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risikomanagement - Die Steuerung von Energieverträgen und Kraftwerken wird immeranspruchsvoller. Finanzmathematisch basierte Software sorgt für noch mehr Transparenz.

05. Oktober 2009

Strom- und Gaspreise sind volatil und bergen deshalb sowohl erhebliche Ertragsrisiken als auch Gewinnchancen. Für Energieversorger ist dieses Spannungsfeld besonders komplex. Ihre Portfolien können mehrere Commodities – Strom, Gas, Kohle, Öl, Währungen oder CO2-Zertifikate – und eine Vielzahl unterschiedlicher Produkte und Assets – Spot- und Terminkontrakte, flexible Bezugs- und Lieferverträge, Kraftwerke oder Speicher – umfassen.

Besonders anspruchsvoll ist das Risikomanagement für ein Unternehmen, das beispielsweise neben dem Strom- und Gasvertrieb ein Gaskraftwerk betreibt und eine Gasspeicherscheibe bewirtschaftet: Strom kaufen oder selbst erzeugen? Überschüssiges Gas ins Kraftwerk stecken, speichern oder verkaufen?

Ein vielschichtiges Portfolio bietet ein hohes Maß an Flexibilität und zahlreiche Optionen, erfordert jedoch auch eine besonders intelligente Steuerung, wenn Chancen und Risiken optimal ausbalanciert werden sollen. Der Druck, dies zu tun, nimmt bei immer lebhafter werdendem Wettbewerb kontinuierlich zu.

Zentraler Betrachtungsgegenstand jeder Risikoabschätzung im Energiemarkt sind die künftigen Strom- und Gaspreise. Einzugrenzen versucht man sie für gewöhnlich, indem man auf Basis aktueller Termin- und Spotmarktpreise Indices und Price-Forward-Curves entwickelt. Damit lassen sich Portfolien und Angebote bewerten.

Offene Positionen werden unter Berücksichtigung von definierten Kennzahlen und Risikolimits oder unter Einsatz eigener Assets geschlossen. Prinzipiell arbeitet beispielsweise auch das Portfoliomanagementsystem PMS der Aachener Soptim AG in dieser Weise.

Doch immer mehr Versorger verlangen eine tiefer gehende Bewertung von Risiken. Einen neuen Lösungsansatz bietet die price[it] GmbH aus Halle (Saale) mit ihrer Applikation ARMS (Aktives Risiko Management System), die sich finanzmathematischer, stochastischer und ökonometrischer Methoden bedient. Das Unternehmen wurde vor acht Jahren als Spin-Off der Universität Halle gegründet.

Iterative Verfahren

»Wir haben uns spezialisiert auf mathematische Software für die Bewertung, Steuerung und Risikoanalyse von Energieverträgen sowie Kraftwerken und Gasspeichern«, erläutert Marc Hasenbeck, Leiter Forschung und Entwicklung. Ein Teil der Anwendungen wurde in enger Zusammenarbeit mit den Stadtwerken Leipzig und folgend mit der BET in Aachen entwickelt und auf Praxistauglichkeit getestet.

Was sich prinzipiell dahinter verbirgt, erklärt Hasenbeck so: »Für die Wertbestimmung und Risikoanalyse sowie die Steuerung vieler komplexer Assets wie Kraftwerksscheiben oder Take-or-Pay-Verträge lassen sich keine geschlossenen Formeln für eine direkte Wertberechnung ermitteln.« Hier benötige man ein iteratives Verfahren: die Monte-Carlo-Simulation.

Dabei werden die verschiedenen Modelle, wie Komponenten des Strompreises, mit statistisch gemessenen Parametern oder solchen, die sich aus aktuellen Marktpreisen – etwa für Optionen – ermitteln lassen, tausendfach simuliert. Hasenbeck: »Das Ergebnis sind Preispfade, die in ihrer Gesamtheit die statistisch mögliche Preisverteilung abbilden. Hieraus lässt sich dann der Wert einzelner Assets oder der Portfolios wahrscheinlichkeitsgewichtet ermitteln.«

Der Fokus liegt hier nicht auf einer genauen zeitnahen Prognose, sondern vielmehr auf der Verteilung beispielsweise möglicher Extremwerte.

»Für stundengenaue Lastvorhersagen sollte man auf bewährte Fundamentalmodelle zurückgreifen«, sagt Hasenbeck. »Für die rechenintensive Bewertung von länger laufenden Produkten wie Optionen und ganzen Portfolien hingegen sind Modelle der Finanzmathematik erforderlich, um Erkenntnisse aus der Preisverteilung in die Bewertung einfließen lassen zu können.«

Dass der finanzmathematische Berechnungsansatz wertvolles zusätzliches Wissen verschafft, hat sich in der Praxis vielfach bestätigt. So hat price[it] beispielsweise die Wirtschaftlichkeit eines geplanten Erdgasspeichers in einer Salzkaverne kalkuliert. Ergebnis: der errechnete, nachvollziehbar realisierbare Mehrwert liegt rund 20 % über dem Ergebnis herkömmlicher Analyseverfahren.

Da sich die Software von price[it] und das Portfoliomanagementsystem (PMS) von Soptim optimal ergänzen, entwickeln beide Unternehmen zurzeit eine Risikomanamagement-Suite (RMS) als Add-on zum PMS. Ausgehend von den dort hinterlegten Marktpreisen werden die Preiszeitreihen in der RMS analysiert. Auf dieser Basis lassen sich zum einen Preisprognosen und arbitragefreie Price-Forward-Kurven berechnen und zum anderen Monte-Carlo-Simulationen durchführen und daraus belastbare Risikokennzahlen wie ›Value at Risk‹ und ›Profit at Risk‹ mit den zugehörigen Verteilungen ermittelt.

Laut Dr. Horst Wolter, Bereichsleiter Energielogistik bei Soptim, ist das Interesse in der Branche an erweiterten Risk-Mananagement-Lösungen groß. Deshalb arbeiten die Partner eng zusammen, um den Kunden fortschrittliche Bewertungsmethoden in einer professionellen Software zur Verfügung zu stellen. <

Erschienen in Ausgabe: 10/2009