Aufwind in Fernost und Übersee

Strategie Mit einer Exportquote von über 90 % sieht Nordex seine Zukunftsmärkte vor allem im Ausland und hier an Land. Der Ausbau der Fertigungskapazitäten in Deutschland, China sowie in den USA ist im vollen Gange.

04. Juni 2008

Mit dem ersten Spatenstich für den Ausbau seiner Rostocker Werke startete Nordex im Januar ein 86 Mio. € schweres Investitionsprogramm. In den kommenden zwei Jahren entstehen am Güterverkehrszentrum neue Produktionshallen mit rund 52.500 qm Gesamtfläche, das entspricht gut sieben Fußballfeldern. Damit verdreifacht der Turbinenhersteller seine Kapazitäten für Europa. »Dieser Schritt war dringend erforderlich, um die steigende Nachfrage unserer Kunden auch in Zukunft decken zu können. Im letzten Jahr haben wir unsere Produktionsleistung zwar nochmals im hohen zweistelligen Bereich erhöht, aber weitere Wachstumsreserven in Rostock sind jetzt kaum noch vorhanden«, sagt Thomas Richterich, Vorstandsvorsitzender der Nordex AG. Aktuell verfügt das Unternehmen über einen Auftragsbestand von fast 3 Mrd. €. Damit ist das geplante Wachstum bis Ende 2009 gesichert. In den nächsten zwei Jahren will Nordex seinen Umsatz etwa verdoppeln. In der ersten Baustufe entsteht bis zum Jahresende eine neue Halle für die Endbearbeitung der Rotoren. Zudem erfolgt durch den Bau einer weiteren Halle eine Flächenverdoppelung der bereits bestehenden Produktion, um künftig auch die Fertigung von Rotorblättern mit über 50 m Länge zu ermöglichen. Mittlerweile sind die Erdarbeiten zum ersten Bauabschnitt abgeschlossen und teilweise die Fundamente gegossen. In Kürze nimmt man parallel die zweite Baustufe in Angriff. Dabei geht es um eine neue etwa 25.600 qm große Turbinen- und Schaltschrankmontage.

»Der deutsche Markt ist für uns weniger ein Volumenmarkt, als vielmehr ein Markt zur Erprobung neuer Technologie «, betont Richterich. So habe man in Mecklenburg-Vorpommern kürzlich zwei Anlagen auf 120 m hohen Beton- Stahl-Hybridtürmen errichtet, eine Neuentwicklung für Turbinen mit Nabenhöhen über 100 m. Ebenfalls in Deutschland wurde der Vorläufer der Schwachwind- Turbinen vom Typ N100 mit 100 m Rotordurchmesser errichtet, um diesen auch zu vermessen. Und: Der erste kommerzielle deutsche Offshore-Windpark Baltic 1 in der Ostsee wird mit Nordex- Turbinen im nächsten Jahr gebaut. Dennoch beteiligen sich die Rostocker nicht uneingeschränkt an der weit verbreiteten Offshore-Euphorie. Der Nordex-Chef rechnet damit, dass Offshore in den nächsten fünf Jahren eine Nische bleiben wird, die »für vermutlich rund vier Prozent des Weltmarkts steht«. Er ist jedoch davon überzeugt, dass der Markt mehr Volumen entwickeln wird. »Vielleicht sind es eines Tages 20 Prozent der Nachfrage, in Regionen wie Deutschland sogar mehr.«

Um hier Erfahrungen zu sammeln, habe man sich am Offshore-Windpark Baltic I in der Ostsee beteiligt. Die bisherigen Aktivitäten des Unternehmens auf dem Meer beschränkten sich auf den Küstenbereich. Die Anlagen konnten auf einem Schwerkraftfundament und teilweise mittels Pontons errichtet werden. Die 21 Turbinen von Baltic I werden sich rund 13 km vor dem Festland drehen. Wassertiefen von bis zu 19 m verlangen zudem andere Gründungskonzepte (Monopile), eine gänzlich andere Errichtungslogistik und aufwändigere Servicestrategien.

Mit bewährter Technik auf See

Wesentlicher ist aber, so Richterich, dass »diese Großanlage bereits an rund 650 Standorten weltweit zuverlässig Strom produziert. Wir wollen mit bewährter Serientechnologie in See zu stechen.« Mit der 2,5-MW-Technologie habe man zwar nicht den »Giganten der Meere im Angebot«, so der Nordex-Chef, »insbesondere an den küstennahen Standorten erkenne ich keinen zwingenden ökonomischen Druck mehr, auf noch größere Turbinen zu setzen.« Positiv bewertet er, dass »der Netzanschluss jetzt auch in Deutschland nicht mehr über das Projekt finanziert werden muss«, so dass sich viele Projekte neu und besser rechneten.

Trotzdem sieht das Rostocker Unternehmen seine Zukunftsmärkte überwiegend im Ausland. »Neben China liegen auch in den USA in den kommenden Jahren die größten Wachstumspotenziale. In Nordamerika und in Asien wollen wir innerhalb der nächsten vier Jahre jeweils rund 20 Prozent unseres Umsatzes erreichen«, sagt Richterich. Mit mehreren Großaufträgen ist Nordex ein erfolgreicher Wiedereintritt in den USA gelungen: So unterzeichnete das Unternehmen zum Beispiel Ende letzten Jahres mit BP Alternative Energy North America Inc. einen Auftrag für die Lieferung von 60 Turbinen der Baureihe N90/2500. Die ersten Turbinen will Nordex im zweiten Quartal des Jahres 2009 liefern. Derzeit bereiten die Rostocker den Aufbau eigener Werke in den USA vor, die im Jahr 2009 in Betrieb gehen sollen, um Projekte in den USA und Kanada zu beliefern.

Massiver Ausbau in China

Auch in China stehen die Zeichen auf Expansion. Der Anlagenhersteller will rund 50 Mio. € in seine chinesischen Werke investieren und so die Produktionskapazitäten bis zum Jahr 2011 etwa vervierfachen. Die Jahreskapazität von Nordex China soll von heute 225 MW auf rund 800 MW steigen. So will man den Marktanteil in China von drei Prozent im Jahr 2006 wie geplant auf zehn Prozent in 2011 ausbauen. Im gleichen Zeitraum soll die Zahl der Mitarbeiter in China von 300 auf rund 1.600 steigen. Firmenchef Richterich betrachtet das asistische Megareich langfristig auch als »Brückenkopf in andere Länder«.

Als Schlüsseltechnologie fertigt Nordex 100 % seiner Rotorblätter für China selbst. Weitere Kernkomponenten werden mit chinesischen Partnerfirmen entwickelt und dort bezogen. Richterich beschreibt das als eine Lösung zum beiderseitigen Vorteil: Man sei so in der Lage Kosten durch einen geringeren Logistikaufwand zu senken, die lokalen Partner profitierten vom deutschen Know-how.

In China, wie bereits in Europa und künftig auch den USA, setzt Nordex auf die steigende Nachfrage von Energieversorgern, die Lieferanten für große Windparks suchen. Gefragt seien laut Richterich Turbinen der oberen Leistungsklasse. Für China sei dies die 1,5-MW-Turbine, die Nordex hier fertigt. Er ist davon überzeugt, dass sich »China zum zweitgrößten Markt unserer Industrie entwickeln« wird. Deshalb müsse man die Organisation im Land verstärken«, erläutert der Firmenchef die weitere Strategie.

Stets mehrere Lieferanten

Wie in Europa entwickeln und produziert Nordex dort die Kernkomponenten – wie die Rotorblätter – in Eigenregie. Weitere Komponenten, aber auch über eigene Kapazitäten hinausgehender Bedarf an Rotorblättern bezieht man von Zulieferern. »Dabei verfolgen wir stets eine Mehrlieferantenstrategie. Alle Lieferanten – ob in Europa, China oder den USA – müssen dabei unsere eigenen Qualitätsanforderungen erfüllen«, erläutert Richterich.

Je nach Komponente, könnten in den unterschiedlichen Märkten lokale Zulieferer beauftragt werden beziehungsweise werden die Komponenten von Tochterfirmen europäischer Zulieferer bezogen. Eine weitere vertikale Integration strebt man nur dann an, wenn man sich von der Technik einen Vorteil verspricht. Dazu erläutert der Firmenchef: »Die Liefersicherheit zu erhöhen wäre allein kein ausreichender Grund.«

Die aktuellen Ergebnisse geben der Strategie Recht: In 2007 erhöhte sich der Auftragsbestand um 142 % auf knapp 3 Mrd. € und sichert damit bereits vollständig den Umsatz für die Jahre 2008 und 2009. Planungsbasis ist ein jährliches Umsatzwachstum von 50 %. Insgesamt will Nordex bis 2011 rund 280 Mio. € in den Aus- und Aufbau bestehender beziehungsweise neuer Werke investieren. Die Fertigungskapazitäten von derzeit weltweit 1.000 MW sollen dann rund 4.500 MW betragen. (mn)

Interview mit Thomas Richterich, Nordex AG

»Deutsche Preise am unteren Ende«

Zukunftsmärkte Der Vorstandsvorsitzende der Nordex AG , Thomas Richterich, über unterschiedliche Fördermodelle und ihre Auswirkungen sowie die Offshore-Windkraft.

es: Der Exportmarkt wächst stetig. Welche Rolle spielt der Standort Deutschland in Ihren weiteren Überlegungen?

Heute liegt das Preisniveau in Deutschland am unteren Ende in Westeuropa. Viele deutsche Projekte geben daher den Preis, zu dem wir zurzeit nach Schottland oder Italien liefern können, momentan nicht her. Als Produktionsstandort spielt Deutschland für uns eine zentrale Rolle in Europa. Von unserer Fertigung in Rostock bedienen wir die europäischen Märkte. Gut ausgebildete Ingenieure sichern am Standort eine hohe Produktqualität.

es: Wie sehen Sie das Fördermodell in Italien im Vergleich zum deutschen EEG?

Allein bis zu 18 Cent pro kWh erhielten italienische Windmüller in 2007. Das Stiefelland zählt damit zu den attraktivsten Windmärkten in Europa. In den zurückliegenden Jahren hat sich Italien in Europa zum viertgrößten Windenergiemarkt entwickelt. Die installierte Leistung liegt derzeit bei über 2.700 Megawatt. Allein in 2007 gingen 603 MW installierte Leistung neu ans Netz – rund 200 MW mehr als in 2006. Dennoch sind die Errichtungszahlen auch ernüchternd. Mit jeweils zehn Watt Neuinstallation pro Einwohner ging in Italien in 2007 nur halb soviel Leistung ans Netz, wie im Vergleich zu Deutschland, das auf 20 Watt je Einwohner kam.

es: Wie sehen Sie das Fördermodell in Italien im Vergleich zum deutschen EEG?

Allein bis zu 18 Cent pro kWh erhielten italienische Windmüller in 2007. Das Stiefelland zählt damit zu den attraktivsten Windmärkten in Europa. In den zurückliegenden Jahren hat sich Italien in Europa zum viertgrößten Windenergiemarkt entwickelt. Die installierte Leistung liegt derzeit bei über 2.700 Megawatt. Allein in 2007 gingen 603 MW installierte Leistung neu ans Netz – rund 200 MW mehr als in 2006. Dennoch sind die Errichtungszahlen auch ernüchternd. Mit jeweils zehn Watt Neuinstallation pro Einwohner ging in Italien in 2007 nur halb soviel Leistung ans Netz, wie im Vergleich zu Deutschland, das auf 20 Watt je Einwohner kam.

es: Dann ist also die Vergütungshöhe doch nicht die Impuls gebende Größe?

Auch das Einspeisemodell ist entscheidend. Während die Vergütung für Windparks in Deutschland für in der Regel 20 Jahre fixiert ist, ist der Preis in Italien an den Börsenstrompreis und handelbare Grüne Zertifikate gebunden. Hier zeigt sich, dass auch Planungssicherheit für Investoren, je nach Finanzierungskonzept, einen hohen Wert hat. Vor dem Hintergrund sehr guter Windbedingungen ist das Mittelmeerland dennoch auf dem besten Weg, in den nächsten Jahren ein Markt mit bis zu 1.000 MW jährlich neu installierter Leistung zu werden.

es: Auch Großbritannien gilt als attraktiv. Können Sie dies bestätigen?

Durchaus. Mit neuen Aufträgen im Wert von 257 Millionen Euro entwickelte sich unser Geschäft dort in 2007 sehr positiv. Unsere Starkwindturbinen wie die N80/2500 rechnen sich in dem rauen Klima der britischen Inseln besonders gut. Mit einem Zubau von über 143 MW in 2007 waren wir zweitgrößter Marktteilnehmer. In den nächsten Jahren wird Großbritannien sich zu einem der größten europäischen Windmärkte entwickeln, da es politischer Wille ist, bis 2010 zehn Prozent der erzeugten Energie aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen.

es: Mit der N100 entwickeln Sie eine Maschine, die sich speziell für Schwachwind eignet. Haben Sie kein Vertrauen in den Offshore-Sektor?

In 2007 lag der Marktanteil von Offshore bei einem Prozent. Gerade mal zwei Projekte mit zusammen 200 MW sind neu ans Netz gegangen. Der Markt wird auf absehbare Zeit eine Nische sein. Für vier Prozent des Weltmarktes wollen wir keine großen Engineering-Initiativen starten. Wir erproben aber seit Sommer 2003 die Offshoretechnik im Nearshore- Bereich. Auch eine größere Anlagenfamilie ist in Vorbereitung, die ab 2011 auf den Markt kommen könnte. Wenn nötig, könnten wir das auch beschleunigen. Aber die jüngsten Entwicklungen im Bereich Offshore zeigen nicht in diese Richtungen. So hat sich erst kürzlich ein Investor vom Bau des weltgrößten Offshore-Windparks in Großbritannien zurückgezogen.

es: An welchen technologischen Entwickelungen arbeiten Sie derzeit?

Wir optimieren unsere Anlagen ständig im Detail. Konkret arbeiten wir seit geraumer Zeit an einer Anlagenfamilie größer 3 MW. Der Prototyp soll in 2011 errichtet werden. Hier setzen wir ein neues Antriebskonzept um. Ziel ist es, eine höhere Leistung zu erreichen, ohne dass sich dabei das Gewicht exponentiell erhöht. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 06/2008