Brüsseler Trugschluss

Studie Das geplante Ownership Unbundling hat mehr Wettbewerb im Strommarkt zum Ziel. Der europäische Vergleich zeigt, dass dieses Instrument bisher seine Wirkung verfehlt.

18. Februar 2008

Die von der EU-Kommission angestrebte eigentumsrechtliche Entflechtung von Energieerzeugung und Netzen wird nicht zu mehr Wettbewerb oder niedrigeren Preisen in den europäischen Energiemärkten führen. Vielmehr zeigt der Vergleich, dass Strompreise und Netztarife in den Ländern ohne Ownership Unbundling weniger stark steigen und die Netzverlässlichkeit höher ist. Dies geht aus einer Studie der Managementberatung A.T. Kearney hervor. Für mehr Wettbewerb im Endkundenmarkt würden letztlich eine effektive und einheitliche Regulierung in allen europäischen Märkten mit einer Umsetzung von Legal Unbundling auf der Übertragungs- und Verteilnetzebene sorgen. Gemeinsam mit rechtlich bindenden Vorgaben für die EU-Länder zum Ausbau der Grenzübergangskapazitäten könne der Wettbewerb angekurbelt werden.

»Das Ziel der EU-Kommission, den Ausbau der Grenzübergangskapazitäten zu forcieren, den Wettbewerb zu intensivieren und die Strompreise zu senken ist durch Ownership Unbundling nicht realisierbar«, sagt Dr. Florian Haslauer, Vice President der Utility Practice von A.T. Kearney und Studienleiter. »Der europäische Vergleich von Ländern mit und ohne Ownership Unbundling zeigt, dass die eigentumsrechtliche Netzentflechtung keine Folgen auf die Netzzuverlässigkeit, die Investitionen in Netze, den Ausbau der Grenzübergangskapazitäten, die Höhe der Netznutzungsentgelte und die Höhe der Strompreise hat«.

Die Studie offenbart, dass Deutschland innerhalb der EU- 15 zwischen 2004 und 2006 mit 24 Min. die niedrigsten jährlichen Ausfallzeiten pro Haushalt aufweist. Frankreich und Österreich, die ebenfalls auf die rechtliche Trennung von Erzeugung und Netz (Legal Unbundling) setzen, liegen mit 54 und 36 Min. deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 95 Min. pro Jahr und Haushalt. Bei der Entwicklung der Strompreise wird deutlich, dass diese in Ländern mit eigentumsrechtlicher Entflechtung von 1998 bis heute mit bis zu 4 % stärker gestiegen sind, als in Ländern mit Legal Unbundling.

Zudem untersuchte die Düsseldorfer Unternehmensberatung die Investitionen der europäischen Netzbetreiber, die Entwicklung der Grenzübergangskapazitäten und Netzentgelte.

Gleich viel investiert

»Durch die verpflichtende Einführung des Ownership Unbundling erhofft sich die EU-Kommission höhere Investitionen in die Netze und einen forcierten Ausbau der Grenzübergangskapazitäten «, so Haslauer: »Unsere Studie zeigt jedoch, dass sowohl bei der Investitionstätigkeit als auch bei der Entwicklung der Grenzübergangskapazitäten kein Zusammenhang zwischen der Form des Unbundling besteht. Unternehmen in Ländern mit Ownership Unbundling investieren nicht stärker in ihre Netze als ihre europäischen Nachbarn, deren Netz und Erzeugung rechtlich getrennt sind«. So hat zwischen 2004 und 2006 der deutsche Energiekonzern E.on mit 1.284 € pro GWh und der österreichische Verbund mit 1.369 € pro GWh ähnlich hoch in den Ausbau investiert wie die spanische Red Electrica mit 1.456 € pro GWh.

Die Übertragungskapazitäten haben sich zwischen 2000 und 2006 mit einem Durchschnittswert von 70 % in fast allen Ländern der EU-15 mit Ausnahme von Dänemark erhöht. Die deutschen Energieunternehmen konnten ihre Kapazitäten seit 2000 um 39 %, die österreichischen um 115 % steigern. Das Verhältnis von Import und Erzeugungskapazität liegt in Deutschland, Österreich und Frankreich sogar deutlich über dem Ziel der EU-Kommission von 10 %, in Großbritannien, Italien und Spanien hingegen deutlich darunter.

Auch auf die Höhe der Netzentgelte sind keine Folgen durch Ownership Unbundling zu erkennen. Aus der Studie geht hervor, dass die Länder, die seit längerer Zeit auf eine Regulierung setzen, die niedrigsten Netznutzungsentgelte haben. In Deutschland lagen diese 2006 mit 7,1 € pro MWh im europäischen Durchschnitt, in Frankreich und Österreich mit 5,3 und 5,0 € pro MWh deutlich darunter. Länder mit Ownership Unbundling wie Dänemark (10,3 € pro MWh), Italien (10,1 €) und Großbritannien (8,4 €) weisen dagegen sehr hohe Netztarife auf.

»Je länger eine Regulierungsstelle eingesetzt ist, desto besser kommt der Wettbewerb in Gang«, so Haslauer: »In Ländern mit längerer Regulierungserfahrung sind nicht nur die Netzentgelte niedriger, sondern auch die Retailmargen höher. Dies ist eine wesentliche Bedingung dafür, auch für alternative Anbieter ein nachhaltiges Interesse am Strommarkt zu schaffen und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken«.

Um den Wettbewerb auf dem Strommarkt zu beleben, empfiehlt A.T. Kearney eine effektive und einheitliche Regulierung in ganz Europa zu schaffen. Darüber hinaus sollte die Umsetzung des Legal Unbundling auf der Transport- und Verteilnetzebene verschärft werden. In vielen EU-Ländern wird laut Haslauer der bestehende rechtliche Rahmen jedoch nicht ausgeschöpft.

Erschienen in Ausgabe: 01/2008