»Bei der Prozessführung haben wir die Nase vorn«

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Der Aluminiumhersteller Trimet aus Essen macht sich die Energiewende zunutze. Die Elektrolysezellen des Unternehmens werden teilweise zur Sicherung der Netzstabilität genutzt. Trimets Energieexperte ist Heribert Hauck.

27. August 2014

Trimet stellt rund 600 Megawatt Abschaltleistung zur Verfügung, die bei Unterversorgung vom Übertragungsnetzbetreiber abgerufen werden kann. Wie lange ist die Vorwarnzeit, wenn bei Trimet eine Abschaltung ansteht?

Null. Die Option kann durch den Netzbetreiber jederzeit gezogen werden – für maximal eine Stunde. Wir sind immer am Netz und somit eine ›verlässliche Abschaltbarkeit‹. Eine weitere Möglichkeit ist, über einen Beitrag zur sogenannten Primärregelung in Höhe von plus/minus 30 MW die Netzfrequenz zu stabilisieren. Das können wir mit unserer Anlage in Hamburg.

Wie funktioniert das?

Wenn zu viel Strom im Netz ist, erhöhen wir die Leistung, damit die Generatoren der Erzeu- ger nicht durchdrehen; wenn andere Verbraucher mehr Leistung abfordern, als kurzfristig geliefert werden kann, drosseln wir entsprechend – und das ganze im Sekundentakt. Wir sind das erste Industrieunternehmen in Deutschland, das so etwas macht.

Welche Möglichkeiten zur Energiekostensenkung haben Sie darüber hinaus noch?

Wir haben noch eine dritte Möglichkeit, das Netz zu stabilisieren: die ›Virtuelle Batterie‹. Diese Methode ist nicht so schwarz-weiß wie die zuerst genannte, die Sofortabschaltung, sondern eine echte stetige Regelung.

Wir passen unseren Verbrauch in einem gewissen Rahmen der verfügbaren Netzleistung an. Derzeit testen wir eine erste Demonstrationsanlage. Unser Ziel sind plus/minus 25 Prozent der nominalen Produktionsleistung – und das über 48 Stunden in eine Richtung. Und wenn Sie das mit einem Pumpspeicherkraftwerk vergleichen, dann befinden wir uns auf dem gleichen Niveau. Um eine Zahl zu nennen: Unser Standort Essen könnte, wenn das klappt, eine Speicherkapazität von mehr als 3.000 MWh zur Verfügung stellen.

Jede Anlage hat einen optimalen Arbeitspunkt. Nachregelung heißt doch, dass Sie dieses Optimum verlassen müssen.

Richtig. Die Anlage fährt dann zwar ein anderes, ein relatives Optimum an, aber das ist eben ein Suboptimum mit einem niedrigeren Wirkungsgrad und höheren relativen Kosten. Wir haben da einen echten Zielkonflikt.

Die Flexibilität verbessert zwar die Bedingungen für den Einsatz von Wind- und Sonnenenergie und liefert damit einen Beitrag zur Umsetzung der Energiewende, verschlechtert aber gleichzeitig die ebenfalls von der Politik eingeforderte Energieeffizienz der Anlage.

Hier müssen wir uns mit den Politikern noch auf eine Kompromissformel verständigen.

Energieeffizienz und Anlageneffizienz sind zwei Seiten einer Medaille. Wie modern ist die Aluherstellung bei Trimet?

Vergessen Sie nicht, dass alle Hütten extrem hohe Energiekosten haben und deshalb ohnehin seit jeher nach höchster Effizienz streben. Wir nähern uns asymptotisch einem theoretischen Grenzwert und sind schon ziemlich nah dran. Wir haben in Deutschland weder die neuesten noch die größten Produktionsanlagen. Die Größe der Zellen spielt aber für die Wärmeverluste eine wesentliche Rolle, weil das Volumen in der dritten Potenz wächst, die Oberfläche aber nur in der zweiten. Wir haben also einen Skalierungseffekt. Die größten und modernsten Anlagen werden derzeit in China gebaut. Da können wir nicht mithalten. Es gibt aber ein Korrektiv: die Exzellenz der Prozessführung, und da haben wir die Nase vorn. Alles in allem liegen wir mit 13,5 bis 14,5 MWh/t ganz gut, während chinesische Anlagen im Mittel etwas über 15MWh/t benötigen. Die weltweit besten Anlagen verbrauchen etwa 13,0MWh/t.

Gibt es Möglichkeiten, Abwärme aus Ihren Anlagen der Nachbarschaft zur Verfügung zu stellen?

Die meisten Prozesse haben wir energetisch so perfektioniert, dass der Temperaturunterschied eine weitere Nutzung nur mit großem Aufwand zulässt – Stichwort Wärmepumpen.

Wir sehen aber noch Möglichkeiten in der Elektrolyse selbst mit den genannten 950°C Prozesstemperatur. Mit Hilfe eines neuartigen, steuerbaren Wärmetauschers, den wir für die ›Virtuelle Batterie‹ einsetzen, könnten wir mehr Abwärme als bisher nutzen und damit zum Beispiel perspektivisch das benachbarte Gewerbegebiet mit Wärme versorgen. (hgs/hd)

Erschienen in Ausgabe: 07/2014