Aus der Region für die Region

Management

Finanzierung - Mit der Teilnahme an den Ausbauprozessen der Erneuerbaren und der Umgestaltung des Energiesystems kann auch eine Teilhabe an den damit verbundenen ökonomischen Vorteilen einhergehen. Kommunen setzen hier längst auf mehr als Gewerbesteuer. Aber wie hält man viel Wertschöpfung in der Region?

22. April 2016

Photovoltaikanlagen auf dem eigenen Hausdach können attraktive Investitionsobjekte sein. Sie gewinnen immer mehr Zuspruch, seit der Eigenverbrauch günstiger ist als der Strombezug aus dem Netz. Biogasanlagen sind für angegliederte landwirtschaftliche Betriebe oft eine wichtige Quelle für Beschäftigung und Einkommen. Und nicht wenige finanzschwache Kommunen versprechen sich von den auf ihren Flächen installierten Windenergieanlagen Einnahmen etwa aus der Gewerbesteuer. Damit können sie ihren Haushalt aufbessern und mit den Mehreinnahmen die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Region vorantreiben.

Die zunehmende Dezentralisierung des Energiesystems schafft die Basis für diese und andere Formen von Teilnahme und Teilhabe. Dabei finden sich die unterschiedlichsten regionalen Akteure auf allen Stufen der Wertschöpfungskette von erneuerbaren Energien (EE) wieder. Hersteller von EE-Anlagen oder von Anlagenkomponenten sind nicht selten etablierte Unternehmen, die sich damit neue Standbeine schaffen.

Verschiedene Beteiligungsformen

Sind in einer Kommune keine Anlagenhersteller vertreten, so finden sich zumindest im Bereich der Photovoltaik, der Solarthermie und der holzbefeuerten Heizanlagen Handwerker und andere Unternehmen, welche die Installations- aber auch wiederkehrende Wartungsarbeiten übernehmen. Nicht zuletzt wird in einigen Anlagen auch Betriebspersonal benötigt und so Beschäftigung für die Bürger geschaffen.

Eine rein finanzielle Teilhabe findet statt, wenn sich regionale Akteure als Investoren an Projekten beteiligen und diese von den durch die EEG-Förderung der stromerzeugenden Anlagen gesicherten Betriebsüberschüssen der Anlagen profitieren. Hier existieren Fonds, Genossenschaften oder andere Beteiligungsformen.

Die politischen Rahmenbedingungen und die gezielte Steuerung dieser Beteiligungsprozesse sind wichtige Einflussfaktoren für die tatsächliche ökonomische Teilhabe der Region an der Entwicklung des Energiesystems. Beispielrechnungen des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) haben ergeben, dass je nach Abgrenzung der Wertschöpfungskette bis zu 78% der Wertschöpfungseffekte betriebsbezogen sind. Diese Ergebnisse zeigen, dass die nach regionalökonomischen Punkten wichtigsten Aktivitäten einer EE-Wertschöpfungskette auch durchaus in nennenswertem Umfang von regionalen Akteuren übernommen werden können.

Der Trend zur Rekommunalisierung oder Neugründung von Stadtwerken zeigt weiter, dass Kommunen längst nicht mehr nur auf Gewerbesteuer- und Pachteinnahmen setzen, um an der Energiewende teilzuhaben. Der Betrieb eigener Anlagen und der Verteilnetze werden zunehmend zu wichtigen Steuerungselementen der Entwicklungsstrategien proaktiver Kommunen, um ihre regionalen Energie- und Klimaschutzkonzepte umzusetzen. Mit geeigneten Informations- und Kommunikationsmaßnahmen sollten weitere Akteure wie etwa das lokale Handwerk in die Gesamtstrategie einbezogen werden.

Finanzierung spielt wichtige Rolle

Neben den technischen Schritten spielt die Finanzierung einer EE-Anlage somit die bedeutendste Rolle hinsichtlich der Wertschöpfung. Wie Beispielrechnungen des IÖW zeigen, machen die Betreibergewinne den weitaus größten Teil der Wertschöpfung während des Anlagenbetriebs aus (siehe Grafik).

Für eine anschauliche Darstellung der Bedeutung eines regionalen Investorenmodells und der Beteiligung lokaler Akteure an den anderen Wertschöpfungsschritten hat das IÖW zwei Modellrechnungen für eine 2-MW-Windenergieanlage durchgeführt. Den ersten Fall stellt ein Beispiel mit minimaler Wertschöpfung dar: Hier verbleiben nur Pachteinnahmen und ein gesetzlich festgelegter Anteil der Gewerbesteuerzahlungen von 70% in der Standortkommune.

Dabei machen viele Kommunen die Erfahrung, dass gerade von externen Investoren betriebene Anlagen aus steuerlichen oder unternehmerischen Gründen keine Gewinne ausweisen und somit auch keine Gewerbesteuer vor Ort zahlen. Dies ist ein zentraler Unterschied zu zumeist kleineren Bürgerenergie-Genossenschaften.

Die restlichen relevanten Wertschöpfungsschritte, wie die Fremdkapitalfinanzierung und die Anlagenwartung, werden meist von Akteuren außerhalb der Kommune übernommen. Die Betreibergesellschaft hat ihren steuerrechtlichen Sitz ebenfalls außerhalb, das Eigenkapital wird ausschließlich von auswärtigen Investoren gestellt.

Erheblich Mehr Wertschöpfung

Im zweiten Fall wurde dagegen unterstellt, dass die Betreibergesellschaft vor Ort sitzt und 50% des Eigenkapitals von vor Ort ansässigen Investoren gestellt wird. Weiterhin werden 50% des Fremdkapitals von regionalen Banken gestellt, so dass hier ein wichtiger Bestandteil der Wertschöpfung im Anlagenbetrieb regional verbleibt.

Aufgrund der relativ hohen Bedeutung der Betreibergewinne und der Gewerbesteuer im Anlagenbetrieb kann die Wertschöpfung gegenüber dem Fall 1 um über 300% gesteigert werden. Da aber noch immer nicht das gesamte Eigen- und Fremdkapital von regionalen Akteuren aufgebracht wird, liegt die im Fall 2 regional einbehaltene Wertschöpfung noch immer bei zirka nur zwei Dritteln der maximal möglichen Wertschöpfung des Betriebs. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig eine umfassende Beteiligung regionaler Akteure an den vor Ort betriebenen Anlagen sein kann, damit auch die Standort-Region von den ökonomischen Vorteilen profitieren kann.

Vorrausetzung für Eigenbetrieb

Dabei müssen Kommunen nicht unbedingt als Anlagenbetreiber auftreten. Sie können auch mit geeigneten Maßnahmen transparent über regionale EE-Projekte und über Möglichkeiten zur Planungs- und Finanzierungsbeteiligung informieren. So tragen sie begleitend zur Akzeptanzsteigerung und zur lokalen Bindung der jeweils generierten Wertschöpfung bei.

Eine Bündelung verschiedener Projekte bei der Kommune und die Integration in ein Gesamtkonzept kann aber auch zur attraktiven Variante einer proaktiven Kommune werden angesichts günstiger Kreditkonditionen und des zunehmenden Eigenbetriebs von Stadtwerken sowie der sicheren Ertragslage aufgrund der gesicherten Abnahme und Vergütung des erzeugten Stroms.

Wichtige Voraussetzungen für einen erfolgreichen Eigenbetrieb von EE-Anlagen ist zum einen eine konsistente Gesamtstrategie. Neben der Stromerzeugung sollte sie etwa auch die Wärmeversorgung und gegebenenfalls den Betrieb der lokalen Verteilnetze oder zumindest Mitspracherechte beinhalten. Weiterhin ist eine umfangreiche und gezielte Öffentlichkeitsarbeit zu leisten, um die notwendige Unterstützung und Beteiligung der Bürgerschaft sicherzustellen. Eine transparente Darstellung der unternehmerischen Verflechtungen, Zielsetzungen, aber auch der Gewinnverwendungen ist unabdinglich.

Abhängig von der Politik

Die wichtigste Anforderung, um die Akteursvielfalt zu erhalten und die damit verbundene regionale ökonomische Teilhabe zu erzielen, ist jedoch beim Re-Design der übergeordneten Energiepolitik und insbesondere des EEG lokale und womöglich kleinere Projekte nicht gegenüber dem Investment von Großunternehmen zu benachteiligen wie dies durch die ersten Versuche der Auktionierungs- und sicher durch Quotenmodelle der Fall wäre. Auch unnötige Belastungen der Eigenverbrauchsmodelle im PV-Bereich wirken begrenzend auf den Anlagenzubau und schränken die Beteiligungsmöglichkeiten einer Vielzahl von Akteuren ein.

Steven Salecki & Bernd Hirschl (Institut für ökologische Wirtschaftsforschung)

Erschienen in Ausgabe: 04/2016