Bremsspuren mitten im Boom

PHOTOVOLTAIK - Der Boom ist nach wie vor nahezu beispiellos. Probleme macht aber nicht erst seit heute der Mangel am Rohstoff Silizium. Es scheint, als sei der Weg der Solarworld AG, die vertikale Integration, der richtige.

18. April 2006

Die deutsche Photovoltaikindustrie steht nach einem weiteren Jahr Sonderkonjunktur glänzend da. Die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) löste 2004 einen Boom aus, der bis heute unvermindert anhält und der Branche Umsatzzuwächse teilweise im dreistelligen Prozentbereich und nie gekannte Gewinnsteigerungen brachte. Abzulesen ist diese Entwicklung auch an den Aktienkursen der börsennotierten Solarunternehmen, bei der selbst nüchterne Banker ins Schwärmen geraten.

So weit, so gut. Ein Blick hinter die Kulissen offenbart aber auch die Schattenseiten des Booms. Die überaus rasant aufgebauten Kapazitäten der deutschen Photovoltaikindustrie konnten nur zum Teil genutzt werden. Der seit langem prognostizierte Mangel an Reinstsilizium - Ausgangsstoff der in der Photovoltaik marktbeherrschenden kristallinen Silizium-Solarzellen - hat im vergangenen Jahr deutliche Bremsspuren in der Branche hinterlassen.

Insbesondere kleinere Unternehmen mit geringer Einkaufsmacht waren von Nachschubproblemen betroffen. So kündigte die ostdeutsche GSS Gebäude-Solarsysteme GmbH sogar für dieses Jahr mangels Auslastung den Abbau von Personal an. Besonders bitter für ein Unternehmen, dem wie allen Photovoltaikunternehmen in Deutschland die Produkte förmlich aus der Hand gerissen werden.

Eine Umfrage unter den deutschen Produzenten von Wafern, Zellen und Modulen zeigt das Dilemma. Beispiel Modulproduktion: Die Gesamtkapazität der Modulhersteller wuchs im vergangenen Jahr um rund 116 % auf 523 MWp. Die Produktionsmenge stieg im gleichen Zeitraum lediglich um 35 % auf 285 MWp. Auch wenn man bedenkt, dass ein Teil dieser Kapazitäten erst im Laufe des vergangenen Jahres aufgebaut und damit später im Jahr wirksam wurde, ist das ein ernüchterndes Ergebnis. Noch drastischer zeigt sich die Situation, wenn man sich einzelne Unternehmen herausgreift. Die Solon AG beispielsweise gehört mit einer Produktionskapazität von 90 MWp zu den größten Modulherstellern in Europa. Mit 58 MWp produzierten Modulen - und damit einer Auslastung von 65 % - war das Ergebnis im letzten Jahr enttäuschend. „Uns fehlte Material. Das war der einzige Grund“, heißt es in der Berliner Unternehmenszentrale. Mit äußerst langfristigen Lieferverträgen, die Solon gleich mit mehreren Zellenproduzenten im letzten Jahr abgeschlossen hat, will die Konzernleitung dem Problem künftig beikommen.

Problem unterschätzt

An warnenden Stimmen hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt. Schon auf der 17. Europäischen Photovoltaikkonferenz im November 2001 prophezeiten Experten für die Mitte des Jahrzehnts eine Versorgungslücke von mehreren tausend Tonnen Reinstsilizium jährlich. Die weltweit sieben Hersteller des begehrten grauen Granulats haben verspätet auf die stark steigende Nachfrage reagiert.

Die Photovoltaikbranche selbst hat das Problem unterschätzt: Viele meinten, mit etwas verlängerten Lieferzeiten für die Endkunden und etwas bescheideneren Zuwachsraten für die Branche lasse sich die Durststrecke überwinden.

Die Folgen sind indes gravierender. Die nicht ausgelasteten Kapazitäten bringen zunehmend kleinere Unternehmen in Schwierigkeiten. Die Folgen brachte der Commerzbank-Analyst Joachim Treder im vergangenen Herbst auf dem Forum Solarpraxis der Branche zu Gehör: „Die Siliziumknappheit beschleunigt die Konsolidierung. In ein paar Jahren werden einige Unternehmen nicht mehr dabei sein.“

Dass allerdings die gar nicht einmal so kleine Shell Solar GmbH zu den ersten Opfern dieses Schrumpfungsprozesses gehören sollte, hatte wohl niemand gedacht. Anfang Februar übernahm die Bonner Solarworld AG die Shell-Fabriken in Gelsenkirchen und den USA sowie das Forschungszentrum in München. Solarworld-Gründer und Vorstandssprecher Frank Asbeck hatte den Coup mit einer einfachen Überlegung eingefädelt: „Ich habe mir überlegt, wer Probleme haben könnte, und da ist mir Shell eingefallen. Die hatten schlichtweg viel zu wenig Silizium.“ Offenbar rannte Asbeck mit dieser Interpretation bei Shell offene Türen ein. Solarworld selbst hat die eigene Siliziumversorgung in die eigenen Hände genommen. Der vertikal integrierte Konzern baut zusammen mit Degussa eine eigene Siliziumproduktion auf. Neben der holländischen Scheuten Solar AG ist Solarworld bislang das einzige Solarunternehmen, das diesen investitionsintensiven Schritt unternimmt.

Das Unternehmen ist nicht nur in dieser Hinsicht Vorreiter in der Branche. Noch vor wenigen Jahren galt das Konzept der ‚Vertikalen Integration’ - also die Einbeziehung möglichst vieler Wertschöpfungsstufen in die Geschäftsaktivitäten - als ausgewiesene Spezialität des Solarworld-Konzerns.

Als Reaktion auf die Mangelsituation gewinnt dieses Geschäftsmodell zunehmend an Attraktivität. Jetzt beteiligen sich Modulhersteller wie die Freiburger Solar-Fabrik AG an Waferhändlern, suchen Beteiligungen an Zellenfabriken oder bauen gar selbst welche auf. Zellenhersteller wie die Q.Cells AG oder die Erfurter Ersol Solar Energy AG engagieren sich in der Wafer- und Modulproduktion.

Die Branche nimmt aber keineswegs durchgängig eine offensive Haltung zum Rohstoffmangel ein. Die Umfrage zeigt deutlich eine abwartende Haltung, die an die Situation 2003 vor Verabschiedung des neuen EEG erinnert. Nur wenige Unternehmen setzen die Expansionspolitik im großen Stil des letzten Jahres fort. Zu ihnen zählen die Zellenhersteller Q.Cells und Ersol, die Modulproduzenten Scheuten, Solon und die Solarwatt sowie die Solarworld in den Bereichen Zellen und Module. Alle anderen vergrößern sich nur sehr verhalten oder gar nicht. Das unterscheidet die jetzige Situation grundlegend von der vor einem Jahr, als es kein Unternehmen gab, das nicht mit ambitionierten Ausbauplänen hausieren ging.

Es zeigt sich noch eine andere, möglicherweise kritische Tendenz: Viele Unternehmen haben ihren Exportanteil zurückgefahren - teilweise drastisch von 40 auf 25 % wie die Ersol AG. Das kann Anteile auf dem Weltmarkt kosten, der sich gerade als Wachstumsmarkt auf lange Dauer etabliert.

Eventuell eine fatale Entwicklung, denn Experten wie Andreas Knörzer von der Schweizer Bank Sarasin & Cie AG legen der Branche nahe: „Unabhängig von der neuen Regierung sind die deutschen Solarunternehmen gut beraten, die Zeit bis 2007 (Überprüfung des EEG, d. Red.) zu nutzen, um die Abhängigkeit vom deutschen Markt durch ein verstärktes Exportgeschäft zu reduzieren.“ Genau das passiert aber zurzeit nicht.

Das könnte sich schneller als erwartet rächen. Denn es ist keineswegs ausgemachte Sache, dass die fast schon hysterische Nachfrage nach Solaranlagen in Deutschland anhält. Die Endkunden sind mit Preissteigerungen von 10 bis 12 % konfrontiert. Damit könnten demnächst Anlagen an einstrahlungsschwächeren Standorten an den Rand der Wirtschaftlichkeit geraten.

Dies befürchtet zumindest der Geschäftsführer der Suntechnics GmbH - ein Tochterunternehmen des Hamburger Conergy-Konzerns, Michael Ix: „Dann lohnt sich die Investition für eine Solaranlage nicht mehr.“ Die Folge wäre ein Nachfrageeinbruch und eine deutlich beschleunigte Umstrukturierung der Photovoltaikbranche.

Erschienen in Ausgabe: 04/2006