»Brennstoffzelle spielt eine zentrale Rolle«

GROSSBRITANNIEN Fuel Cells haben für die britische Regierung ein großes Gewicht bei der CO2-Reduktion. Dabei soll die Region East Midlands zu einem Zentrum ausgebaut werden. Wir sprachen mit dem Koordinator Paul Bhatia.

19. April 2007

es: Welche Bedeutung spricht man in Großbritannien generell dem Thema Brennstoffzelle zu?

Auf der politischen Tagesordnung ganz oben steht, wie wir uns dem Klimawandel stellen und welche Lösungen wir finden, ohne gleichzeitig wirtschaftliches Wachstum zu gefährden. Die britische Regierung hat sich als Ziel gesetzt, den Ausstoß von Kohlendioxid bis zum Jahr 2020 um mehr als 26 Prozent unter den Wert des Jahres 1990 zu reduzieren, mit einer weiteren Reduzierung um 60 Prozent bis 2050. Um diese Vorgaben zu erreichen, entwickelt die britische Industrie eine Reihe von kohlenstoffarmen Technologien für erhöhte Energieeffizienz, darunter die Brennstoffzellentechnologie. Für das nächste Jahr plant die britische Regierung die Einführung eines Gesetzes zum Klimawandel, das regulatorische Vorgaben für die britische Industrie mit sich bringen wird. Vor dem Hintergrund des erklärten Ziels, schädliche Kohlenstoff-emissionen zurückzufahren, nimmt die Brennstoffzellentechnologie für Großbritannien eine zentrale Rolle ein.

es: Lässt sich dies auch in konkreten Zahlen ausdrücken?

Hier ist eine Prognose schwierig. Die staatlich geförderte Industrievereinigung Carbon Trust und das Handels- und Industrieministerium DTI haben ermittelt, dass Brennstoffzellen bis 2020 in Großbritannien Einsparungen an Kohlendioxidemissionen von 0,87 bis 1,74 Millionen Tonnen versprechen. Das bedeutet 4 bis 11,7 Prozent der geforderten CO2-Reduktion in Höhe von 15 bis 25 Millionen Tonnen.

es: Wie viele Firmen sind denn heute schon im Bereich Brennstoffzelle aktiv?

In Großbritannien arbeiten derzeit über 100 Unternehmen direkt in der Brennstoffzellenbranche. Bestehende Kompetenzbereiche der britischen Industrie umfassen die gesamte wirtschaftliche Versorgungskette, ausgehend von Forschung und Entwicklung bis hin zur Systemintegration. Großbritannien bietet auch Zugang zu einem Support-Netzwerk mit dem entsprechenden Know-how in den Bereichen Spezialfinanzierung, Installation, Wartung und Reparatur.

es: Die East Midlands sollen zum britischen Zentrum in diesem Bereich aufgebaut werden. Was sind die Hintergründe?

Die East Midlands liegen nordöstlich von London im logistischen Zentrum Großbritanniens. Die Region ist ein Exzellenzzentrum für Forschung und Entwicklung von Brennstoffzellen- und kohlenstoffarmen Technologien. In einem Radius von rund 160 Kilometern finden sich sämtliche Komponenten der Brennstoffzellen- Versorgungskette. Holywell Park, vormals Forschungs- und Entwicklungslungszentrum von Advantica Technologies, bildet den Anfang eines geplanten, gut einem halben Quadratkilometer großen Science Parks. Zu den Angeboten gehören sichere und umfassende Einrichtungen für die Entwicklung von wasserstoffbasierten Technologien. Zudem ist die Region Heimat einer beachtlichen Ansammlung von Firmen, die an der Entwicklung von Brennstoffzellentechnologien und -produkten arbeiten.

es: Können Sie hier Beispiele nennen?

Rolls-Royce-Fuel-Cell-Systems, ein mehrheitliches Tochterunternehmen der Rolls Royce plc, hat sich für Holywell Park als Standort seines Forschungs- und Entwicklungszentrums entschieden. Einer der Hauptfaktoren war die aktive Unterstützung der East-Midlands-Region, die vormalige Advantica Forschungsstätte zum idealen Entwicklungszentrum für wasserstoffbasierte Technologien umzuwandeln. Auch wenn die derzeitigen Einrichtungen von vergleichsweise überschaubarem Umfang sind und einzig der Forschung dienen, besteht heute schon Kapazität, pro Woche 1.000 keramische Komponenten für Brennstoffzellen herzustellen. Aktuell sind bereits über 100 Mitarbeiter hier beschäftigt. Ein weiteres Unternehmen ist Intelligent Energy, ein weltweit anerkannter Entwickler von kompakten PEM-Brennstoffzellen sowohl für stationäre als auch mobile Anwendungen. Ein Beispiel ist auch Bryte Energy. Das Unternehmen bietet Consulting-Dienstleistungen zu Wasserstoff-Projekten bis hin zum vollständigen Design und zur Installation sowie zum Betriebsmanagement von Energiesystemen.

es: Wann rechnen Sie mit einer entsprechenden Marktreife der Produkte?

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des britischen Handels- und Industrieministeriums und des Carbon Trust schätzt das weltweite Umsatzpotenzial für Brennstoffzellen auf 25 Milliarden US Dollar bis zum Jahr 2011. Haupteinsatzgebiete werden portable Batterien sein, gefolgt von stationären Anwendungen einschließlich kombinierter Wärme- und Stromversorgungslösungen sowie Remote-Energie und schließlich mobile Anwendungen für bordeigenen Antrieb und Hilfsstromquellen.

es: Auf welche Anwendungsgebiete legen Sie Ihre Schwerpunkte?

Hauptaugenmerk bei der Entwicklung der Brennstoffzellentechnologie liegt in den East Midlands auf dem Automobilsektor. CENEX, das Exzellenzzentrum für kohlenstoffarme und Brennstoffzellentechnologien, ist ebenfalls im Holywell Park angesiedelt. Dabei handelt es sich um einen Industrieverband, der vom DTI gefördert wird und ursprünglich auf Empfehlung des Automotive Innovation & Growth Teams der britischen Regierung ins Leben gerufen wurde. Ihr zentrales Ziel ist die Unterstützung der britischen Automobilindustrie, Wettbewerbsvorteile für den globalen Wandel zu kohlenstoffarmen Volkswirtschaften zu erreichen. Innovation wird über ein Netzwerk zum Wissenstransfer gefördert, das sich kohlenstoffarmen und Brennstoffzellentechnologien verschrieben hat. CENEX spielt eine Führungsrolle bei der Umsetzung einer ganzen Reihe von Projekten im Bereich der Technologievorführung und -umsetzung, wobei eine frühe Marktakzeptanz und Entwicklung der Versorgungskette im Mittelpunkt stehen.

es: Wird man dann auch in den East Midlands soweit sein?

Was die bereits heute in der Region entwickelten PEM- und Solid-Oxide-Fuel-Cell-Lösungen betrifft, so steht die vorhandene Technologie zahlreichen Herausforderungen gegenüber, angefangen vom hohen Preis bis zur Nichtverfügbarkeit für den Massenmarkt. Ausgereifte PEM-Brennstoffzellentechnologie für portable Energielösungen sind jedoch aktuell schon von Intelligent Energy erhältlich, und Rolls-Royce-Fuel-Cell-Systems verzeichnet bereits heute mehrere Großaufträge für SOFC-Brennstoffzellen im Megawattbereich. Das Unternehmen rechnet mit der Marktreife von Produkten zum Ende dieses Jahrzehnts. Das ENV-Hybridmotorrad soll in den nächsten zwei Jahren zur Marktreife entwickelt werden, SOFC-Stromversorgungsaggregate bis zum Ende des Jahrzehnts.

es: Welche Faktoren hemmen heute noch die schnellere Weiterentwicklung?

Haupthindernis für die Einführung einer wasserstoffbasierten Wirtschaft ist der Mangel an Infrastruktur für den Wasserstoffvertrieb und ein Tankstellennetzwerk. Dies hat natürlich erhebliche Folgen für die Marktakzeptanz und die Vergleichskosten von wasserstoffbetriebenen Produkten.

es: Woran liegt das?

Wasserstoff ist ganz klar ein extrem brennbares und explosives Material und muss entsprechend sorgfältig behandelt werden. Mit einer stufenweisen Einführung von wasserstoffbetriebenen Produkten, deren Betrieb sich im tatsächlichen Gebrauch als sicher erweist, lassen sich diese Bedenken am besten lösen.

es: Wie will man insbesondere den schwierigen Übergang von der Entwicklung zu marktfähigen Produkten schaffen?

Interesse an realer Akzeptanz von Brennstoffzellentechnologie wird von Demonstrationsaktivitäten im Alltag bestimmt werden. Die East-Midlands-Region, insbesondere durch die Aktivitäten von CENEX, präsentiert sich aktiv als ideales Zentrum für entsprechende Projekte. Eine ganze Reihe von führenden Demonstrationsprojekten wird derzeit in der Region entwickelt und geplant. Vermarktungsfähige Produkte müssen kosteneffektiv sein. In der Region und in Großbritannien werden erhebliche Anstrengungen unternommen, Produkte und Prozesse zu entwickeln, die sowohl effizient als auch kosteneffektiv sind. Besonderes Augenmerk ist dabei auf Zwischenstufentechnologien zu legen, wozu hybride Antriebsformen gehören.

es: Wie gehen Sie das Thema internationale Kooperationen mit ausländischen Forschungsinstituten oder auch Unternehmen an?

Ich begrüße internationale Kooperationen und die Zusammenarbeit mit ausländischen Forschungseinrichtungen und Firmen. Hier sind wir nicht auf die Zusammenarbeit mit Organisationen aus der EU beschränkt, auch wenn es ein naheliegendes Ziel unserer Aktivitäten ist, bei der Gestaltung einer Technologiebasis innerhalb Europas mitzuwirken. Wir sind gerade dabei, dieses Netzwerk aufzubauen und würden uns sehr freuen, von Organisationen zu hören, die Interesse an einer Zusammenarbeit haben. Unsere globalen Netzwerkaktivitäten außerhalb Europas konzentrieren sich hauptsächlich auf Japan, USA und Indien.

es: Welche konkreten Kontakte können Sie hier nennen?

Gute Beispiele internationaler Kooperation sind Rolls-Royce-Fuel-Cells, zu dessen Teilhabern ein Konsortium aus Singapur gehört, sowie Intelligent Energy und seine internationalen Kooperationen mit Boeing und Peugeot, die in den Medien große Beachtung fanden.

es: Wie gestaltet sich speziell die Zusammenarbeit mit Deutschland?

Wir sind daran interessiert, Beziehungen mit deutschen Institutionen und Firmen zu knüpfen. Neben den Demonstrationsfahrzeugen von Mercedes und potenziell auch BMW, die derzeit in Großbritannien getestet werden, unterliegen weitere Kooperationen gegenseitigen Geheimhaltungsvereinbarungen.

(mn)

VitaPAUL SINGH BHATIA

• arbeitet seit 2003 für die East Midlands Development Agency (EMDA). Als internationaler Investment Manager betreut er ausländische Investoren.

• Der Maschinenbauingenieur mit Master in Business Management war zuvor über 7 Jahre als Projektmanager in der Automobil- und 4 Jahre in der Bahnindustrie tätig mit Fokus auf strategischer Beratung und Business Development.

Erschienen in Ausgabe: 04/2007