Auf dem Weg in ein neues Energiesystem

Management

Strategie - Dezentrale Erzeugung und Energieeffizienz eingebunden in ein Smart-Energy-Konzept und verbunden mit Power to Gas das ist der Wunsiedler Weg. Auch die Bürger sollen mitgenommen werden.

11. September 2013

Sonne, Windkraft, Biomasse und ein Erdgas-Schwarmkraftwerk – bereits jetzt deckt die SWW (Strom-Wasser-Wärme) Wunsiedel mit einem Energiemix aus regenerativen und alternativen Quellen über die Hälfte des Strombedarfs in Wunsiedel und Umgebung ab. Tendenz steigend. Seit Anfang 2011 werden zudem alle Kunden mit Ökostrom beliefert, langfristig soll dieser aus eigenen erneuerbaren Quellen stammen.

Das ist nur ein Teil der Strategie, unter der das Unternehmen seit 2004 unter dem Schlagwort ›Wunsiedler Weg‹ den Aufbau und die Integration eines zukunftsweisenden Energiesystems verfolgt. »Die wichtige Versorgung unserer Bürgerinnen und Bürger mit Strom, Wasser und Wärme lässt sich am besten dadurch gewährleisten, dass wir die Energie selbst vor Ort, also dezentral, gewinnen«, so Marco Krasser, Geschäftsführer der SWW Wunsiedel. Die zentralen Punkte des Konzeptes seien der Aufbau dezentraler, in sich geschlossener Energiewirtschaftskreisläufe sowie die Integration der Bevölkerung. »Nur bei einer Steigerung der regionalen Wertschöpfung und aktiver Einbindung der Bürger bleibt die Akzeptanz in der Bevölkerung auch in schwierigen Phasen erhalten. Diese sind deshalb die tragenden Säulen des Konzeptes.«

Einbindung in intelligentes Netz

Die SWW ist ein kommunales Versorgungsunternehmen der Stadt Wunsiedel. An das elektrische Netz sind acht Gemeinden mit rund 20.000 Einwohnern angeschlossen. An Erzeugungskapazität im Netz befinden sich 8MW PV, 2MW Biomasse, 3MW Wind und 1,5MW Erdgas-BHKW, ein Teil davon im direkten Besitz der Stadtwerke.

Auch im Bereich Smart Energy sind die Stadtwerke aktiv. So können Kunden nicht nur über die Home-Automation-Lösung ucontrol von Schleupen ihre Energieeffizienz steigern. Es ist auch ein flächendeckendes Glasfaserkommunikationssystem geplant, dessen Aufbau bereits partiell realisiert ist. In Pilotversuchen setzt das Unternehmen zusammen mit Industriepartnern innovative Systeme für verschiedenste Zwecke ein.

»Das Wesen der erneuerbaren Energien ist kleinteilig und dezentral. Ihr Ausbau geht mit den grundlegenden Veränderungen des Informationszeitalters einher«, stellt Krasser das Thema Smart Energy in den Kontext des Gesamtkonzeptes. »Der Austausch von Daten auf allen Ebenen spielt in der dezentralen Welt eine deutlich größere Rolle als in der alten zentralen Welt. Daher ist die von der Politik ausgerufene Energiewende mehr als nur der Aufbau einer neuen Erzeugung auf regenerativer Basis, sondern vielmehr ein technologischer Paradigmenwechsel.«

Aktuell engagieren sich die Stadtwerke auch bei Power to Gas, Schwungradspeichern, Batteriesystemen und Cybersecurity. »Zudem wollen wir mit dem Aufbau innovativer Speichertechnologien einen aktiven Beitrag zur Stabilisierung des Gesamtsystems leisten und lastkybernetische Tarife einführen«, so Krasser zu weiteren Plänen.

Optimierungsbedarf sieht der Stadtwerke-Chef insbesondere noch im Hinblick auf die regionale Vermarktung der selbst erzeugten Energie. »Hier sind leider die Gesetze den physikalischen Regeln der dezentralen Energieversorgung noch nicht ganz gefolgt.« Der Wunsiedler Weg ist zugeschnitten auf die strukturellen und naturräumlichen Gegebenheiten vor Ort: ländlicher Raum, viel Wald, am Fuße des Fichtelgebirges. Für die Umsetzung wurden zusammen mit Partnern verschiedene Tochterfirmen gegründet. So ist die SWW als Mitglied des 2011 gestarteten interkommunalen Gemeinschaftsprojekts ZukunftsEnergie Fichtelgebirge am Betrieb eines Windrads beteiligt, vier weitere Windparks sind in Planung.

Auch im Bereich Photovoltaik ist das Unternehmen aktiv. So unterstützt es zum Beispiel Hausbesitzer, die eine PV-Anlage installieren möchten, das Kapital dafür aber nicht aufbringen wollen oder können. Der Kunde stellt das Dach zur Verfügung, das EVU kümmert sich um Bau, Finanzierung und Betrieb der Anlage. Da ein Teil des Stroms direkt im Haus verbraucht wird, entfallen die Netznutzungsentgelte.

Pellets für die Satelliten

Unter dem Dach der Wun Bioenergie haben die Stadtwerke zudem ein Gesamtkonzept zur vollständigen energetischen Verwertung des Rohstoffes Holz realisiert: Ein Biomasseheizkraftwerk mit angeschlossener Pelletierungsanlage produziert auch Pellets für ein System aus Satellitenkraftwerken mit Nahwärmenetzen.

Drei Überlegungen hätten Pate für die Idee gestanden, erläutert Krasser: erstens die Frage, wie man Holz zur Stromproduktion einsetzen und die dabei entstehende Wärme nahezu zu 100% nutzen kann, zweitens die Suche nach einer Erweiterung der Wertschöpfungskette und drittens der generelle Ansatz des Wunsiedler Wegs, die Energie dort zu verbrauchen, wo sie erzeugt wird.

Im Zentrum steht das Pelletwerk des Biomasse-Heizkraftwerks Holenbrunn, um das sich die Heizkraftwerke Breitenbrunn, Schönbrunn und Neusorg anordnen. Das Biomasse-Heizkraftwerk hat eine Leistung von 750kWel und produziert rund 35.000t Pellets im Jahr.

Aus 1.200t dort produzierter Pellets und der PV-Anlage auf dem eigenen Dach gewinnt zum Beispiel das Satellitenkraftwerk Schönbrunn rund 3Mio.kWh Wärme und 1,4Mio.kWh Strom pro Jahr. Die Nahwärme gelangt über ein neues Leitungsnetz in bis zu 300 Haushalte, das rechtzeitig zur kommenden Heizsaison fertiggestellt sein soll. Dabei verlegt das Unternehmen zusammen mit den Rohren moderne Glasfaserkabel. Die Vorteile: Zum einen erhält das Heizkraftwerk eine Rückmeldung über den tatsächlichen Wärme- und Strombedarf und passt die Erzeugung an. Zum anderen bietet die Glasfaser den Kunden einen schnellen Zugang ins Internet.

Zunächst einmal sei es bei so einem Konzept wichtig, ganzheitlich zu denken, betont Krasser. »Dann ist die richtige Gesellschafterstruktur für solch ein Projekt unabdingbar. Wir sind stolz, dass wir neben dem Gründungsgesellschafter Gelo Holzwerke als Spänelieferant sowohl die Waldbauernvereinigungen als Hackschnitzellieferanten als auch German Pellets – verantwortlich für Logistik und Pelletvertrieb –mit im Boot haben. Damit sind die Stoffströme weitestgehend gesichert.«

Alle Konzepte basieren auf dem Einsatz der KWK mit unterschiedlichen Primärenergieträgern. Bei der Wun Bioenergie ist ein 1,2MW starkes, inselbetriebsfähiges und schwarzstartfähiges BHKW installiert. »Wärme und Strom werden zu 100 Prozent genutzt, zusätzlich kann damit das Netz der SWW stabilisiert werden.«

Ein weiterer Punkt in den Überlegungen: Synthetisches Erdgas kann schon heute aus Biomasse und Windstrom hergestellt werden; Basis für ein Power-to-Gas-Projekt, für das die Stadtwerke eine Förderung von 4,3Mio.€ vom Bundesumweltministerium erhalten haben. »Um die kostbare Wind- und Sonnenenergie nicht zu vergeuden, wollen wir sie in Methan umwandeln, sodass sie dauerhaft zu Verfügung steht«, erklärt Krasser. Dafür konnte der Geschäftsführer der SWW ein ortsansässiges Unternehmen als Partner gewinnen, dessen Fertigungsprozesse sich mit der Methanisierung gegenseitig ergänzen.

Produktionszusammenspiel

Die Lösung funktioniert in zwei Stufen. Zunächst wird mit dem überschüssigen Ökostrom Wasser in Wasser- und Sauerstoff gespalten (Elektrolyse). Der Partnerbetrieb benötigt den Sauerstoff zur Verbrennung in seiner Produktion. Der Wasserstoff dagegen reagiert mit dem bei dieser Verbrennung verursachten CO2 zu Methan und Wasser (Methanisierung). Das künstliche Methan kann dann als Energieträger genutzt werden. Darüber hinaus ist eine Nutzung der am Standort entstehenden Abwärme durch ORC-Module geplant.

»Der Wunsiedler Weg entstand gleichsam beim Gehen und mit kleinen und großen Schritten kommen wir dem Ziel beständig näher«, erläutert Krasser abschließend. »Die Erfahrung habe zunächst einmal gezeigt, dass Papier geduldig ist und Ziele nur erreicht werden können, wenn die einzelnen Schritte und Projekte tatsächlich in Angriff genommen werden. »Die wertvollste, weil motivierendste Erfahrung, ist und bleibt aber die ausgesprochen positive Resonanz der Wunsiedler. Sie hat uns am meisten bewegt. Transparenz gegenüber der Bevölkerung und der Rückhalt durch Bürgerinnen und Bürger sind durch nichts zu ersetzen.«

Erschienen in Ausgabe: 07/2013