Weltweit setzen sich immer mehr Unternehmen Ziele für Nachhaltigkeit und Emissionsreduktion. Google, Apple, Facebook, Amazon oder Tesla stellen ihre Energieversorgung auf hundert Prozent erneuerbare Energien um. Und zwingen ihre Zulieferer, es ihnen gleichzutun. In Deutschland müssen Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten seit 2017 jährlich einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen; er dokumentiert Strategie, Aktivitäten und Ziele des Unternehmens in Sachen Ressourcenschonung und Umweltschutz. Investoren und Finanzinstitute schauen vor einer Investitionsentscheidung oder Kreditvergabe an ein Unternehmen genau hin, wie sich die Firma um Umweltschutz kümmert.

Unabhängig davon nutzen bereits seit Jahren viele Unternehmen den Trend zur Nachhaltigkeit als Chance; sei es für die Entwicklung neuer Produkte, sei es im Marketing oder für die Akquise neuer Mitarbeiter. Diese Dynamik wird sich Experten zufolge in den nächsten Jahren noch intensivieren. Einer der Gründe ist das neue Klimaschutzgesetz der Bundesregierung. Es verpflichtet neben dem Strombereich auch die Bereiche Gebäude und Verkehr zu verbindlichen CO2-Einsparungen pro Jahr.

Klimaschutzgesetz

Damit erweitert sich der Kreis von Unternehmen, die fokussiert ihre Emissionsbilanz unter die Lupe nehmen müssen. Bundesweit müssen kleine und mittelständische Unternehmer sich mit der Frage befassen, wie sie künftig den gesetzlichen Anforderungen gerecht werden.

Die Plattform Hydrogen & Fuel Cells hat erstmals mehr als 200 Aussteller.

— Basilios Triantafillos Deutsche Messe

Neben technischen Lösungen wie Energiemanagementsystemen gewinnen Energieberatung und Know-how-Transfer im Rahmen Lernender Netzwerke an Bedeutung. Das gilt auch für den Einsatz synthetischer Gase in Form von grünem Wasserstoff und CO2-freiem Methan zur Wärmeerzeugung und im Straßenverkehr.

Messeschwerpunkt Emissionsreduktion

Die Organisatoren der Hannover Messe haben daher der Emissionsreduktion viel Raum gewidmet im Rahmen des Schwerpunktthemas Energy Solutions.

In Halle 12, Stand D80, beispielsweise stellt die Firma Weidmüller GTI Software ihr Energiemanagement-Portfolio vor. Zum Klimaschutzprogramm der Bundesregierung sagt Achim Schreck, Geschäftsführer der Weidmüller GTI Software in einem Interview mit der Messegesellschaft: »Diese Entscheidung wird die Nachfrage nach Energiemanagement-Systemen deutlich steigern, weil damit viel Energie und damit auch CO2 eingespart werden kann.«

Schreck sieht vor allem in den Reihen der energieintensiven Industrie eine Optimierung der Prozesse sowie des Lastmanagements als die treibenden Motive, mehr als bisher in Energiemanagement-Lösungen zu investieren.

Daten automatisiert erfassen

Damit sich am Ende die Investitionen für die Industrieunternehmen aber auch lohnen, braucht es eine ausgeklügelte, sensible Datenerfassung und Transparenz aller Einflussfaktoren in der Produktion.

Dies bezieht nicht nur die energetische Seite mit ein, sondern auch die Materialien, die in der Herstellung verwendet werden. Erst wenn alle Daten automatisiert erfasst sind, der Betrieb folglich vernetzt ist, kommt die GTI-Software Res-Ma zum Einsatz, die nach ISO 50001 zertifiziert ist. Die Software bietet laut Weidmüller einen vollständigen Überblick über einzelne Prozessabschnitte und lässt eine präzise Analyse aller Vorgänge zu.

So geben grafisch gut aufbereitete Übersichten über einzelne Verbräuche schnell Ansatzpunkte für konkrete Einsparpotenziale, die per PDCA-Zyklus dokumentiert und im Ergebnis überprüft werden.«

Best Practice

Außer in Halle 12 dreht sich auch in den Hallen 11, 13 und 27 alles um Energieerzeugung und Energieverbrauch. Die Aussteller präsentieren zahlreiche Best-Practice-Beispiele für Industrie und Gewerbe.

»Der Messebesucher wird wieder spannende Best-Practice-Beispiele sehen, die bestenfalls schon Lösungen für eine CO2-freie Produktion anbieten«, sagt Basilios Triantafillos, Global Director Energy Solutions im Team der Hannover Messe. »Das Projekt Salcos von der Salzgitter AG sei nur stellvertretend für viele spannende Anwendungen genannt.«

Der Stahlkonzern treibt seit ein paar Jahren ein weitreichendes Projekt zur Dekarbonisierung in der Primärstahlproduktion voran. Im Kern geht es darum, anstelle von Kohlenstoff bei der Eisenerzreduktion Wasserstoff einzusetzen, was wiederum die Bildung von Wasser statt Kohlendioxid zur Folge hätte. Zusätzlich würde nach dem Salcos-Konzept die für Herstellung und Weiterverarbeitung notwendige Prozesswärme durch elektrische Energie statt durch kohlenstoffhaltige Energieträger bereitgestellt.

Auf diese Weise könnten bis zu 95 Prozent CO2-Emissionen bei der Stahlherstellung von vornherein vermieden werden.

Wasserstoff als Industriemotor

Gerade in diesem Bereich würde die tief greifende, in manchen Fällen disruptive Transformation der industriellen Prozesse hin zu einer in Zukunft dekarbonisierten Produktion deutlich, sagt Triantafillos. »Nicht zuletzt deshalb geben wir uns das ambitionierte Motto, dass wir in ›Hannover Zukunft schreiben‹. Klar ist jedoch auch, dass dieser Prozess nicht von heute auf morgen gelingen kann.«

Das Beispiel aus Salzgitter zeigt: Wasserstoff und Brennstoffzellen rücken immer stärker in den Fokus und schlagen die Brücke zwischen Infrastrukturanwendungen sowie dem industriellen Einsatz in Halle 27, Stand C66, wird die Plattform Hydrogen + Fuel Cells Europe eingerichtet. Mit mehr als 200 Ausstellern aus aller Welt erreicht die Plattform dieses Jahr eine Rekordbeteiligung, so die Messegesellschaft.

So wird eine gesamtheitliche Betrachtung der Energieerzeugung und -nutzung, der Mobilität sowie ein Zusammenspiel der Sektoren Gebäude, Industrie, Verkehr und Energie ermöglicht. Zudem werden die Infrastruktur für Elektromobilität sowie die dafür nötigen Technologien ein großes Thema in Hannover sein. Gezeigt werden Transportsysteme und Ladetechnologie, Strom-Infrastruktur und stationäre Energiespeicher.

Fakt

Hannover Messe 2020

Die internationale Branchenschau der Industrie findet vom 20. bis 24. April auf dem Messegelände in Hannover-Laatzen statt. Erwartet werden rund 5.500 Aussteller.

Die Ausstellungsbereiche sind: Future Hub, Automation, Motion & Drives, Digital Ecosystems, Energy Solutions, Logistics und Engineered Parts & Solutions. Mehr als 80 Konferenzen und Foren runden das Programm ab. Diesjähriges Partnerland ist Indonesien. 2019 besuchten rund 215.000 Interessierte die Messe, circa 40 Prozent kamen aus dem Ausland.hd

Interaktiver Geländeplan

Wer schon mal auf der Hannover Messe war, kennt das Phänomen: Das Messegelände ist weitläufig, das Messeangebot ist sehr umfangreich. Wie behält man da als Besucher den Überblick? »In der Tat ist unser Angebot an Themen groß und vielfältig«, sagt Triantafillos. »Aber ich denke, dass wir mit unserem interaktiven Geländeplan auf der Website eine gute Orientierung über das Geschehen anbieten.« Der Geländeplan steht voraussichtlich circa acht Wochen vor Messebeginn zur Verfügung. hd

Interview - »Es gibt in ganz Europa keine größere Plattform für Wasserstoff«

Basilios Triantafillos ist seit Mai 2019 Global Director Energy Solutions der Hannover Messe. Die diesjährige Messe ist die erste unter seiner Leitung. Im Fokus: grüne Gase.

Wasserstoff, Brennstoffzelle und Elektrolyse sind essenziell für das Gelingen der Energiewende. 2019 ist das Interesse an der Sektorkopplung deutlich gestiegen. Wie bilden Sie das auf der Hannover Messe ab?

Wir erleben gegenwärtig eine atemberaubende Transformation in der gesamten Industrie. In Deutschland, in Europa, weltweit. Deswegen haben wir die Industrial Transformation als das Leitthema der Hannover Messe 2020 auserkoren. Dies ist auch die Klammer für alles, was sich rund um die Energiewende abspielt. Allen voran natürlich die von ihnen angesprochenen Themen Wasserstoff, Brennstoffzelle und Elektrolyse. Die Sektorenkoppelung ist unentbehrlich, damit der erneuerbar erzeugte Strom eben auch in Mobilität, Industrie und Wärme hineinkommt. Die dazugehörenden Technologien nehmen bei uns seit einigen Jahren großen Raum ein.

So haben wir im Ausstellungsbereich Energy Solutions die vielschichtigen wie ineinandergreifenden Energietechniken in vier Themen inhaltlich wie räumlich aufgegliedert: Integrated Energy, E-Mobility Infrastructure, Electrical Power Technology und Hydrogen & Fuel Cells. Die Plattform Hydrogen & Fuel Cells verzeichnet in diesem Jahr erstmals mehr als 200 Aussteller, allein diese Zahl verdeutlicht das gestiegene Interesse an dieser Technologie.

H2 kann nicht nur im Verkehrswesen die CO2-Emissionen senken, sondern auch in der Industrie. Siemens baut jetzt einen Elektrolyseur für die Salzgitter AG. Trotzdem denken viele bei H2 zuerst an Mobilität. Muss man das Image des Energieträgers schärfen? Und wenn ja, wie?

Die Plattform Hydrogen & Fuel Cells Europe betreiben wir bereits seit mehr als 25 Jahren auf der Hannover Messe. Als Messeveranstalter haben wir dieses Thema im Rahmen der weltweit wichtigsten Industriemesse frühzeitig besetzt. Wir haben die Potenziale von Wasserstoff und Brennstoffzellen in allen Bereichen, ob nun Speicherung, Mobilität, Industrie oder auch im Wärmebereich, schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt erkannt und auch geschärft.

Aber unabhängig von unseren eigenen Aktivitäten stimme ich Ihnen zu. Das Image des Energieträgers gilt es im Allgemeinen, weiter zu schärfen und auch weiterzuentwickeln. Denn insbesondere die vielfältige Einsetzbarkeit macht es so interessant.

Wir als Messe werden unseren Beitrag dazu leisten. Wer sich über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten dieser Technologie informieren will, der sollte zur Hannover Messe kommen. Es gibt in ganz Europa keine größere Plattform für Wasserstoff und Brennstoffzellen.

Bedingt durch das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung müssen sich künftig produzierende Unternehmen intensiver denn je mit Nachhaltigkeit und CO2-Reduktion beschäftigen. Haben Sie dafür Best-Practice-Beispiele auf der Messe?

Ja, definitiv wird der Messebesucher wieder spannende Best-Practice-Beispiele von Ausstellern sehen, die bestenfalls schon Lösungen für eine CO2-freie Produktion anbieten. Das Projekt Salcos von der Salzgitter AG sei nur stellvertretend für viele spannende Anwendungen genannt. Gerade in diesem Bereich wird die tief greifende, in manchen Fällen disruptive Transformation der industriellen Prozesse hin zu einer in Zukunft dekarbonisierten Produktion deutlich.

Nicht zuletzt deshalb geben wir uns das ambitionierte Motto, dass wir in ›Hannover Zukunft schreiben‹. Klar ist jedoch auch, dass dieser Prozess nicht von heute auf morgen gelingen kann.hd