Alte Stützen nicht zu früh einreißen

VGB-Chef Jäger zum Kraftwerksbedarf des kommenden Jahre

Für ein konstruktives Miteinander von Politik und Wirtschaft setzte sich der VGB-Vorstandsvorsitzende Dr. Gerd Jäger auf dem Kongress „Kraftwerke 2002“ ein. Für die nahe Zukunft gelte es, bestehende Technikpotenziale zu nutzen und parallel neuen Technologien zur Reife zu verhelfen.

28. Februar 2003

Auch wenn heute häufig von Überkapazitäten bei der Stromerzeugung die Rede ist - bald werden neue Kraftwerke benötigt. Das machte Dr. Gerd Jäger, Vorsitzender des Vorstandes der VGB PowerTech e.V. anlässlich des diesjährigen Kongresses „Kraftwerke 2002“ in Essen deutlich. Schon auf der Vorjahresveranstaltung in Brüssel hatten Experten das Thema Neubaubedarf diskutiert und Prognosen angestellt. „Wir haben dort festgestellt - und können dies heute bestätigen -, dass im Zeitraum 2010 bis 2020 rund 40.000 Megawatt neue Kraftwerksleistung in Deutschland und rund 200.000 Megawatt in Europa ersetzt werden müssen“, erklärte Jäger in Essen.

Der Grund ist nicht im Anstieg des hiesigen Strombedarfs zu sehen, sondern in Ersatzinvestitionen: Die alten Kraftwerke der Sechziger und Siebziger Jahre werden dann außer Betrieb gehen. „Für die Stromerzeuger in Deutschland bedeutet dass ein Investitionsvolumen in Höhe von etwa 30 Mrd. € alleine in diesen zehn Jahren“, machte Jäger deutlich.

Einen Anstieg des Pro-Kopf-Verbrauchs prognostiziert der VGB-Vorstandsvorsitzende jedoch für die künftigen EU-Mitgliedsländer. Mit der anstehenden EU-Erweiterung, mit der ab 2004 voraussichtlich zehn neue Staaten zur europäischen Staatengemeinschaft gehören, wächst die EU um 45 Millionen weitere Stromkunden, die einen einem Bedarf von 415 Mrd. kWh pro Jahr verkörpern. Diese Länder erzeugen ihren Strom vorwiegend aus Kohle und Kernenergie. „Gemessen an unserem Lebensstandard könnten die Beitrittsländer ihren Stromverbrauch pro Jahr auf rund 700 Milliarden Kilowattstunden aufstocken, um gleichzuziehen“, so Jäger.

„Wir stehen also vor großen Herausforderungen.“ Allerdings seien die politischen Randbedingungen in Deutschland wie in Europa völlig ungeklärt. Das liege daran, „dass ideologiegetriebene Illusionen realistische, zukunftsgewandte Konzepte verhindern“, meinte Jäger und verwies auf den Bericht der Enquete-Kommission zur nachhaltigen Energieversorgung. „Hier wurden völlig illusionäre Energieszenarien, wie die Reduktion des Primärenergiebedarfes um 50 % bis 2050 oder der Bau von 70 neuen Kernkraftwerken bis 2030 vom jeweils politischen Gegner missbraucht und für eigene ideologisch geprägte Forderungen instrumentalisiert“, kritisiert Jäger. Außer einer Ansammlung von Gegendarstellungen, Minderheits- und Mehrheitspapieren sowie Fußnoten sei von dem Anspruch, eine realistische Zukunftsbeschreibung für die Energie- und Stromversorgung zu erarbeiten, im gesamten Bericht nichts übrig geblieben, urteilt der VGB-Vorstandsvorsitzende.

„Der Blick für die Gesamtaufgabe Stromversorgung gerät völlig aus dem Auge“, sagte Jäger. Kohle trage wesentlich zu einer sicheren Stromversorgung bei. Und obwohl gerade die Verstromung von Kohle noch „enorme Effizienzpotenziale“ habe, werde ihr Einsatz durch die Vorschläge zum Emissionshandel einseitig massiv belastet.

Damit möchte Jäger sich nicht gegenüber Zukunftstechniken sperren. „Auch wir hoffen auf die technische wie wirtschaftliche Einsatzreife von Brennstoffzellen, Wasserstoffnutzung, regenerativen Energien oder Kernfusion und wünschen uns, damit langfristig die Nutzung von Kohle, Gas und Kernenergie ergänzen und vielleicht irgendwann auch ersetzen zu können“, bekräftigt er. „Dies wird aber heute und morgen nicht möglich sein.“ Man dürfe daher nicht einfach die bestehenden Säulen einreißen, wenn noch keine neuen, kräftigen Stützen zur Energieversorgung existieren.

„Das bedeutet konkret, dass wir vor drei wichtigen Aufgaben stehen“, so Jäger. Erstens müsse die Reinvestitionsfähigkeit der Unternehmen wieder hergestellt und gesichert sein, denn schon jetzt sei der anstehende Neubaubedarf vorzubereiten und zu planen. Zweitens sei es wichtig, die Chancen der Technologie zu nutzen. „Wir brauchen neuen Schub in der Kraftwerkstechnik: Neue technologische Konzepte, zum Beispiel moderner Kohlekraftwerkstechnik, erlauben nachhaltige und kostengünstige CO2-Einsparung und effizienten Betrieb.“ Parallel sei es erforderlich, an der Entwicklung der Zukunftstechnologie konsequent weiterzuarbeiten. „Dabei darf jedoch nicht die Basis der heute sicheren und wirtschaftlichen Stromerzeugung entzogen werden“, warnte Jäger. Dazu gehörten auch die Kohleverstromung sowie die Kernkrafttechnik.

Die größte Herausforderung stelle allerdings der dritte Punkt dar, so Jäger: „Wir brauchen den Handlungsspielraum, die Stromversorgung auf belastbarer politischer Basis und illusionsfrei für morgen zu organisieren. Das bedeutet: Wir brauchen das Verständnis, dass mit allen vorhandenen Energieträgern die Stromversorgung in den nächsten Jahrzehnten mit hoher Effizienz und wirkungsvollem Beitrag zum Umweltschutz wirtschaftlich betrieben werden kann und muss.“

Jäger wandte sich an die Politik: „Ich will für die VGB PowerTech, die heute von Kohle und Kernenergie über Gas und Wasser bis hin zum Wind alle Energieträger für die Stromerzeugung vertritt, an die Adresse der Politik das Angebot vermitteln, für den sachlichen Dialog über die zukünftige Stromversorgung bereit zu stehen. Wir sind bereit, enorme Investitionen in neue Kraftwerkstechnologie zu setzen, um wirklich nachvollziehbare und wirkungsvolle Ressourcen- wie Umweltschonung durchzusetzen. Wir müssen aufhören, uns gegenseitig Illusionen oder ,Betondenken& pos; vorzuwerfen und stattdessen, auf Basis der heute zur Verfügung stehenden Energien und Techniken die Zukunft gestalten.“

Erschienen in Ausgabe: 12/2002