Am Anfang ward Dickicht

Kontroverse um Nutzungsentgelte für Stromnetze

Um die Nutzungsentgelte für Stromnetze ist Streit entbrannt. „Vielfach überhöht“, sagen Verbraucherverbände und Marktneulinge. „Unzulässige Vergleiche“, kritisiert VDEW vorliegende Untersuchungen.

14. Mai 2001

Die deutschen Stromnetzbetreiber mussten sich in den letzten Wochen vielstimmige Kritik anhören: „Überhöhte Netznutzungsgebühren“ und „knallharte Blockadepolitik“ lauteten Vorwürfe von Seiten neuer Anbieter wie Yello, Riva Energy oder Ares. Der VIK Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft, der einen Preisvergleich Stromnetze ins Leben gerufen hat, haut in die gleiche Kerbe: „Zwei Drittel der Preisangebote der Netzbetreiber liegen über den Richtpreisen der Verbändevereinbarung Strom II (VV Strom II).“ Dabei gebe es gravierende Unterschiede zwischen den Netzbetreibern.

Bei Mittelspannungskunden stellte der VIK zwischen dem günstigsten Unternehmen, der RWE Net AG, (durchschnittlich 3,13 Pf/kWh) und dem teuersten, der e.dis Energie Nord (7,10 Pf/kWh), eine Differenz von 3,97 Pf/kWh (127 %) fest. Bei niedrigen Nutzungsdauern seien die Diskrepanzen sogar noch größer. Der Bundesverband der Energie- Abnehmer (VEA) ermittelte bei seinen Erhebungen ähnliche Zahlen.

Dr. Hans-Jürgen Budde, Geschäftsführer des VIK, kann bislang nur Erklärungsversuche geben, wie sich die extreme Spreizung erklärt. Die Tatsache, dass die Übertragungsnetzbetreiber gut abgeschnitten hätten, Regionalversorger und Stadtwerke aber eher schlecht, „könnte vermuten lassen, dass bei letztgenannten einerseits noch Rationalisierungsreserven vorhanden sind, andererseits aber wegen mangelnder Transparenz im eigenen Rechnungswesen die Kostenzuordnung in der Kalkulation noch nicht verursachungsgerecht vorgenommen werden kann oder dass die Übertragungsnetzbetreiber ihre Netze grundsätzlich anders kalkulieren. Bei den ostdeutschen Übertragungsnetzbetreibern führen sicherlich auch die hohen Kosten des Veag-Stromübertragungsnetzes zu höheren Gesamtnutzungsentgelten.“

Dass netzfremde Kostenbestandteile in die Kalkulation einfließen, sei „nicht auszuschließen“. Um hier für mehr Transparenz zu sorgen, plädiert der VIK für eine „grundsätzliche Offenlegung“ der Kalkulationen. Budde äußerte sich optimistisch, dass das Vergleichsmarktprinzip seine Kräfte schon bald entfalten wird. Man könne davon ausgehen, dass sich bei den Netznutzungsentgelten „in Zukunft noch viel bewegen wird“.

Die Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) widerspricht den Zahlen von VIK und VEA. „Definiert man konkrete Abnahmefälle, wie dies bei der VDEW-Erhebung geschehen ist, so stellt man fest, dass die meisten Netzbetreiber in einem sehr engen Bereich um den ermittelten Mittelwert liegen.“ Gebe es Ausreißer, sei dies durch Topologie, Besiedlungsdichte, Abnahmestruktur oder ähnliches konkret begründet. Vergleiche von Netznutzungentgelten von Kunden in verschiedenen Spannungsebenen seien nicht zulässig.

Auch habe die VV Strom II keine „Richtpreise“ vorgegeben, sondern es handele sich explizit um „Beispielrechnungen“. Alle deutschen Netzbetreiber bemühten sich um weitere Rationalisierungen. Wenn man über Netznutzungsentgelte rede, sei auch zu berücksichtigen, dass diese nach VV Strom II zusätzliche Dienstleistungen enthalten, beispielsweise Netzverluste.

Mit dem VDEW-Kalkulationsleitfaden verfügen die Netzbetreiber laut Verband über eine einheitliche Kalkulationsbasis: „Netzfremde Kostenbestandteile fließen nicht in die Kalkulation mit ein.“ Zum Thema Unbundling stellt die VDEW fest, dass vom Gesetzgeber kein organisatorisches, sondern nur ein kalkulatorisches Unbundling gefordert sei, und dies sei bei den Mitgliedsunternehmen umgesetzt. Unter dem Strich seien die deutschen Netznutzungsentgelte nicht höher als im europäischen Umfeld.

Erschienen in Ausgabe: 12/2000