Aus dem Vollen schöpfen

Menschen

Personalentwicklung - Unternehmen können berufserfahrene Mitarbeiter zu Lern- oder Changebegleitern ausbilden. Sie stehen etwa beim Umsetzen des Gelernten im Arbeitsalltag als Ansprechpartner zur Verfügung.

28. April 2015

In vielen Unternehmen ist der Change- und Lernbedarf heute so groß, dass er mit externen Trainern, Beratern und Coaches allein nicht mehr gedeckt werden kann – auch weil diese gegenüber firmeninternen Unterstützern einige Nachteile haben: So kennen sie die Kultur, Historie und Arbeitsabläufe in der Organisation nicht und müssen erst eingearbeitet werden.

Sie sind zudem in der Organisation nicht verankert und verfügen über kein firmeninternes Netzwerk. Bei akuten Problemen kann es vorkommen, dass sie oft nicht sofort erreich- und ansprechbar sind. Und: Sie sind Externe, zu denen die Betroffenen meist weniger Vertrauen als zu Kollegen haben.

Deshalb empfiehlt sich – gerade, wenn es um die Strategieumsetzung auf der operativen Ebene oder Shopfloor-Ebene geht – oft der ergänzende Einsatz berufserfahrener Mitarbeiter als Trainer, Berater oder Coaches.

Pluspunkt Gelassenheit

Unternehmen wird zunehmend bewusst, dass diese älteren Mitarbeiter im Verlauf ihrer beruflichen Biografie berufliche und soziale Kompetenzen erworben haben, die ein wertvolles Kapital bilden – gerade in einem Umfeld, das von einer starken Veränderung geprägt ist.

Die Funktion könnten zwar auch jüngere Mitarbeiter übernehmen, doch vieles spricht für ihre älteren Kollegen – beispielsweise ihre in der Regel höhere Gelassenheit, wenn Probleme und Widerstände auftauchen.

Als Mentoren unterwegs

Außerdem ihre aus Erfahrung resultierende Fähigkeit, das Wesentliche oder Erfolgsrelevante schneller zu erkennen und nicht vorschnell irgendwelchen von den Medien gerade gehypten Management- oder Technologie-Trends hinterherzulaufen. Und weil das Thema Karriere machen für sie nicht mehr im Fokus steht, geben sie ihr Fach- und Erfahrungswissen auch bereitwillig weiter.

Was liegt also näher, als dieses Potenzial für den Erfolg zu nutzen? Das tun einige Firmen bereits. Zum Beispiel mittels Mentoren-Programmen, bei denen erfahrene Mitarbeiter ihren jüngeren Kollegen als individuelle Ansprechpartner mit Rat und Tat zur Seite stehen. Eine wachsende Zahl von Unternehmen geht zudem dazu über, ältere Mitarbeiter als firmeninterne Trainer, Berater oder Coaches für ihre Kollegen einzusetzen – Full- oder Parttime.

Individueller Lernbedarf

Denn aufgrund des sich immer rascher ändernden Unternehmensumfelds ist der Veränderungs- und somit Lernbedarf in den Unternehmen enorm gestiegen. Außerdem wird der Lern- und Entwicklungsbedarf stets individueller. So benötigt zum Beispiel nicht jeder Büroarbeiter eine Excel-Schulung und nicht jeder Spezialist eine Projektmanagement- Ausbildung. Also benötigen sie auch eine unterschiedliche Unterstützung.

Gemeinsam ist den Mitarbeitern jedoch: Sie müssen aufgrund des kontinuierlichen Veränderungs- und Verbesserungsbedarfs, der in ihrer Organisation besteht, zunehmend die Kompetenz erwerben, selbst zu erkennen, wo bei ihnen ein Lern- und Entwicklungsbedarf besteht oder entsteht und diesen Bedarf entweder selbst oder mit selbst organisierter Unterstützung befriedigen. Auch beim Entwickeln dieser Kompetenz benötigen sie Unterstützung, weshalb eine wachsende Zahl von Unternehmen berufserfahrene Mitarbeiter als Trainer, Coach oder Lernbegleiter ausbildet.

Nicht jeder geeignet

Dabei gilt es jedoch zu beachten: Nicht jeder berufserfahrene Mitarbeiter eignet sich dafür. Denn sowohl für angehende firmeninterne Trainer als auch Coaches gilt: Sie müssen Lust auf den Kontakt mit Menschen und ein Gespür für sie haben. Und ein Coach oder Changebegleiter? Er muss mit Menschen eine Vertrauensbeziehung aufbauen können, sodass diese mit ihm auch über berufliche Probleme und Barrieren sprechen, die ihre Wurzeln in ihrer Persönlichkeit haben.

Eine Voraussetzung hierfür ist eine wertschätzende Haltung gegenüber anderen Menschen. Eine weitere Grundanforderung ist: Man muss sich als Person zurücknehmen können. Sind diese Grundvoraussetzungen erfüllt, gilt es den angehenden Trainern oder Coaches die Kompetenzen zu vermitteln, die sie für ihre künftigen Aufgaben brauchen.

Lernen strukturieren

Ein Trainer muss zum Beispiel wissen, wie Lernprozesse bei Menschen ablaufen, und er muss diese gestalten und strukturieren können. Außerdem benötigt er gruppendynamisches Know-how. Ähnlich verhält es sich bei einem Coach. Da er jedoch primär mit Einzelpersonen arbeitet und mit ihnen auch über Themen spricht, die deren Persönlichkeit tangieren, benötigt er auch ein hohes Einfühlungsvermögen und ein fundiertes psychologisches Know-how.

Der Einsatz älterer Mitarbeiter als firmeninterne Trainer, Berater oder Coaches stellt sicher, dass wertvolles Erfahrungswissen an die jüngere Generation weitergegeben wird. Dadurch macht das Unternehmen einen Schritt in Richtung lernende Organisation. Das heißt, in der Organisation etabliert sich allmählich eine Kultur des generationenübergreifenden Lernens sowie der Veränderung.

Reiner Voss (Voss+Partner)

Erschienen in Ausgabe: 04/2015