Bio auf dem Vormarsch

Analyse: Biomassekraftwerke in Europa, Afrika und im Nahen Osten

Biomasse steht in Konkurrenz mit konventioneller und mit anderen erneuerbaren Energien. Doch Biomassekraftwerke erfahren Unterstützung von verschiedenen Seiten, wie die Studie der Unternehmensberatung Frost & Sullivan zeigt.

17. Februar 2003

Nach einer neuen Analyse der Unternehmensberatung Frost & Sullivan ist im Markt für Biomassekraftwerke in der Region EMEA (Europa, Naher Osten und Afrika) mit erheblichen Steigerungen zu rechnen. Den wichtigsten Wachstumsmotor bildet das EU-Weißbuch von 1997, nach dem der Anteil erneuerbarer Energieträger am Energieverbrauch der Europäischen Union im Jahr 2010 mindestens 12 % betragen soll. Biomasse - dazu zählen nachhaltig nutzbare Energiepflanzen sowie tierische Produkte - gilt dabei als eine der bedeutendsten Ressourcen. Der Vorteil gegenüber anderen „grünen“ Energiequellen wie Wind oder Sonnenenergie: Biomasse ist in großen Mengen auch über lange Zeit sehr einfach zu speichern und steht bei Bedarf in exakt dosierbarer Menge zur Verfügung. Daher sollen von den 165 Mrd. €, die laut Weißbuch bis 2010 in erneuerbare Energien investiert werden, 84 Mrd. in Biomassekraftwerke fließen.

Zusätzliche Impulse für den Biomassesektor gehen vom Europäischen Programm für Klimaänderungen (ECCP) aus. Hier wird die Bedeutung der Landwirtschaft als Lieferant erneuerbarer Rohmaterialien stark betont. „Insgesamt“, so Ian French, Branchenanalyst bei Frost & Sullivan, „profitiert die Branche von der generellen Fokussierung der EU-Agrarpolitik auf das Thema Nachhaltigkeit“. Eine wichtige Rolle spielen auch wirtschaftspolitische Bestrebungen, sich zumindest teilweise aus der Abhängigkeit der Öl produzierenden Länder im Mittleren Osten zu befreien.

Die EU-weiten Initiativen werden durch die spezifischen Programme nationaler Regierungen unterstützt. „Deutschland beispielsweise gewährt je nach Region Subventionen für Biomassekraftwerke“, so French. „Ähnliche Maßnahmen wird es mittelfristig in vielen Ländern geben.“ Allerdings: Nicht überall kann das theoretische Engagement für alternative Energien gleich schnell in die Praxis umgesetzt werden. „Das Problem liegt in der mangelnden Integration von Landwirtschafts- und Energiepolitik“, erläutert French. „Dadurch wird die Entwicklung der Biomasse zum Standardenergielieferanten bislang verzögert. Konkrete Wachstumsbremsen sind momentan die hohen Installationskosten sowie Probleme mit der Brennstoffherstellung und -logistik.“

Doch deutet vieles darauf hin, dass diese Schwierigkeiten in absehbarer Zeit überwunden werden können. Bereits jetzt sorgen Regierungsinitiativen für eine höhere Investitionsbereitschaft. Positive Impulse gehen auch von den stetig sinkenden Kosten pro installiertem Kilowatt aus, wodurch das Potenzial für Neuinstallationen europaweit zunimmt. Bis zum Jahr 2020 rechnet Frost & Sullivan mit einem Anstieg der installierten Kapazität auf über 60.000 MWth.

Zwischen 1998 und 2001 wurde der Großteil der Umsätze im Leistungsbereich 30 bis 50 MWth erzielt. Zukünftig ist laut Analyse von einer Nachfragesteigerung eher in den höheren Leistungsbereichen auszugehen. Allerdings wird, aufgrund des zu geringen Brennstoffvolumens, die Produktion in vielen Anlagen zunächst beschränkt bleiben. „Solange bei den Einsatzmaterialien nicht sämtliche Ressourcen ausgeschöpft werden, kann das volle Potenzial der Biomasse nicht zum Tragen kommen“, meint French. „Und um die Menge der nutzbaren Materialien aufzustocken, sind koordinierte, multidisziplinäre politische Bestrebungen notwendig, und zwar europaweit.“

Neben den marktspezifischen Hindernissen wirken auch externe Faktoren wie die Konkurrenz durch konventionelle sowie andere erneuerbare Energien als Wachstumsbremse. Vor allem die Windkraft hat die im EU-Weißbuch formulierten Erwartungen auf paneuropäischer Ebene übertroffen und gilt inzwischen als Hauptquelle für „grüne“ Energie. Doch lässt sich mit Windkraft ausschließlich Strom erzeugen, und die Produktion läuft nicht kontinuierlich. Biomasseanlagen dagegen sind meist auf Kraft-Wärme-Kopplung ausgelegt und liefern Energie nach Bedarf, weshalb sie laut Analyse für viele Endnutzer langfristig wohl die attraktivere Lösung darstellen werden.

Erschienen in Ausgabe: 11/2002