Aus Fehlern lernen beim NAP II

ALLOKATION - Seit Einführung des Zertifikatehandels befinden sich die Strompreise in stetem Aufwärtstrend. Den Klimaschutz hat der Emissionsmarkt nur in kleinen Schritten voran gebracht.

10. Mai 2006

Was der CO2-Handel zwischen 2005 und 2007 zur deutschen Reduktionsverpflichtung beitragen wird, ist relativ gering, die Bilanz über den Zuteilungsplan für diese Periode (NAP I) durchwachsen. „Aus Fehlern

Lernen“ hat Franzjosef Schafhausen, Ministerialrat im Bundesumweltministerium, über eine Ansammlung von Schwachpunkten geschrieben, die im zweiten Allokationsplan (NAP II) möglichst zu beheben seien.

Zahlreiche Sonderregeln und Wahl­rechte machten den NAP I mit 58 möglichen Kombinationen komplex und wenig transparent. Dies habe auch die Berechenbarkeit des Systems behindert, so Schaffhausen bei einer Konferenz des Euroforums in Berlin.

Insbesondere die so genannte Optionsregelung „durchkreuzte die gesamte Kalkulation“. Die ursprünglich nur für ein einziges Kraftwerk gedachte Bestimmung, wonach für bestehende Anlagen Zuteilungen gemäß dem Modus für Neuanlagen beantragt werden konnten, sei extensiv genutzt worden: für 521 Anlagen. Dies hat das Budget für die Regelung gesprengt und dazu geführt, dass nun nachträglich alle Bestandsanlagen über den zweiten Erfüllungsfaktor stärker in die Pflicht genommen werden. Ein „massiver Umverteilungseffekt“, so Schafhausen. „Viele Betreiber haben zu Lasten anderer Betreiber optimiert.“

Unterschiedliche Grenzen

Im NAP II wolle man sich auf ein „unverzichtbares Minimum“ an Bestimmungen beschränken - die Optionsregel werde voraussichtlich nicht darunter sein. Ferner solle es keine ‚Ex-post-Korrekturen’ geben, ebensowenig seien staatliche Eingriffe wie etwa Preiscaps zu erwarten. Kleinemittenten dürfen auf Erleichterungen hoffen, zumindest sollen Antragstellung, Zuteilung und Monitoring hier deutlich einfacher werden.

Energiewirtschaft und Industrie könnten künftig mit unterschiedlichen Obergrenzen ausgestattet werden - einen einheitlichen Reduktionsfaktor für alle Sektoren gebe es schließlich nur in Deutschland. Über mögliche Erleichterungen für die energieintensive Industrie werde diskutiert. Zumindest dürfte NAP II wie bisher Sonderregelungen für prozessbedingte Emissionen enthalten. Dass Zertifikate künftig versteigert werden, wie häufig gefordert, sei indes unwahrscheinlich. Gleichwohl müsse man „das Problem der Windfallprofits lösen“. Die Einpreisung der CO2-Zertifikate stößt in der Wirtschaft auf massive Vorbehalte.

„Rohrkrepierer“ sagt Dr. Christof Bauer, Degussa AG, wenn es um Emissionshandel in der EU geht. Auf internationaler Ebene sei bisher keinerlei Konsens erkennbar, alle Weltregionen und auch sämtliche Wirtschaftssektoren miteinzubeziehen. Für Europa zeichne sich das System daher durch Wettbewerbsnachteile aus. „Viele in der Welt finden das natürlich sehr charmant.“

Bauer beackert das Thema seit Jahren, und er wird auch auf dieser Euroforum-Konferenz nicht müde, Schaubilder an die Wand zu werfen, die gewisse Unstimmigkeiten aufzeigen sollen. Anhand der Preisgrafik für den deutschen Markt lasse sich für die ersten zehn Monate des letzten Jahres eine direkte Abhängigkeit von Strom- und CO2-Preis nachweisen: Beide Kurven begaben sich demnach in „mehreren Parallel-Verschiebungen“ nach oben. Ab Juli allerdings, als der Aufwärtstrend bei den Klimanotierungen zu Ende war, wurde nach Bauers Rechenmodell ein Euro extra auf den Strompreis aufgeschlagen.

Problem: Nicht-Produktion

„Offenbar wollte der Strom, als es beim CO2 nach unten ging, nicht so gerne mit runter gehn.“ Ab November schließlich sei entgegen der Theorie gar keine Korrelierbarkeit mehr erkennbar gewesen. Erst in diesem Jahr befinde man sich mit CO2-Notierungen auf höherem Niveau „wieder in der geordneten Welt: Jetzt hängt der CO2- wieder am Strompreis.“

Grundproblem des EU-Emissionshandels sei, dass auch Nicht-Produktion belohnt wird: Wenn Kraftwerke stillstehen, können Zertifikate verkauft werden. Bei einer Marktpreisbildung nach dem Grenzkostenprinzip führe eine Zuteilung ohne Ex-Post-Kontrolle dazu, dass die Emissionsberechtigungen in voller Höhe eingepreist werden.

In Märkten mit wenigen Anbietern und knappen Kraftwerkskapazitäten könnten die Stromerzeuger mit „doppelter Dividende“ rechnen: Einmal steigen die Strompreise, wenn weniger Angebot am Netz ist, zum anderen ergeben sich Zusatzerlöse aus dem Verkauf der Zertifikate. Die Zuteilungen für Kraftwerke der allgemeinen Versorgung sollten daher auf Basis von Benchmarks erfolgen und später, ex post, überprüft werden. Mit der Optionsregel wäre dies machbar, sie sollte nicht vorschnell abgeschafft werden.

„Der CO2-Effekt ist kein stabiler Prozess“, sagt Dr. Thomas Niedrig von RWE Trading. Politische und regulatorische Unwägbarkeiten hätten starken Einfluss. Fragen etwa, ob und inwieweit die flexiblen Mechanismen ab 2007 in das Handelssystem miteinbezogen werden, sorgten für erhebliche Unsicherheiten in den Analyseküchen der Energiehändler.

Niedrig gliedert die Preisentwicklung der letzten Monate in vier Perioden und macht für den überproportionalen Anstieg der Strom- gegenüber den Klimanotierungen in der zweiten Jahreshälfte 2005 vor allem die Gaspreise in Großbritannien verantwortlich - sie gingen ab Oktober deutlich nach oben. „In sich vollständige Erklärungen“ könne man freilich nicht erwarten. Nachweislich seien die europäischen Strom-, Gas- und Ölmärkte mit dem Emissionshandel näher aneinandergerückt. Die Preiskurven korrelieren inzwischen recht stark. Zudem sei der direkte Einfluss der primären Brennstoffe noch nie stärker gewesen. Über den Emissionsmarkt habe sich so auch die Volatilität erhöht. Niedrig: „CO2 ist das Verbindungsglied zwischen UK Gas und Continental Power.“

Erschienen in Ausgabe: 05/2006