Börsenzugang für Großkunden

Strombezugsmöglichkeiten im liberalisierten Energiemarkt

Die Zeiten der zwangsläufigen Vollversorgung durch einen Anbieter sind vorbei. Beispielsweise Börsengeschäfte erlauben es, die benötigten Strommengen individuell zusammenzustellen. Dies kann direkt durch den Kunden erfolgen oder über einen Dienstleister, der entsprechendes Know-how einbringt.

25. Juni 2001

Die Verbändevereinbarung II und die Strombörsen schaffen erstmals in Deutschland die Möglichkeit, ein Elektrizitätsportfolio aktiv zu gestalten und zu optimieren. Dies ist heute bedeutend, da der Verfall der Groß- und Einzelhandelshandelspreise gestoppt ist und zukünftig mit volatilen Preisen ohne eindeutigen Trend gerechnet werden muss. Die hierzu notwendige Flexibilität kann nur mit einem direkten Marktzugang im Rahmen eines Portfoliomanagements erreicht werden.

Dieses Portfoliomanagement kann sowohl extern eingekauft (über Dienstleister, wie die Pmax) als auch intern aufgebaut werden (eigener Trading Floor). Die Erfahrungen aus dem skandinavischen Markt zeigen, dass die finanziellen Vorteile eines professionellen Einkaufsmanagements durch einen Portfoliomanager bei rund 10 % gegenüber den durchschnittlichen Einkaufskosten in einem langfristigen Vertrag liegen. Portfoliomanagement setzt sich zum Beispiel aus Prognose, Netztechnik, Bilanzkreismanagement, Stromhandel und einigem mehr zusammen. Im Folgenden wird der direkte Marktzugang im Stromhandel erläutert.

Oft sind die Voraussetzungen für eine individualisierte Strombeschaffung nicht oder noch nicht ausreichend in den Unternehmen vorhanden, so dass als Zwischenschritt für den direkten Marktzugang des gesamten Portfolios ein offener Liefervertrag genutzt wird. Hierbei können bestimmte Mengen am Markt eingekauft werden, wobei das Prognose- und Volumenrisiko beim Lieferanten des offenen Liefervertrages verbleibt. Dieses Risiko wird mit eingepreist, was zu einer Erhöhung der Vollstrompreise geführt hat und auch noch führen wird. Durch den direkten Marktzugang kann ein Unternehmen mit einem aktiven Portfoliomanagement die Risiken selbst steuern und somit einen Preisvorteil erreichen.

Durch die Verbändevereinbarung II besitzt jeder Kunde die Möglichkeit, dieses Risiko, dass eingespeiste Mengen nicht mit tatsächlichen Mengen übereinstimmen, selbst zu übernehmen. Durch eine Bedarfsplanung schafft der Kunde also die Möglichkeit, Standardverträge (Terminkontrakte) zur Bedarfsdeckung einzusetzen. Damit nutzt er den hohen Wettbewerb in einem liquiden Markt und nutzt eventuell vorhandene Flexibilität in seinem Bezug zu seinem eigenen Vorteil. Der erforderliche Bilanzkreisvertrag kann entweder direkt mit dem Übertragungsnetzbetreiber geschlossen werden oder mit einem Unternehmen, das einen Subbilanzkreisstatus anbietet. Sie übernehmen zwar weiterhin die finanzielle Verantwortung für Differenzen zwischen Einspeisung und Entnahme, die Konditionen im Rahmen des Subbilanzkreises werden aber mit dem Anbieter entsprechend verhandelt, so dass sie günstiger als beim Übertragungsnetzbetreiber sein können.

Der Markt, an dem sich der Stromkäufer nun bewegt, unterteilt sich in den bilateralen OTC (Over-The-Counter) Markt, in dem die Teilnehmer standardisierte und nicht-standardisierte Produkte untereinander (auch über Broker/Makler) handeln, und den Börsenhandel, an dem die Marktteilnehmer eine gebündelte Liquidität vorfinden. Die Börse tritt hier immer als Handelspartner auf, um somit das Kontrahentenausfallrisiko zu minimieren. Bei allen Börsengeschäften ist der Träger der Börse Geschäftspartner. Diese Gesellschaft lässt sich von allen Börsenteilnehmern Sicherheiten stellen, die den finanziellen Ausständen der Börsenteilnehmern entspricht. Die Börse ist somit stets in der Lage, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.

Um den Bedarf eines Unternehmens zu decken, wird zuerst die Prognose für den langfristigen Bedarf herangezogen (Jahres-Lastgang). Da es zur Zeit auf dem Terminmarkt nur Base (Mo-So, 24 h am Tag) - und Peakprodukte (Mo-Fr, 12 h am Tag) zu handeln gibt, sollte analysiert werden, wie das Volumenrisiko mit diesen Produkten möglichst gedeckt wird. Diese Grobabdeckung führt in jedem Fall bei der kurzfristigen Anpassung zu Über- und Unterdeckungen in einzelnen Stunden oder Stundensegmenten (Blöcken), die dann an den Spotmärkten (zum Beispiel an der LPX) kurzfristig ausgeglichen werden können.

Die Über- und Unterdeckungen führen zu Kauf- und/oder Verkaufgeboten am Spotmarkt (day-ahead-market). Einen Tag vor der physischen Erfüllung können die langfristigen Prognosen konkretisiert werden. Diese neuen Daten führen zur Anpassung der Lastprognose. Mittels Stunden- und Blockgeboten lässt sich der Einkauf auf Stundenbasis an diese aktualisierte Lastprognose anpassen. Hohe Liquidität, also ein hohes gehandeltes Volumen und eine hohe Anzahl von Teilnehmern, stellt sicher, dass der kurzfristige Ausgleich zu Marktpreisen erfolgt. Ein geschlossenes Orderbuch, das heißt eine anonyme Gebotsabgabe, gewährleistet, dass andere Marktteilnehmer die individuelle Situation nicht erfahren und ausnutzen können. Der Börsenbezug ist als Ergänzung zu außerbörslichen Geschäften zu sehen.

Neben der beschriebenen, kurzfristigen Optimierung an der Spotbörse bietet LPX den Terminmarkt an, an dem auch Preisabsicherungsinstrumente wie Futures gehandelt werden können. Mit Tages-, Wochen-, Monats-, Quartals- und Jahresfutures kann bereits langfristig eine Preisabsicherung nach zuvor beschriebenen Verfahren durchgeführt werden.

Großer Vorteil des liberalisierten Energiemarktes ist die Freiheit, alternative Bezugsmöglichkeiten zu kombinieren. Dabei ist der Börsenbezug eine moderne Form des Strombezugs. Ob das Börsenengagement durch Dienstleister abgewickelt werden soll, ist primär eine Frage der organisatorischen Ressourcen und des Know-hows. Obgleich die Prozesse von der LPX sehr einfach gehalten wurden, kann das Einschalten eines Dienstleisters einen Zusatznutzen generieren. LPX hat diesen Aspekt durch das jüngst vorgestellte Brokerkonzept und Multi-Portfolio-Solution aufgegriffen und bietet unterschiedliche Formen des Börsenengagements an. So erlaubt beispielsweise das Einschalten eines durch LPX anerkannten Brokers die direkte Zulassung an der Börse, die tägliche Geschäftsabwicklung erfolgt aber namens und auf Rechnung des Teilnehmers durch diesen Broker. Soll hingegen der Dienstleister auch das Bilanzkreismanagement übernehmen, bietet sich die Mandatierung des Dienstleisters an, der für seinen Klienten beispielsweise ein eigenes Portfolio im Rahmen der Multi-Portfolio-Solution führt.

Sven Hruby ist Geschäftsführer der Pmax Portfoliomanagement GmbH, Hamburg; Dr. Thomas Pilgram ist Marketing Manager bei der LPX Leipzig Power Exchange GmbH, Leipzig

Erschienen in Ausgabe: 04/2001