Auf vielen Wegen zur Energie für Milliarden

Indien

Eines der drängendsten Entwicklungsprobleme des Landes ist die unzureichende Energieversorgung. Mehr als 400 Millionen Menschen sind nicht an die Stromversorgung angeschlossen. Stundenlange Blackouts legen tagtäglich die Produktion lahm. Doch nun möchte die Regierung des Landes umsteuern und setzt auf Ausbau und mehr Nachhaltigkeit.

26. März 2015

Die meisten indischen Energie-Konzerne unterliegen einer nahezu vollständigen staatlichen Kontrolle. Die ineffiziente und korrupte Verwaltung verhindert Wachstum und den Aufbau einer vernünftigen Infrastruktur. Damit soll nach dem Willen der Regierung Modi jetzt Schluss sein.

In den vergangenen fünf Jahren hat Indien bereits viele neue Kohlekraftwerke gebaut und seine Stromproduktion um 73 Prozent gesteigert. Doch es besteht immer noch ein gewaltiger Nachholbedarf. »Selbst in den großen Industriezentren fällt heute vier bis fünf Stunden am Tag der Strom aus. Das schadet der Wirtschaft und schreckt ausländische Investoren ab«, klagt Amarjit Singh vom India Energy Forum, einem Verband von Stromproduzenten. Nur durch den Einsatz von noch mehr Kohlekraftwerken könne man schnell jene Energie produzieren, die Indien in den kommenden Jahren brauche.

Obwohl das Land weltweit über die fünftgrößten Kohlereserven verfügt, ist es der drittgrößte Kohleimporteur. Auch die Produktion des indischen Öl-Konzerns ONGC war in den letzten zehn Jahren stetig rückläufig, mit der Folge, dass das Land 2013/14 Öl und Öl-Produkte für 155,8 Milliarden US-Dollar einführen musste.

68 Prozent aus Kohlekraft

Kohle bildet die Basis der indischen Energieversorgung. Die indische Kohle ist überwiegend von geringer Qualität, dafür aber wesentlich billiger als sauberer verbrennende Importware. 68 Prozent des indischen Stromes stammt aus Kohlekraftwerken. Sie emittieren ein Drittel mehr CO2 pro Kilowattstunde erzeugten Stromes als moderne Kohlekraftwerke.

Die Reduktion der Treibhausgase steht angesichts dieser Entwicklung vor gewaltigen Herausforderungen. Nach China und den USA ist Indien der drittgrößte Emittent von Treibhausgasen. Ein weltweit wirksamer Klimaschutz ist ohne die aufstrebende 1,25-Milliarden-Einwohner-Nation nicht denkbar. Doch ähnlich wie China möchte das Land zunächst die Grundbedürfnisse befriedigen und danach erst verbindliche Ziele festschreiben. »Indiens Zwang zur Entwicklung kann nicht auf dem Altar eines eventuellen Klimawandels in ferner Zukunft geopfert werden«, so der Energieminister Goyal.

Die Regierung in Neu-Delhi verweist darauf, dass ein indischer Bürger im Schnitt nur 7 Prozent der Energie verbraucht, die ein US-Amerikaner verbraucht. »Indien muss diese Menschen aus der Armut führen«, sagt Sanjay Vashist, der als Experte für indische Klimapolitik in Delhi für die Heinrich-Böll-Stiftung tätig ist. »Wegen unseres niedrigen CO2-Ausstoßes pro Kopf wird Indien sicherlich nicht bereits im Jahr 2030 seine maximalen Emissionen erreicht haben, eher zwischen 2040 und 2045«, schätzt Vashist.

Platz Fünf bei Windkraft

Indien und andere Schwellenländer lassen sich ihre Energiepolitik kaum von den Industrieländern vorschreiben. Daher sind weltweit verstärkt Unterstützungen notwendig, um in den aufstrebenden Ländern alternative Energien zu fördern. So sind weite Teile des Landes von der Sonne gesegnet. Die Solarenergie hat ein gutes Potenzial. Das indische Ministerium für neue und erneuerbare Energien plant in den nächsten fünf Jahren Solarprojekte mit einer Leistung von 24GW. Diese Ziele könnte die Regierung auf 100GW bis 2022 erhöhen,

sagt Vashist.

Das Land liegt bei der installierten Windkraft weltweit auf Platz fünf. Die Regierung plant einen Ausbau von 2GW/a. Die Internationale Energieagentur empfiehlt 4 bis 4,3GW, um ein

2-°C-Szenario zu erreichen. Laut IEA sei das machbar, wenn der Netzausbau beschleunigt und bürokratische Hemmnisse abgebaut würden.

Stark wachsen soll auch die Produktion von

Stromerzeugungs-, -übertragungs- und -verteilungstechnik. Das Marktvolumen legte zuletzt mit jährlichen Raten von etwa 10 Prozent auf etwa 35 Milliarden US-Dollar im Wirtschaftsjahr 2011/12 zu, meldet Germany Trade and Invest (gtai). Die lokale Industrie setzte dabei etwa 25 Milliarden US-Dollar um und hat mit steigenden Importen zu kämpfen.

Russland als Partner bei Atomkraft

Im indischen Energiesektor sind zudem effiziente Technologien aus Deutschland gefragt. Durch die weitere Modernisierung besteht ein hoher Bedarf an energieeffizienten Anlagen und an alternativen Energien. Doch in dem sehr preissensiblen Land sind teure Hightech-Produkte schwer absetzbar.

Große deutsche Konzerne produzieren daher vor Ort. Mit seinem neuen Regierungsprogramm ›Make in India‹ dürfte sich dies noch verstärken. Produziert wird verstärkt in der Region, in der auch die Märkte liegen. Deutsche Konzerne exportieren zudem auch aus ihren Niederlassungen in China oder Südkorea in das Land, was in keiner Statistik als deutsche Importe auftaucht. Daher ist die Stellung der deutschen Energietechnik in Indien größer, als dies die reinen Handelszahlen vermuten lassen. Doch die Konkurrenz aus anderen Ländern

nimmt schnell zu.

China ist besonders in Gujarat aktiv. In dem Bundesstaat, aus dem der indische Ministerpräsident Narendra Modi stammt, haben sich dank der umfangreichen Fördermaßnahmen zahlreiche chinesische Firmen angesiedelt. China hat weltweit die größten Erfahrungen bei der Realisierung von Großprojekten im Energiesektor und holte in jüngster Zeit

technologisch stark auf.

Indien nutzt zudem ähnlich wie China die Sanktionen des Westens gegenüber Russland, um sich dort längerfristig Energieressourcen zu erschließen. Indische Unternehmen werden sich an den Erdöl- und Erdgasprojekten Russlands in der Arktis beteiligen. Die Vereinbarung wurde im Zuge des Indien-Besuchs von Russlands Präsidenten Wladimir Putin im Dezember 2014 getroffen.

Rosneft und Gazprom bereiten zusammen mit indischen Unternehmen bereits Projekte zur Erschließung des arktischen Schelfs, aber ebenso zur Erweiterung der Lieferungen von Flüssigerdgas vor. Außerdem vereinbarte Rosneft mit Indien die Lieferung von 10 Millionen Tonnen Erdöl pro Jahr. Ministerpräsident Narendra Modi erklärte bei dem Staatsbesuch, »Russland ist der allernächste Freund Indiens« und sein »privilegierter strategischer Partner«.

Beim Ausbau der Atomenergie arbeitet Indien ebenfalls mit Russland zusammen. »Mit Russlands Hilfe wird planmäßig das Atomkraftwerk Kudankulam erbaut. Der erste Reaktorblock wurde in Betrieb genommen. Bald ist geplant, mit der zweiten Baustufe des Atomkraftwerks zu beginnen«, sagte Putin im Dezember 2014.

Global mit geänderten Vorzeichen

In der Vereinbarung zur Festigung der russisch-indischen Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie sind die Pläne zur Errichtung von mehr als 20 Reaktorblöcken in Indien, die Zusammenarbeit beim Bau von Atomkraftwerken nach russischem Design in Drittländern, die gemeinsamen Uranförderung, die Produktion von Kernbrennstoff und Kooperationen zur Verwertung des Atommülls festgelegt. »Somit wird der Grundstein für eine langfristige, echt gegenseitige, vorteilhafte Zusammenarbeit in der atomaren Sphäre gelegt«, so Putin.

Mit dem Aufstieg der beiden Bevölkerungsriesen Indien und China, beide mit jeweils weit mehr als doppelt so vielen Einwohnern als die gesamte EU, ändern sich nicht nur die Voraussetzungen für globales Klimamanagement und für die Nutzung der weltweit verfügbaren Energieträger. Es entsteht eine Welt, in der der Westen an Bedeutung verliert und Indien in der multipolaren Welt Impulse sowohl aus China, Südkorea und Japan, aus Amerika, Russland oder der Europäischen Union nutzen kann.

Thomas Kiefer

Erschienen in Ausgabe: 03/2015