Balancestab für den Rollout

Management - Smart Metering

Finanzierung - Wie lassen sich die schwer kalkulierbaren Investitionen für den Rollout intelligenter Messsysteme verdaulich finanzieren? Ein revolvierendes Finanzierungsmodell ermöglicht es, die Investitionen auch ohne eigene Budgets zu schultern. Das Modell orientiert sich an den spezifischen MDL/MSB-Anforderungen. Ein Messdienstleister und ein Finanzierungsunternehmen haben es gemeinsam entwickelt.

30. November 2015

In Deutschland gibt es Menschen – und zwar solche vom Fach –, die bezeichnen die ab 2017 verordnete Einführung intelligenter Messsysteme (iMS) und moderner Messeinrichtungen wahlweise als Trojanisches Pferd, Geisterschiff oder Fass ohne Boden. Die Metaphern bringen zum Ausdruck, dass auf alle grundzuständigen Messstellenbetreiber (MSB) und Messdienstleister (MDL) etwas zurollt, dessen Folgen noch nicht klar absehbar sind. Zwar hat das Bundeskabinett am 4. November 2015 den Entwurf des Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende mitsamt Messstellenbetriebsgesetz beschlossen, das einen detaillierten Fahrplan bis 2032 beinhaltet. Dennoch sind einige Auswirkungen noch nicht vollkommen durchdacht.

Ein normaler Bankkredit hilft nicht weiter

Erstes Thema ist sicherlich die Finanzierung: Was kostet der iMS-Rollout, und wie lässt er sich kaufmännisch seriös bewältigen? Die Herausforderung besteht darin, erhebliche finanzielle Unwägbarkeiten und Risiken in einem hochspezifischen Umfeld beherrschbar zu machen: Einerseits muss ein Finanzierungsmodell langfristig, das heißt auf den gesamten Rollout, ausgelegt sein. Andererseits muss man das System Investitionsumfängen anpassen können, die in jedem Fall erheblich sind, sich im Vorfeld aber kaum exakt beziffern lassen. Und es muss mit der Erlössituation der Messstellenbetreiber und Messdienstleister korrespondieren.

Bildlich gesprochen: Wenn man sich den iMS-Rollout als 16 Jahre währenden finanziellen Balanceakt auf dem Hochseil vorstellt, wird ein flexibler Gleichgewichtsmechanismus benötigt, der jederzeit alle Unwägbarkeiten auspendeln kann. Ein normaler Bankkredit hilft in dieser Situation nicht weiter.

Der deutschlandweit tätige Messdienstleister Co.met und das Unternehmen Deutsche Leasing haben gemeinsam ein Finanzierungsmodell entwickelt, dessen Mechanismen sich an diesen Erfordernissen orientieren und bedarfsgerecht für Liquidität sorgen sollen. Dazu wird der Finanzierungsbedarf quasi in jährliche Tranchen aufgeteilt.

Das funktioniert wie folgt: Beginnend 2017 werden alle Kosten, die in diesem Jahr für die Beschaffung und Installation intelligenter Messsysteme und moderner Messeinrichtungen anfallen, von der Deutschen Leasing übernommen. Diese Vorfinanzierungsphase erstreckt sich über ein Jahr und ist für den MSB/MDL kostenneutral das heißt, er muss noch keine Leasingraten zahlen.

Erst 2018, wenn der MSB/MDL mit den installierten Messsystemen Erlöse erzielt, beginnt der Geldrückfluss, dessen Laufzeit analog zur Eichzeit auf acht Jahre angelegt ist. Parallel beginnt für 2018 die nächste Vorfinanzierungsphase für die nächste Rollout-Etappe und so fort.

»Mit diesem revolvierenden System wird der Messstellenbetreiber in die Lage versetzt, seine Investitionen über den gesamten Rollout bedarfsgerecht durchzuführen, ohne eigene Geldmittel in Anspruch nehmen zu müssen«, so Clemens Rösler, Partner Manager Sales der Deutschen Leasing. »Die Zusammenarbeit beider Häuser bietet die Möglichkeit, die Finanzierung eng mit den bestehenden Prozessen zu verknüpfen und darüber eine einfache, schnelle und sichere Abwicklung zu gewährleisten.«

Unterschiedlichste Kostenaspekte zu berücksichtigen

»Leasing-Gegenstand ist die anzuschaffende Hardware, also primär Zähler, Gateways und Schaltboxen«, erläutert Co.met-Prokurist Joachim Tesche. »Der Vertrag deckt aber selbstverständlich auch alle Kosten ab, die jeweils in einem ursächlichen und zeitlichen Zusammenhang mit der Installation und Inbetriebnahme der Messsysteme stehen.«

Dabei sind unterschiedlichste Kostenaspekte zu berücksichtigen, von denen sich einige erst auf den zweiten Blick erschließen. Kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU), die das Saarbrücker Unternehmen als externer Messdienstleister bundesweit unterstützen möchte, benötigen in aller Regel Beratung, um sich für die smarte Welt strategisch, kaufmännisch und IT-seitig optimal aufzustellen. »Das wird nach unserer Wahrnehmung vielerorts unterschätzt«, weiß Co.met-Vertriebsleiter Sascha Schlosser aus zahlreichen Gesprächen mit potenziellen Kunden.

Schwer abzuschätzen sind beispielsweise die Kosten, die vielerorts durch den Austausch alter Zählerschränke entstehen. Experten datieren den Einbau der ältesten betroffenen Exemplare auf die 1950er- und 1960er-Jahre. Berichtet wird von teilweise museumsreifen Einrichtungen, die weder genügend Platz für die neuen Messsysteme bieten noch in der Lage sind, deren Betriebswärme regelkonform abzuleiten. Die Kosten der technischen Nachrüstung hat der Messstellenbetreiber zu übernehmen. »Die zusätzlichen Kosten können zwar über sehr lange Zeiträume abgeschrieben werden«, so Peter Backes, Sprecher der Co.met-Geschäftsführung, »aber sie müssen am Anfang einmal finanziert werden.«

Weitere Unwägbarkeiten

Auch die Zertifizierung ist ein Thema mit Kostenrelevanz. Von ihr betroffen sind alle involvierten Marktteilnehmer. Messstellenbetreiber zum Beispiel müssen sich und ihre Betriebsprozesse, die aus der Gateway-Administration resultieren, in jedem Fall zertifizieren lassen.

Dies gilt auch dann, wenn sie den gesamten Betrieb der intelligenten Messsysteme einem externen Dienstleister anvertrauen. Denn ein Teil der Prozesse findet immer in den eigenen Backend-Systemen statt.

Auch die eigene IT und tangierte Prozesse wie Energiedatenmanagement und Abrechnung müssen für die smarte Welt ertüchtigt werden. Zudem ist das Einrichten der Kommunikationsstrecken im Wide Area Network (WAN) ein zu berücksichtigender Kostenblock. Wird beispielsweise die Powerline-Kommunikation genutzt, müssen gegebenenfalls Trafostationen mit Netzwerkknoten ausgerüstet werden. Nicht zuletzt müssen Mitarbeiter geschult werden, damit sie den Umgang mit neuen Systemen und Prozessen beherrschen. »In allen diesen Bereichen entstehen Kosten«, so Schlosser.

Alle finanziellen Unwägbarkeiten, die beim iMS-Rollout an vielen Stellen lauern, will das Finanzierungsmodell von Co.met und Deutsche Leasing flexibel abfedern. Zu den Vorteilen des Leasing-Modells zählt laut eigenen Angaben beispielsweise, dass der MSB/MDL die Leasing-Objekte nicht in seiner Bilanz aktivieren muss. Er braucht weder Rückstellungen zu bilden noch Budgets zu beantragen.

»Finanzmittel, die bei einer Binnenfinanzierung dem operativen Betrieb entzogen würden, können sinnvoll für andere Aufgaben verwendet werden«, sagt Backes. »Das entlastet auch die Kommunen als Gesellschafter der MSB/MDL. Viele haben mit einer angespannten Haushaltssituation zu kämpfen. Die vorhandene Liquidität bleibt somit anderen Investitionen vor Ort vorbehalten.«

Ziel, eigenes Portfolio abzurunden

Co.met als grundzuständiger MSB/MDL in Saarbrücken und für bundesweit rund 350 Unternehmen als externer Messdienstleister tätig, rundet eigenen Angaben zufolge mit dem Finanzierungsmodul sein Leistungsportfolio ab. Im eigenen Rechenzentrum betreibt das Unternehmen die Systemplattform Smart Energy Network. Die modular aufgebaute, Cloud-basierte Lösung unterstützt alle Prozesse des Rollouts und Betriebs intelligenter Messsysteme für alle involvierten Marktteilnehmer.

»Unser Anspruch ist es, unsere Kunden mit einem All-in-one-Angebot umfassend zu unterstützen«, betont Backes. »Als Partner auf Augenhöhe sorgen wir dafür, dass die Unternehmen die Herausforderungen der smarten Welt gesetzeskonform bewältigen und somit ihre Grundzuständigkeit im Messstellenbetrieb behalten können.«

Gerhard Großjohann (für Co.met)

Das Finanzierungsmodell

Rollout-Investitionen - Abruf in zwei Phasen

Der Abruf der Finanzierung erfolgt jeweils revolvierend im Jahresrhythmus und gliedert sich in zwei aufeinanderfolgende Phasen:

> Einjährige kostenneutrale Vorfinanzierungsphase

Die kostenneutrale Vorfinanzierungsphase ermöglicht die Beschaffung der für das Jahr benötigten Messsysteme sowie ihre Installation. Die Deutsche Leasing übernimmt während dieses Zeitraums alle Kosten, trotzdem fallen für den Messstellenbetreiber keine Raten an.

> Laufzeit Finanzierung

Nach Abschluss der Vorfinanzierungsphase startet automatisch die Laufzeit der eigentlichen Finanzierung, die sich an der Eichzeit der Messsysteme orientiert. Da der Messstellenbetreiber nun mit den neu installierten Messsystemen Entgelte erzielt, beginnt für diese Tranche die Rückzahlung. Das Finanzierungsmodell lässt die Wahl zwischen einer Leasing- und einer Mietkauf-Variante. Beim Mietkauf gehen die Messsysteme nach Ablauf des Finanzierungszeitraums automatisch in den Besitz des Messstellenbetreibers über. Beim Leasing hat der Messstellenbetreiber den Vorteil, die Leasing-Objekte nicht in seiner Bilanz aktivieren zu müssen.

Erschienen in Ausgabe: 10/2015