Chancen für die Aktiven

Möglichkeiten und Risiken des Portfoliomanagements in der Gasbeschaffung

Durch die Liberalisierung und den zunehmenden Wettbewerb im Markt für Erdgas bieten sich neue Möglichkeiten der Gasbeschaffung. Trading-Aktivitäten erhöhen die Flexibilität beim Gasbezug und verschaffen einen Kosten- und Zeitvorteil. Allerdings sind die Voraussetzungen (noch) nicht mit dem Strom vergleichbar, so gibt es etwa noch keine Börse mit verläßlichen Preissignalen. Dennoch sind die Chancen zur Kostenoptimierung groß, wenn das Portfoliomanagement professionell betrieben wird.

27. November 2004

Die Kunden im sich öffnenden Markt erwarten marktgerechte Preise und einen umfassenden Service“, sagt Dr. Thomas Rupprich, einer der beiden Geschäftsführer der actogas GmbH. Um die sich bietenden Chancen zu nutzen, gründeten die Bayerngas GmbH, die mittlerweile größte kommunale Beschaffungsgesellschaft für Erdgas in Deutschland, und citiworks, eine Tochter der Stadtwerke München, dieses Handelsunternehmen. actogas handelt mit Erdgas und Energiederivaten zur Beschaffungsoptimierung und Risikominimierung

In der Tat ist die Gasbeschaffung im Wandel begriffen. Wählten die kommunalen Versorger in der Vergangenheit regelmäßig das & pos;Rund-um-sorglos-Paket& pos; und lehnten sich an einen dominierenden Erdgaslieferanten an, haben sie heute mehr denn je Freiheit bei der Auswahl ihrer Verbindungen. Obwohl auch der bisher favorisierte Weg der Vollversorgung Vorteile bietet - sie gewährt auch Versorgungssicherheit, aber reduziert den vertraglichen und informatorischen Aufwand für Marktbeobachtung und Risikomanagement - bieten sich ebenso wie beim Stromhandel auf der anderen Seite erhebliche Chancen durch ein aktives Agieren am Beschaffungsmarkt. Dazu zählen, die günstigsten Mengen von unterschiedlichen Lieferanten zu beziehen, sich Spielräume durch unterschiedliche Vertragslaufzeiten zu sichern, neue Handelsorte wie Hubs zu nutzen oder an Auktionen teilzunehmen.

Dennoch ist die Situation nicht direkt mit der Strombeschaffung zu vergleichen: Die Liquidität im deutschen Erdgasmarkt ist geringer und es gibt noch keine Börse mit verlässlichen Preissignalen. Auch ist im Gegensatz zum Strom der Transport bei Erdgas komplexer und es besteht eine höhere Temperaturabhängigkeit. „Insbesondere bei extremen Temperaturschwankungen kann es durch in engen Bandbreiten optimierte Planungen oder durch falsche Prognosen wegen fehlender Flexibilität zu Engpässen kommen“, sagt Dr. Ulrich Mössner, Geschäftsführer bei Bayerngas.

Eine Schwierigkeit sei auch, das Erdgas von den internationalen Handelsplätzen kostengünstig in das eigene Netz zu transportieren, erläutert Otto Kollmer, Leiter der Beschaffung bei Bayerngas. Die Transportkosten seien wesentlicher Bestandteil der Gesamtkosten und zudem seien nicht überall freie Kapazitäten zu finden.

Zudem muß sich der Markt für die kurzfristige Erdgasbeschaffung noch weiter entwickeln. Dazu Dr. Rupprich: „Wir können unsere Portfoliobeschaffung nur so weit ausbauen, wie es der Markt hergibt.“ Ein Beispiel sei die momentane Entwicklung an den internationalen Handelsplätzen (Hubs). Die Preise sind dort stark gestiegen, unter anderem weil England sich zum Nettoimporteur für Erdgas entwickelt und verstärkt an den kontinentalen Märkten kauft. „Bei derartigen Preiskonstellationen kaufen wir momentan an den Hubs nicht ein“, sagt der actogas-Geschäftsführer.

Grundsätzlich gab es auch früher Beschaffungsverträge mit unterschiedlichen Laufzeiten. Der Schwerpunkt lag allerdings bei den langfristigen Verträgen. Auch in Zukunft komme es auf einen sinnvollen Mix aus lang- und kurzfristigen Kontrakten an, glaubt Beschaffungsleiter Kollmer. „Dazu bedarf es eines strategischen Portfoliomanagements, das die Chancen identifiziert und die Risiken reduziert. Professionelles Portfoliomanagement setzt auf lang-, mittel- und kurzfristige Instrumente. Langfristige Verträge dienen als Fundament zur Sicherheit, mit mittel- und kurzfristigen Instrumenten des Erdgashandels wird das Portfolio optimiert und die Marktchancen genutzt.“

Was versteht man aber genau unter kurz- und langfristigen Verträgen? Dazu gebe es keine klare Definition, sagt Kollmer. Erkennbar sei aber eine Tendenz zu eher kürzeren Vertragslaufzeiten. Habe man früher noch 10 Jahre aufwärts als langfristig bezeichnet, fallen heute schon Laufzeiten ab fünf Jahren in diese Kategorie.

Neue Geschäftsfelder benötigen neue Instrumente: Eine permanente Analyse der Marktmöglichkeiten und der Simulation der Prozeßabläufe und Beschaffungsvorgänge durch ein virtuelles Portfoliomanagement seien unabdingbar, betont Kollmer. „Dazu müssen belastbare und realistische Prognosen erstellt werden, wozu die enge Zusammenarbeit zwischen Beschaffung, Vertrieb und Kunden ebenso wie der Einsatz moderner IT-Instrumente gehört.“

Um das Portfolio schnell anpassen zu können oder Fehler zu erkennen, müsse ein funktionierendes Risikomanagement die Beschaffungsaktivitäten begleiten. Insbesondere für den Gashandel bedeute dies eine ständige Bewertung der Produkt- und Marktpreise sowie der Bonität der Geschäftspartner. Dazu kämen die Risiko-Kennzahlen- Bewertungen und das Setzen von Stop-Loss-Kriterien.

Da dieser Aufwand für einzelne kommunale Versorger oft nicht wirtschaftlich zu leisten sei, biete sich eine Kooperation in der Gasbeschaffung auf kommunaler Ebene an, sagt Bayerngas- Chef Dr. Mössner: „Professionelles Portfoliomanagement innerhalb einer Kooperation ist für Stadtwerke eine hervorragende Alternative, vom liberalisierten europäischen Beschaffungsmarkt für Erdgas zu profitieren.

Erschienen in Ausgabe: 12/2004