Auch leeres Stroh ist wertvoll

Technik

Methanisierung - Rund 300l Treibstoffäquivalent/t Stroh liefert eine neue Anlage von Verbio. Die Jahreskapazität an Stroh liegt bei 20.000t. Eine auf Bakterien optimierte Temperaturführung bietet der Technologie weiteres Potenzial.

24. April 2012

>Claus Sauter gilt in der Region Bitterfeld als bodenständiger Mann mit Macherqualität. Vor 20 Jahren holperte er mit seinem Auto über die damals noch löchrige Bundesautobahn A9 und hielt Ausschau nach einer günstig gelegenen Fläche. Die Verbio AG war noch eine ferne Idee im Kopf von Sauter, es war die Zeit als Benzin und Diesel noch billig waren und Öl für die meisten Deutschen ein schier unermesslicher Vorrat irgendwo im Arabischen oder Sibirischen.

Sauter begann klein in Zörbig: Mit der Ausbringung von Klärschlamm. Doch Verbio, der Name steht ausgeschrieben für Vereinigte BioEnergie, sollte schon bald als Pionier in Deutschland Biosprit auf Pflanzenbasis industriell herstellen.

Kaskadennutzung der Biomasse

Das notwendige Geld für den Bau der Bioraffinerien an zunächst zwei Standorten holte Sauter sich im Jahr 2006 an der Börse. Nicht nur in Zörbig bei Bitterfeld wuchsen Fermenter, Tanks und Kolonnen aus dem Boden, zeitgleich wurde ein Areal direkt an der PCK-Raffinerie in Schwedt an der Oder ausgewählt und bebaut.

Obwohl der Schwenk der damaligen Bundesregierung weg vom reinen Biosprit an den Tankstellen zur E5-Beimischung das Unternehmen zeitweilig in arge Bedrängnis mit Kurzarbeit null brachte, stehen heute beachtlich anzusehende Anlagen und haushohe Tanks auf dem Werksgelände. In Zörbig kann man sie bereits von der Autobahn silbrig funkeln sehen.

Inzwischen werden die Anlagen, die 450.000t Biodiesel und 300.000t Bioethanol jährlich produzieren können, wesentlich besser ausgelastet. Die Abnehmer sind vor allem die europäischen Mineralölkonzerne, die damit den E-10-Beimischungsbedarf abdecken. Dazu kommen aber auch noch Fahrzeugflotten, ein Dutzend Stadtwerke und Spediteure. Sollte sich die bislang noch immer vorhandene Skepsis der Autofahrer gegen den neuen Treibstoff allmählich legen, stünde das Unternehmen vor einer richtig glänzenden Zukunft.

Immerhin hat es in den letzten Jahren enorm investiert. In Zörbig – und ebenso in Schwedt – entstanden neue Bioethanolanlagen, deren Gär-Reste seit 2011 in einer weiteren Stufe zu Biogas mit 55% Methangehalt weiter verarbeitet werden. Die Biogasfabriken bespielen mit einer Kapazität von 480GWh und 40Mio.€ Investitionskosten eine andere Liga als die meisten Biogasanlagen.

Mit dem technologischen Konzept einer Bioraffinerie bestehend aus Bioethanol, Biogas- und Biodüngeranlage erreicht das Unternehmen eine Kaskadennutzung der eingesetzten Biomasse. Integriert in die Fabriken sind die Aufbereitung zu Biomethan sowie Kompressoren, die das gewonnene Methan in die Erdgasnetze einspeisen. Seit März werden als neuer Kunde mehr als 50 Erdgastankstellen der Verbundnetz Gas (VNG) deutschlandweit beliefert.

Biologischer Nussknacker

Doch das war für Sauter nicht genug. Er hat, wie er in der Frühlingssonne von Zörbig mit strahlender Miene erklärt, auch technologisch noch einiges vor. »Wir haben einen biologischen Nussknacker entwickelt, mit dem wir in der Lage sein werden, im industriellen Maßstab Stroh zu Biogas zu verarbeiten«, verkündet der Vorstandschef und führt in eine unscheinbare kleine Halle am Rande der Biogasanlage.

Dort lagern Strohballen, die zunächst klein gehäckselt werden und dann in einem Gärbottich verschwinden. Das biologisch schwer verdaubare Material wird dort mit der Schlempe aus der Ethanolfabrik durchmischt und so befeuchtet und erwärmt.

Die Verweildauer in den Fermentern liege zwischen 40 und 60 Tagen, je nach Strohsorte – wobei von Gerste über Weizen bis zum Mais alles verdaulich sei. Am Ende entsteht auch aus dem Stroh Biogas und schließlich Methan.

Und zwar eine ganze Menge, wie Sauter versichert. Rund 300l Treibstoffäquivalent pro Tonne Stroh liefere das neue Verfahren, bei einer Jahreskapazität von rund 20.000t Stroh pro Anlage. Das ergibt eine energetische Leistung von rund 6MW. Zusammen mit der Ethanolschlempe schaffen Zörbig und Schwedt jeweils rund 60MW.

Das neue Verfahren soll jedoch, so versichert der Chef, auch bei einer reinen Strohnutzung bestens funktionieren und sei sogar hinsichtlich der Temperaturführung auf die entsprechenden Bakterien optimiert worden. Verbio ist daher bereits intensiv auf der Standortsuche für die nächste Großanlage, die jährlich sogar bis zu 25MW Biomethan komplett aus dem nachwachsenden Rohstoff Stroh produzieren soll.

Erste Reinstrohvergasung 2014

Das Zeitfenster setzt Sauter eng: 2014 könnte die erste reine Strohvergasung starten. Entscheidend für die Standortwahl wird daher neben einer Einspeisemöglichkeit in das Hochdrucknetz eine ausreichende lokale Verfügbarkeit des Rohstoffes sein, ergänzt Vorstandsmitglied Oliver Lüdtke. Er sehe da keine Konkurrenzprobleme mit der Verbrennung, die Landwirte hätten bereitwillig Lieferverträge abgeschlossen. Genaue Zahlen über die Einkaufspreise nennt das Unternehmen zwar nicht, doch sollen rund 30€ pro Tonne Stroh kalkulierbar sein.

»Wir setzen konsequent auf Bioenergie, verfolgen aber einen völlig anderen Ansatz als viele andere Unternehmen«, so Sauter. Man habe nicht auf Vergütungen aus dem Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG), sondern von Anfang an auf wirtschaftliche und damit zu fossilen Energieträgern konkurrenzfähige Verfahren gesetzt.

So kann das Bio-Methan, das in Zörbig in das Mitgas-Hochdrucknetz eingespeist wird, zu gleichen Preisen an den Erdgastankstellen verkauft werden wie das fossile Erdgas. Für den Autofahrer ändert sich zudem auch technisch absolut nichts – die Methan-Moleküle sind die gleichen wie beim fossilen Treibstoff. Sie bieten freilich eine deutlich bessere Ökobilanz.

Auch die Bedenken, dass die industrielle Biotreibstoff- und Gasproduktion die Teller-Tank-Debatte anheizen oder das ökologische Gleichgewicht der Böden durcheinander bringen kann, will Sauter nicht ohne energischen Widerspruch hinnehmen.

Restschlempe zu Dünger

»Wir verarbeiten Pflanzenabfälle und erschließen die Energie ohne dabei auf Nahrungsmittel zurückzugreifen«, versichert er. Das gelte auch beim Stroh, von dem bisher ein großer Teil lediglich thermisch in Biomasseheizkraftwerken verwertet wird.

Sauter verweist hier auf eine Studie des Deutschen Biomasseforschungszentrums (DBMFZ), die das in Deutschland verfügbare und bislang ungenutzte Potenzial mit stolzen 8 bis 13Mio.t errechnet hat. Theoretisch ließen sich mit dieser Energiemenge bis zu vier Millionen Pkw betreiben.

Dabei blieben einerseits genügend Stoppeln für die Humusbildung auf den Böden, zum anderen will das Unternehmen auch die stark ammoniumhaltige Restschlempe aus den Anlagen als organischen Dünger an die Landwirtschaft liefern.

Seitdem die Geschäfte mit dem Biotreibstoff wieder besser florieren – der Umsatz des Konzerns sprang von 520Mio€ im Jahr 2010 auf 754Mio.€ bei einem Marktanteil bei Biokraftstoff von 20%, wachsen auch bei Sauter die Visionen wieder rascher in den Himmel. »Wir werden auch in Zörbig und Schwedt die Methan-Produktion weiter hochfahren, schon um die hier vorhandene Infrastruktur noch besser auszulasten«, gibt er den Gästen, die zur Einweihung der ersten Stroh-Gas-Anlage gekommen sind, mit auf den Weg. Ausbauen ist dabei ein leichtes Understatement, denn Sauter will spätestens 2016 hier mehr als das Doppelte im Vergleich zu heute an Energie herausholen. 130MW, so der Biosprit-König, seien dann an jedem Standort an Leistung verfügbar.

Manfred Schulze

Erschienen in Ausgabe: 04/2012