkten der Begründung von ACER, die österreichische E-Control hält andere Lösungen als die vorgeschlagene für effizienter und wirksamer.

Hintergrund der Diskussion

Aufgrund der gut ausgebauten Übertragungsnetzverbindungen zwischen Deutschland und Österreich besteht seit 2001 eine gemeinsame Stromhandelszone in Deutschland und Österreich. Im Gegensatz zu anderen Grenzen bestand bisher kein Bedarf, die Stromhandelsaktivitäten zwischen beiden Ländern durch Einführung eines Engpassbewirtschaftungsverfahrens einzuschränken, teilen die beiden Regulierungsbehörden weiter mit.

In den vergangenen Jahren ist der Stromhandel zwischen Deutschland und Österreich jedoch stark gestiegen. Die hohen Exporte haben Auswirkungen auf die Netzsicherheit sowohl in Deutschland als auch in Polen und Tschechien, weil ein Teil dieser Exporte unter anderem wegen des noch nicht vollständig umgesetzten deutschen Netzausbaus über Stromflüsse durch das polnische und tschechische Netz realisiert wird.

Auf Antrag der polnischen Regulierungsbehörde URE hat ACER die betroffenen Regulierungsbehörden und Übertragungsnetzbetreiber nun aufgefordert, sich zur Einführung eines Engpassmanagements zu verpflichten und innerhalb von vier Monaten einen Implementierungszeitplan zu erarbeiten. Dann könnte Strom nicht mehr in unbegrenzter Höhe zwischen Deutschland und Österreich gehandelt werden, so dass es in einzelnen Stunden zu unterschiedlichen Großhandelspreisen in beiden Ländern kommen kann.

Bisher wird den Netzüberlastungen im deutschen, polnischen und tschechischen Netz primär situativ durch Schaltmaßnahmen und Redispatch begegnet. Nach übereinstimmender Auffassung der Bundesnetzagentur und der E-Control ist massiver Redispatch nur eine vorübergehende Maßnahme um Netzengpässe zu beherrschen, die bis zum Abschluss des Netzausbaus auftreten.

BNetzA und E-Control wollen sich am von ACER angestoßenen Prozess beteiligen

Die Aufteilung der deutsch-österreichischen Preiszone steht mit der Empfehlung von ACER auf der politischen Agenda, beide Behörden werden sich an dem von ACER angestoßenen Verhandlungsprozess zusammen mit den Nachbarländern konstruktiv beteiligen, teilen die beiden Regulierungsbehörden weiter mit. Dabei sei es nicht ausgeschlossen, zu Lösungen zu kommen, welche die Interessen aller Beteiligten noch besser gewährleisten als eine Engpassbewirtschaftung.

Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur, und Walter Boltz, Vorstand der E-Control erklären: "Wir wollen gemeinsam mit den Kollegen aus Polen und Tschechien eine nachhaltige und effektive Lösung für die Probleme bei der Netzstabilität erarbeiten. Ziel ist eine langfristig vernünftige Balance zwischen den Bedürfnissen des Stromhandels, einem zumutbaren Netzausbau und den berechtigten Sicherheitsanliegen der betroffenen Nachbarstaaten."

Man bekenne sich dazu, Maßnahmen umzusetzen, die die Netzstabilität sichern, für die Übertragungsnetzbetreiber handhabbar bleiben, und die gleichzeitig möglichst geringe volkswirtschaftliche Belastungen mit sich bringen. Walter Boltz ergänzt: "Wir sind uns des Problems und der Verantwortung bewusst; für Lösungen sind aber auch rechtliche Rahmenbedingungen, insbesondere Wettbewerbsfragen, zu berücksichtigen."

Nicht vor Winter 18/19

Beide Regulierungsbehörden wollen der ACER-Empfehlung, Verhandlungen aller betroffenen Länder einzuleiten, Folge leisten. Zu berücksichtigen seien dabei aber nicht nur die westlichen und östlichen Nachbarn, sondern auch der Prozess der Gebotszonenkonfiguration (Bidding-Zone-Review), der gerade auf Grundlage der CACM-Guideline von den Europäischen Übertragungsnetzbetreibern gestartet wird. Falls die Einführung einer Bewirtschaftung der deutsch-österreichischen Grenze als beste Lösung identifiziert wird,sei mit deren praktischer Wirksamkeit nicht vor dem Winter 2018/2019 zu rechnen.

Reaktion BDEW

Der BDWE teilt die Einschätzung von ACER nicht. Dieser empfiehlt eine Aufspaltung des deutsch-österreichischen Strommarktgebiets zu mit der Begründung, dass strukurelle Engpässe an den Ländergrenzen, die zu Belastungen der Stromnetze führen könnten.

" Ein Aufbrechen der einheitlichen Preiszone zwischen Deutschland und Österreich steht dem Ziel eines europäischen Strombinnenmarktes entgegen. Zudem senkt es den Handlungsdruck auf den dringend notwendigen Netzausbau in Deutschland. Statt voreilig eine solche Empfehlung zu veröffentlichen, hätte ACER die für das zweite Quartal 2016 erwarteten Ergebnisse der Expertengruppe des Verbands der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) zum optimalen Zuschnitt der Preiszonen abwarten sollen", kritisiert die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung Hildegard Müller.

Die österreichisch-deutsche Preiszone verfüge im Vergleich zu anderen europäischen Marktplätzen über eine überdurchschnittlich hohe Liquidität - sowohl im Spot- als auch im Terminmarkt, so der BDEW. Die in dieser Zone ermittelten Großhandelspreise hätten für den gesamten europäischen Raum eine Signalwirkung.

Der Börsenrat äußerte sich schon im Vorfeld der ACER-Empfehlung, wie hier auf Energiespektrum zu lesen ist.