Ausstieg aus der Investitionsdelle

Wachstum - Erstmals seit 2000 erreicht der Inlandsmarkt für Energietechnik die Fünf-Prozent-Marke. Aus dem Ausland kamen 10,6 % mehr Aufträge. Indien und China setzen auf Eigenproduktion.

06. Juni 2006

Dr. Joachim Schneider, Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Energietechnik zeigte sich auf der Hannover Messe 2006 positiv gestimmt: „Die Energietechnik-Industrie setzt darauf, dass sich nach einer deutlichen Nachfragebelebung im Jahr 2005 für die kommenden Jahre die Geschäftsaussichten auch im Inlandsmarkt nachhaltig verbessern.“ Die Inlandsinvestitionen der Energiewirtschaft deuteten zwar noch nicht darauf hin, dass „der langjährig gewachsene Nachholbedarf kurzfristig auszugleichen wäre“, dennoch sieht der Fachverbands-Chef mit größerer Zuversicht in die Zukunft.

Die im letzten Jahr geäußerte Hoffnung auf eine steigende Attraktivität auch des Inlandsmarktes sei durch klare Indizien unterlegt worden, erläuterte Dr. Schneider. So hat der Anstieg des Auftragseingangs im Inland erstmals seit 2000 mit plus 5,8 Prozent wieder die Fünf-Prozent-Hürde überwunden, nach nur 1,8 % im Vorjahr. „Hier wird deutlich, dass in einigen Segmenten wie zum Beispiel Transformatoren und Schaltanlagen auch die Nachfrage in Deutschland nachhaltig angezogen hat.“ Der Fachverbands-Vorsitzende betonte, dass speziell in den Fertigungs-Standorten für Transformatoren eine „aktuell gute Auslastung“ zu verzeichnen sei, getrieben durch „die gleichzeitige Nachfragebelebung im Inland wie im Ausland“. Gerade bei den Transformatoren für den Einsatz in den Übertragungs- und Verteilnetzen habe dies teilweise zu erheblich verlängerten Lieferfristen geführt.

Dr. Schneider begrüßt, dass durch Projekte wie die Windsammelschiene der Vattenfall mit dem Ausbau einer 380-kV-Freileitung über 75 km Länge zwischen Schwerin und Hamburg „jetzt der lange diskutierte windenergiebedingte Ausbau der Übertragungsnetze Gestalt anzunehmen beginnt“. Gleichzeitig wies er aber auch darauf hin, dass die „weiteren anstehenden Investitionen auch genutzt werden sollten, das Netz technologisch dem Stand einer effizienten Infrastruktur anzupassen“. Denn nach wie vor sei, trotz einer eindeutig gestiegenen Inlandsnachfrage, die Investitionsdelle der Jahre 2000 bis 2005 im Inland zurzeit nicht auszugleichen.

Allgemein verzeichnet der ZVEI, dass die Investitionen für Kraftwerke deutlich weiter fortgeschritten seien als Stromnetz-Projekte. „Die aktuell in der Planung oder im Bau befindlichen Kraftwerke mit einer installierten Leistung von rund 18.000 MW zeigen auf, dass zumindest im Bereich der Erzeugungsanlagen die Auftragsvergabe für notwendige Ersatzinvestitionen langsam Fahrt aufnimmt“, teilt der Verband mit.

Triebfeder Exportmarkt

Trotz dieser positiven Vorzeichen, war im vergangenen Jahr mit 7,1 % Umsatz-Wachstum das Ausland auf gut 4 Mrd. € erneut die Triebfeder für die „insgesamt positive Entwicklung“. Bedingt durch eine Stagnation im Inland fiel das Wachstum insgesamt mit 3 % auf rund 10,2 Mrd. € nur moderat aus. 2004 wuchs die Branche immerhin noch um 5,1 %.

Aber auch bei den Exporten gibt es einen Wermutstropfen: Durch die Globalisierung sehen sich die Unternehmen immer mehr genötigt, ihre Zielmärkte aus dem Land selbst heraus zu bedienen.

Dieser Effekt zeigt sich beispielsweise an der Entwicklung in China, wo eine allgemeine Abflachung der außergewöhnlichen Nachfrage der letzten Jahre im Verbund mit einem immer stärker gewordenen lokalen Fertigungsanteil die Entwicklung des Exports erstmals seit langer Zeit mit minus 4,3 % in den negativen Bereich drückte. „Dennoch“, so Dr. Schneider, „bleibt China mit einem Exportvolumen von 490 Millionen Euro das Land, in das unsere Industrie die höchsten Exporte weltweit verzeichnet.“

Eine ähnliche Entwicklung ist in Indien zu verzeichnen, wo allerdings der Zuwachs in 2005 noch bei 27,5 % lag. Noch besser liefen die Ausfuhren in andere Weltregionen, etwa nach Australien oder in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAR). Mit gesamt rund 290 Mio. € machten diese fast den vierfachen Wert der Lieferungen nach Indien aus.

Wachstumspotenziale sieht der ZVEI generell auch bei der Steigerung der Energieeffizienz. Hier seien mehrere Ansatzpunkte gegeben: Sowohl auf europäischer wie auf nationaler Ebene hat die Steigerung der Energieeffizienz höchste Priorität, hat der Verband ausgemacht. Ein Beispiel sei der Transport von Blindleistung. Dieser führt zu zusätzlichen Netzverlusten und einer Begrenzung der Übertragungskapazitäten, die durch die Blindleistungskompensation vor Ort vermeidbar wären. Der Verband hat errechnet, dass sich damit die Netzverluste in der EU-25 um jährlich 48 Mrd. kWh senken lassen - ein Stromverbrauch von etwa 13 Mio. Haushalten. „Dieses Potenzial wird zur Zeit nur ungenügend ausgeschöpft, da kein ausreichender wirtschaftlicher Anreiz besteht“, bemängelt der Branchenverband. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 06/2006