Aus der Waage

Markt

Erzeugung - In drei Jahren hat sich die Energiewelt völlig gewandelt. Die konventionellen Kraftwerke kämpfen durch den Preisverfall an der Börse mit Rentabilitätsproblemen. Der große Wurf einer EEG-Reform wäre nötig – doch mehren sich die Anzeichen, dass vieles bleibt wie es ist.

26. November 2013

Kurz nachdem mit der Katastrophe von Fukushima in Deutschland die sieben ältesten Kernkraftwerke dauerhaft vom Netz genommen wurden, schöpften die Betreiber von Kohlekraftwerken neuen Mut aus der plötzlich klaffenden Lücke. Zwar standen sie schon seit Jahren als unflexible Grundlasterzeuger aufgrund der spezifisch hohen CO2-Emissionen in der Kritik und hatten mit der Einführung der CO2-Emissions-Zertifikate und dem Einspeisevorrang für Energie aus erneuerbaren Quellen ein existenzielles Problem.

Besonders die Braunkohle, bis dahin mit 25% Anteil an der Stromerzeugung eine seit Jahren schrumpfende Nummer eins in Deutschland, drohte mit teuren Strafzahlungen für die notwendigen Emissions-Zertifikate an den Rand der Wirtschaftlichkeit zu geraten. Ein schnelles Ende der Kohleverstromung wäre kein Problem, behauptete die Lobby der erneuerbaren Energien, denn mit flexiblen und aufgrund geringerer Größe auch dezentraleren Gas-Kraftwerken lasse sich die Erzeugungslücke komplett schließen.

In nur drei Jahren hat sich die Energiewelt komplett verschoben und zwar– wie es aus Kreisen der politisch Verantwortlichen zu hören war – in eine neue, nicht vorhersehbare Richtung. Zunächst, um auf Fukushima und das Jahr danach zurückzukommen, liefen alle Kohlemeiler – sofern nicht in Revision – rund um die Uhr auf Volllast. Der Strompreis an der Energiebörse hatte mit Blick auf eine vermeintliche Verknappung durch die Abschaltung der sieben ältesten KKW bei den Futures deutlich zugelegt, nur die CO2-Preise rutschten ab. Gas war allerdings auch 2011 als Brennstoff schon so teuer, dass die Kraftwerke nur als Spitzenlastanlagen gefahren werden konnten – oder durch Wärmeauskopplung rentabel blieben.

Bis Ende 2013 hat sich mit einem rasanten, über zwei Jahre kontinuierlichen Preisverfall für Strom am Terminmarkt die Lage gedreht. Am EPEX Spot tauchen sogar immer häufiger negative Preise auf, über die sich nur Erzeuger von Wind- und Sonnenstrom uneingeschränkt freuen – sie erhalten ihr garantiertes Entgelt nach EEG dennoch.

Inzwischen sind selbst die billigsten Grundlasterzeuger – also die Braunkohlekraftwerke – kaum noch in der Lage, ihre Kosten zu verdienen. Fieberhaft wird deshalb daran gearbeitet, die Fahrweise der Riesenmaschinen flexibler zu gestalten. Neue Elektrobrenner sollen das Anfahren in Jänschwalde an einem der 500-MW-Blöcke erleichtern, vorgetrocknete Kohle und ein neues Mühlenmanagement die Mindestlast unter 40% drücken. Dazu kommen Überlegungen für große Dampfspeicher und sogar kohlebasierte Power-to-Gas-Varianten für die Zeiten, in denen der Wind- und Sonnenstrom überreichlich fließen, man das Feuer unter dem Kessel aber nicht ganz ausgehen lassen kann.

Stilllegung verweigert

Außerdem glättet der Peak der Sonnenleistung um die Mittagszeit zusätzlich den Preis der früher für die Spitzenlastproduktion nötigen Gasturbinen und hat inzwischen dieses Geschäftsmodell weitgehend beschädigt. Die reinen Gaskraftwerke in Deutschland gehen praktisch nur noch ans Netz, wenn die Bundesnetzagentur den Notstand verkündet. Mehr noch: Zu Dutzenden beantragen Kraftwerksbetreiber die Stilllegung der unrentabel gewordenen Anlagen. Die Notverordnung, mit der die staatliche Aufsicht die beantragte Stilllegung vieler Kraftwerke verweigert und stattdessen diese als ›Winterreserve‹ verpflichtet, nennen viele Betreiber inzwischen laut »Skandal und kalte Enteignung«.

Die maßgeblichen Vertreter der Energiebranche, bislang vor allem durch die Vertretung von Partikularinteressen ihrer jeweiligen Klientel aufgefallen, umwerben seit der Bundestagswahl die künftigen Entscheider. Das läuft ähnlich auch bei Vertretern der Parteien und sogar der Länder – die je nach Bedeutung einzelner Energiesparten für die regionale Wirtschaft das große Ganze aus den Augen verloren zu haben scheinen.

Das Ergebnis zeichnet sich in den Ergebnissen der Koalitionsverhandlungen ab: Der Offshore-Ausbau, ohnehin in starkem Zeitverzug, wird ein wenig hinausgeschoben, die Einspeisevergütung für Wind ein wenig reduziert. Von einem vor der Wahl verbreitetet geforderten »großen Wurf« bei der Reformierung des EEG allerdings ist bis heute wenig zu hören.

Klartext wird meist nur auf Fachtagungen geredet, mitunter kommen hier sogar recht komplette Entwürfe auf den Tisch, wie die verkorkste Energiewende vielleicht doch noch zu retten ist. Bereits seit einiger Zeit liegt ein solches Paket vom Forum Zukunftsenergien, einem Zusammenschluss von hochrangigen Vertretern der Wirtschaft, auf dem Tisch. Die Energiewende muss endlich klar definierte Ziele mit Prioritäten erhalten, lautet Punkt eins. Das müsste, wenn man sich die ursprünglichen Ziele der Energiewende vor Augen führt, eigentlich die Begrenzung des Klimawandels sein.

Zweitens müsse das Konzept europäisch verankert und abgestimmt werden. Drittens müsse das EEG dringend ersetzt werden, weil sich seine Funktion als Anschubhilfe für neue Technologien inzwischen erübrigt habe. Das neue Fördergesetz müsse marktnah, flexibel und technologieoffen sein.

Eigenstrom-Problem

Professor Marc Oliver Bettzüge, Direktor des Energiewirtschaftlichen Institutes an der Uni Köln, schlägt neben der Orientierung der Einspeisevergütung am Marktbedarf vor, die Marktgebiete zur Ermittlung des Börsenstrompreises zu teilen, um eine Hebelwirkung für den knapperen Strom im Süden für neue Investitionen zu schaffen. Zugleich würde das die grenzüberschreitende Nachfrage anders steuern: Es würden Anreize bis hin zu den norditalienischen Kraftwerkskapazitäten ausgelöst, die bei Versorgungsengpässen eingreifen könnten.

Bettzüge warnte zudem vor der Unterschätzung der Probleme einer massenhaften Eigenstromerzeugung, wie sie bei weiter ansteigenden Netz- und Umlage-entgelten aufgebaut werden dürfte. »Da kommt ein volkswirtschaftlicher Tsunami auf uns zu, wenn die Privatkunden sich so aus der EEG-Umlage zurück ziehen«, sagte der Energieexperte.

Wolfgang Neldner, Geschäftsführer des gleichnamigen Energieconsultinghauses, forderte im Oktober einen Kurswechsel weg vom unkontrollierten Ausbau fluktuierender Einspeisung hin zu klar geregelter Einspeisung zu Marktbedingungen. Neldner, dessen Vita leitende Positionen bei VEAG, Vattenfall und 50 Hertz enthält, befürchtet, dass wir erst einen kleinen Teil der Probleme beim Umbau der Energieerzeugung gesehen haben. »Ich glaube nicht, dass es jetzt schon einen Blackout geben wird, aber es werden zunehmend Restriktionen kommen, auf die unsere Wirtschaft nicht vorbereitet ist«, so der Experte auf dem VKU-Kongress.

Weil die Nachbarländer sich gegen die ihr Netz gefährdenden Überschüsse mit Phasenschiebern absichern wollen, steige die Belastung vor allem der ostdeutschen Stromnetze um 20 bis 25%, obwohl sie heute bereits zeitweilig in die Nähe kritischer Zustände kommen. Bei einem »Weiter so« mit dem alten EEG, drohe letztlich doch ein Zusammenbruch der Netze.

Vor den eigentlichen Koalitionsgesprächen hatten sich sowohl die Energieexperten der SPD als auch der CDU darauf festgelegt, dass die Ökostromanbieter künftig ein neues Modell der Eigenvermarktung finden müssten, was eine Abkehr vom höchst bedenklichen ›produce-and-forget‹-Prinzip bedeuten würde.

Auf Ziele rückbesinnen

Mehr Marktnähe für die Erzeugung aus Erneuerbaren hatte vor der Wahl auch Bundesumweltminister Peter Altmaier gefordert, der zwischenzeitlich die Ausbauziele deckeln wollte und nunmehr etwas schwammig von einem Testlauf für ein Ausschreibungsmodell für Neuanlagen spricht. Davon ist allerdings nach dem Abschluss der Fachgruppengespräche (Stand: Mitte November) nicht mehr viel zu vernehmen.

Zur Lösung der grundsätzlichen Probleme, dass die europäischen Nachbarländer nicht eingebunden sind und der Strom aus Wind und Sonne – bei aller notwendigen finanziellen Förderung – endlich an den Bedarf gekoppelt werden muss, tragen die jetzt bekannten Vorhaben allerdings noch lange nicht genug bei. Weder existiert bis heute ein echter Anreiz für den Betrieb von teuren und bisher in das Strommodell nicht eingepreisten Speichern noch diskutiert dies die neue Mannschaft in Berlin.

Die Folge davon kann allerdings nur sein, dass auf die Braunkohlekraftwerke als einzig verbliebene rentable Grundlastquelle auf absehbare Zeit nicht verzichtet werden kann. Eine Option, die trotz der durchaus anerkennenswerten Bemühungen der Branche um eine Flexibilisierung, die Senkung der Minimallast und die Steigerung der Wirkungsgrade nicht sonderlich zu den Kernzielen der Energiewende passen mag: Dort ging es nicht um mehr Windmühlen und auch nicht um mehr Solarmodule, sondern um eine signifikante Senkung der CO2-Emissionen. Davon aber ist Deutsch-land durch die bisherige Fehlsteuerung der Energiewende weiter entfernt denn je.

Erschienen in Ausgabe: 10/2013