»Alle Zeichen stehen auf Zusammenarbeit«

Markt

Seit einem Jahr ist Robert Fischenich Geschäftsführer von Rku.it in Herne. Er hat die Belegschaft ausgebaut und ein Innovationsmanagement etabliert. Das Geschäft erfordert es.

27. Oktober 2015

Herr Fischenich, Ihre Schwerpunkte in der Geschäftsführung sind Anwendungsberatung und Vertrieb. Worauf kommt es da an in den nächsten Jahren?

 

Wir befinden uns in einem Markt, der hoch gesättigt ist. Es herrscht Verdrängungswettbewerb. Unser Ziel ist, die Kosten im Griff zu behalten für unsere Gesellschafter und Kunden. Das erreichen wir dadurch, dass wir Plattformen aufbauen und gemeinsame Entwicklungen machen.

Neukunden als solche sind schwierig zu akquirieren. Trotzdem ist uns das in den letzten Jahren gelungen. Wir haben auch aktuell Ausschreibungen, wo wir gut positioniert sind. So wollen wir wachsen.

 

Was heißt das bezogen auf die Versorgerstruktur in Deutschland mit mehr als 800 Stadtwerken und vier Stromkonzernen?

 

Wir erwarten, dass die kleineren Stadtwerke mehr und mehr Probleme haben, ihre IT selber zu betreiben. Ich glaube auch, dass wir einen Generationenwechsel erleben in den nächsten fünf Jahren; die jüngere Generation wird neue Wege gehen und ist eher bereit als ihre Vorgänger, Aufgaben outzusourcen beziehungsweise an Dritte zu übertragen.

Gut, früher haben wir immer gesagt, ein gutes Beispiel ist die Automobilindustrie. Das ist natürlich momentan durch VW kein so gutes Beispiel. Grundsätzlich denke ich, dass es viele Stadtwerke aufgrund der Komplexität der Anforderungen an ihre IT nicht mehr alle alleine schaffen werden. Das ist gar nicht ein reines Kostenthema, das merken wir mehr und mehr. Die Unternehmen haben nach dem Deregulierungshype nicht mehr die Mannschaft, um diese Dinge alle selber zu tun. Hinzu kommt: wir haben in Deutschland einen speziellen Markt mit verschiedenen Mittelstandsberatungsunternehmen.

Aber es gibt wenige Unternehmen, die sowohl den IT-Betrieb als auch die Beratung gemeinsam machen. Es gibt dann entweder die reine Beratung oder den reinen IT-Betrieb und die Unternehmen, die eine gemeinsame Plattform haben. Neuerdings zum Beispiel EnBW. Die bieten zum Beispiel auch Applikationsbetreuung mit der Prozessbetreuung, also sprich finale Sachbearbeitung an.

Unser Ansatz ist ein Partnermodell mit der Evu Zählwerk, mit der wir seit vielen Jahren eng zusammenarbeiten, sodass wir da dann den gesamten Wertschöpfungsbereich anbieten können.

Das digitale Messwesen ist ein Paradigmenwechsel für alle Versorger und erfordert viel Zeit und Geld. Früher hätte das Thema die Branche auf Jahre beschäftigt. Heute ist es durch die Energiewende eine Baustelle unter weiteren. Was bedeutet das für Stadtwerke?

 

Smart Metering kann man nicht mehr selber machen. Selbst wir mit 4,7 Millionen Zählpunkten können es vielleicht gerade selber machen. Das heißt, alle Zeichen stehen auf Zusammenarbeit und Kooperation. Da stellt sich nur die Frage bei den Stadtwerken, mache ich das mit dem oder mit dem?

 

Rku.it ist durch die Gesellschafter sehr nah dran an den Stadtwerken. Ist das ein Vorteil, wenn es um Smart Metering geht?

 

Es ist für die Stadtwerke eine wichtige Frage, mit welchem Partner sie zusammenarbeiten. Wo haben sie noch das Gefühl, dass sie das Thema mit steuern können, dass es so umgesetzt wird, dass es dann auch für das Unternehmen langfristig gut ist? Die eine Ebene ist die technische Beherrschbarkeit. Da merkt ja der Endanwender hoffentlich nichts von. Und das Stadtwerk auch nicht. Diese Ebene bereitet mir keine Sorgen.

Wichtig ist, eine Mehrwertleistung zu generieren. Etwa bei Großverbrauchern oder Gewerbekunden. Denen muss man nach der Analyse des Verbrauchsverhaltens bestimmte Angebote machen.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Verbrauchsverhalten eines Backshops und einer Bäckerei und zwischen Gewerbekunden. Dafür muss es doch Anreize, Produkte und Angebote geben mittels Smart-Meter-Lösungen.

Mit dem aktuellen Gesetzesentwurf wird das Smart Metering gerade wieder verkompliziert oder zumindest komplex gemacht. Der Datenaustausch zwischen den einzelnen Playern wie Verteilnetzbetreiber, Lieferant und Messstellenbetreiber wird noch mal komplett geändert. Dadurch wird der Datenaustausch der Marktteilnehmer untereinander relativ kompliziert und erreicht hohe Datenvolumina.

So wie wir es schon von den Verteilnetzbetreibern zu den Lieferanten hatten und auch mit dem EDM-System. Von daher ist es wichtig, das Ganze möglichst effizient umzusetzen.

Sie sind seit 15 Jahren in der Energiewirtschaft. Was ist heute anders als damals?

 

Der klassische IT-Betrieb, die Infrastruktur, Hosting von Servern, SAP, das gibt es schon jahrelang. Definitiv neu ist, dass die Kunden eine höhere Time-to-Market-Erwartung haben.

Die wollen innerhalb von mehreren Wochen oder Monaten eine komplett neue kundenfreundliche Rechnung haben, die wollen bestimmte Softwarelösungen oder Add-on-Lösungen sehr schnell einführen. Und sie wollen auch mehr in ihren Prozessen beraten werden im Sinne von Prozessberatung.

Wir decken das ab mit dem ›Rku.it-and-Friends‹-Programm, wo wir uns wirklich für einzelne Bereiche Beratungsunternehmen heraussuchen auf dem Markt, um bestimmte Themen angehen.

Die Lebenszyklen gerade im Bereich Mobile sind schnell. So schnell können die Mitarbeiter gar nicht auf- und abgebaut werden. Hier nehmen wir uns für spezielles Wissen Partner mit hinzu, um diese Anforderungen zu erfüllen. Das war früher anders.

Der Trend geht zu solchen agilen Modellen, wo wir wesentlich schneller reagieren müssen und auch das Portfolio wesentlich breiter streuen müssen als das vorher der Fall war.

Das gilt für alle Bereiche, bei Energiedatenmanagementsystemen, bei Archivierungslösungen, Portalen und CRM-Systemen und mobilen Lösungen.

Das ist im Grunde genommen ein Brennglas für die Branche insgesamt. Ein bisschen weg von diesen ganz langfristigen Zyklen, hin zu mehr Kurzfristigkeit.

Das führt bei uns nicht zu einer Atemlosigkeit, aber doch zu einer höheren Schlagzahl. Definitiv ja. Da muss sich auch die Kultur ändern, da tritt mehr Speed und Agilität auf. Und da sourcen wir auch zu, über die gesamte Wertschöpfungskette, in einem gesunden Maße.

Was heißt das konkret?

 

Wir haben 20 neue Mitarbeiter eingestellt. Junge Leute, die mit den modernen Arbeitsumgebungen umgehen.

Die brauchen kein Bedienungshandbuch mehr. Die kommen von der Uni, sind gut ausgebildet, können sich gut in neue Themenstellungen einarbeiten.

Zudem haben wir Strukturen teilweise verschlankt und im Vertrieb auch einige Änderungen vorgenommen. Bestands- und Neukundenvertrieb wurden getrennt, wir haben Leute auf dem Markt akquiriert, die sich darum kümmern. Wir entwickeln neue Broschüren und Internetseiten. Es ist einiges im Umbruch.

 

Wie lange wird das dauern?

 

Das dauert bestimmt noch ein, zwei Jahre. Wir haben derzeit einen natürlichen Prozess der Verjüngung des Managementteams. Letzten Endes müssen wir uns jetzt den neuen Herausforderungen stellen und vom Team her mischen.

 

Damit wären wir bei Ihnen. Sie sind ja jetzt genau ein Jahr auf der Position. Wie lautet eine erste Bilanz?

 

Mehr Themen als erwartet, aber alles ganz gut beherrschbar. Sehr vielfältig und im Vergleich zu einem Industrie-IT-Unternehmen sachlich und nachhaltig und nicht so umsatzgetrieben, sondern themengetrieben.

Die Kundeninteressen alle unter einen Hut zu bekommen, dass ist die größte Herausforderung. Wir haben ja Kunden von 30.000 bis auf 400.000 Zählpunkte. Aber ich glaube, wir sind auf einem ganz guten Weg. Wir haben sehr gute Zahlen für dieses Jahr ...

 

... und zwar?

 

Wir haben in diesem Geschäftsjahr mit Stichtag 30.9. bei einem Umsatz von rund 50 Millionen Euro einen Gewinn von circa 1,8 Millionen Euro vor Steuern.

Und unser Ziel ist es nicht, im Gegensatz zu privaten IT Services, EBIT maximierend zu arbeiten; also Kosten runter und attraktiver Preis und Umsatzsteigerung nur durch Mehrwert oder neue Kunden.

Zurück zu Ihnen. Wie war für Sie persönlich die Umstellung? Was war leichter im neuen Job als gedacht und umgekehrt schwerer als zunächst angenommen?

 

Ich habe mich für Rku.it entschieden, um fachlich Themen steuern zu können. Jetzt kann ich das. Im Fokus steht die Lösung, nicht der Umsatz. Beides ist sehr positiv.

Es gibt bei uns im Vergleich zu einem Start-up viele definierte Vorgänge. Man kann sehr in Ruhe arbeiten, weil vieles definiert ist. Das ist aber wiederum einen schwieriger Punkt, wenn es um Innovationen und Spontanität geht. Dazu braucht es Freiräume.

Wir haben jetzt ein Innovationsmanagement aufgebaut, das es so bisher nicht gab. Zudem braucht es freigestellte Mitarbeiter, die sich nur mit Neuerungen befassen sollen.

 

Trägt das Ihre Handschrift?

 

Ja.

 

Das IT-Sicherheitsgesetz trat im Sommer in Kraft. Wie geht Rku.it damit um?

 

Wir setzen es intern um, begleiten aber auch unsere Kunden bei der Umsetzung. In dem Fall mit Becker Büttner Held Consulting, um das Ganze von fachlicher und rechtlicher Seite zu beleuchten. Unsere Mitarbeiter müssen Ausweiskarten tragen. Alle Türen sind mit Zutrittskontrollen gesichert. Das kostet alles viel Geld, aber es nimmt wesentlich mehr Bedeutung an als es vor vielen Jahren noch der Fall war.

Mir kommt das Thema IT-Sicherheit manchmal wie ein Hype vor.

 

Das ist nicht nur ein Hype. Es ist heutzutage aufgrund der vielen Daten und Zugänge erforderlich. Da haben auch noch viele Stadtwerke Handlungsbedarf, da gibt es die wenigsten, die dort schon ganz sicher aufgestellt sind. In zehn Jahren werden 80 Prozent der Kunden oder noch mehr Onlineservice-Szenarien nutzen, in die sie sich selber einwählen. Quasi eine Amazon- oder Ebay-Umgebung für jedes Stadtwerk. Da werden auch alle Daten online zugänglich sein. Die Kundendaten, alle E-Mail-Adressen und Handynummernsind dort hinterlegt. Diese Daten müssen sehr gut personalisiert sein. Und das geht nur in einer professionellen IT-Umgebung. Da geht es auch um Vertrauensverlust und Rufschädigung.

 

Wenn Sie jetzt mal nach vorne gucken, 12 oder 24 Monate, wo wollen Sie dann stehen?

 

Dann wollen wir zwei, drei kleinere neue Stadtwerke gewonnen haben. Wir möchten zudem neue Prozesse und Themen haben, die dem Time-to-Market-Gedanken nachkommen.

 

Können das x-beliebige Stadtwerke sein?

 

Regional gibt es keine begrenzenden Komponenten. Vom Anforderungsprofil können wir alles bedienen, von klein bis groß. Wir haben uns aber festgelegt auf zwei Softwarelösungen. SAP für mittelgroße bis große Energieversorger und Schleupen-Verbrauchsabrechnung für kleine Energieversorgungsunternehmen.

 

Warum genau diese beiden?

 

Der Vorteil von Schleupen ist, dass es geringeren Anpassungsbedarf hat und direkt vom Lieferanten ausgeliefert wird. Die haben geringere Testzyklen und mehr vorgegebenen Softwarebestand. Das ist aber auch der Nachteil. Wenn Sie individuelle Anforderungen erfüllen müssen mit modernsten Systemen oder mit sehr viel Anpassung an verschiedene Sub-Systeme, dann ist es mit SAP einfach leichter, aber auch teurer. (hd)

Erschienen in Ausgabe: 09/2015