Chancen nutzen – Risiken minimieren

HANDEL - Der CO2-Zertifikatemarkt ist noch jung, hat aber deutlich an Reife gewonnen. Die Volatilität ist nicht größer als in anderen Rohstoffmärkten. Für die Betroffenen gilt es zunehmend, sich professionell zu betätigen oder entsprechende Hilfe ins Haus zu holen.

10. Mai 2006

Der Emissionshandel hat sein Ziel erreicht: Der Ausstoß von Kohlendioxyd ist zu einem wirtschaftlichen Faktor geworden. Das wird im täglichen Einsatz der Anlagen beachtet und auf einer längeren Zeitskala für alle Investitionen relevant. Letzteres wird dann auch zu einer Senkung der CO2-Emissionen führen. Umso wichtiger ist es, den Markt zu verstehen und die wesentlichen Einflussgrößen zu kennen.

Die Verabschiedung der Emissionshandelsrichtlinie durch die EU führte zu einer Erhöhung der Marktpreise, da klar wurde, dass die bisher gehandelte Ware zum 1.1.2005 wirklich einen reellen Wert darstellen wird. Die ersten Vorschläge zum Nationalen Allokationsplan (NAP) hatten zunächst durch die relativ großzügigen Allokationsmengen einen preisdämpfenden Einfluss.

In Folge führte die Kritik der EU-Kommission an der Höhe dieser Mengen zu einer festeren Tendenz der Preise. In der zweiten Jahreshälfte 2004 verharrte der Preis in einem sehr engen Band um die 9 €/t. Interessanterweise konnte man in dieser Phase bereits feststellen, dass der Markt an Reife dazu gewonnen hat, da politische Nachrichten einen zunehmend geringeren Einfluss auf die Preise zeigten, hingegen fundamentale Betrachtungen an Bedeutung gewannen.

Am Anfang des Jahres 2005 führten relativ milde Temperaturen, feiertagsbedingte niedrige Nachfrage und überdurchschnittlich hohe Windeinspeisung in Skandinavien und Norddeutschland zunächst zum Nachgeben der Preise.

Bereits Ende Januar begann jedoch ein Preisanstieg, der letztlich auf ein von den meisten Marktteilnehmern nicht erwartetes Preisniveau führte. Als Hauptursache hierfür wurde die Entwicklung der Gaspreise betrachtet.

Wettereinflüsse spielen eine große Rolle bei der Preisbildung am Strommarkt und damit am Emissionsrechtemarkt und wirken sich sowohl auf die Nachfrage als auch auf das Angebot an Emissionsrechten aus. Höhere Nachfrage nach Strom kann typischerweise nur durch fossil befeuerte Kraftwerke abgedeckt werden.

Große Wettereinflüsse

Überdurchschnittlich hohe Temperaturen führen im Winter zu einer niedrigeren Nachfrage nach Wärme und nach Strom und damit zu geringeren CO2-Emissionen. Überdurchschnittlich hohe Temperaturen im Sommer haben den gegenteiligen Effekt, da bedingt durch den verstärkten Einsatz von Klimaanlagen die Stromnachfrage steigt.

Das wurde 2005 vor allem in Spanien, Portugal, Italien und im Süden Frankreichs spürbar. Zudem können höhere Sommertemperaturen zu Kühlwassermangel und damit zu geringerer Produktion aus CO2-armen Kernkraftwerken vor allem in Frankreich führen.

Die Niederschlagsmenge, sowohl in Form von Regen als auch von Schnee, hat einen erheblichen Einfluss auf die Wasserkraftproduktion. Die Schwankungen bei der Wasserkraftproduktion liegen dabei in der Größenordnung von einigen Terawattstunden, das bedeutet daraus resultierende Schwankungen beim CO2-Inventar in der Größenordnung von einigen Millionen Tonnen. Im vergangenen Jahr litt vor allem Spanien unter hoher Trockenheit, die nicht verfügbare Wasserkraft wurde mit fossilen Kraftwerken ersetzt.

Zum dominierenden Faktor für den Emissionsrechtepreis wurden im Verlauf des Jahres 2005 die Brennstoffmärkte für Gas, Kohle und Rohöl. Der Brennstoffwechsel von Kohle zu Gas ist eine der wenigen sofort verfügbaren CO2-Vermeidungsmöglichkeiten. Er ist jedoch nur dann realisierbar, wenn der Kraftwerkspark geeignete Kapazitäten an Gas- und Kohlekraftwerken vorweisen kann. Letzteres ist innerhalb Europas eigentlich nur im Vereinigten Königreich und in etwas geringerem Ausmaße innerhalb der Niederlande der Fall.

Tägliche Entscheidungen

Die Einsatzentscheidung zwischen einem Kohle- und einem Gaskraftwerk wird auf täglicher Basis gefällt. Die Entscheidung wird getroffen durch den Vergleich zwischen den Großhandelspreisen für Strom und den Brennstoffpreisen sowie den Marktpreisen für Emissionsrechte. Gaskraftwerke sind typischerweise erst mit Beachtung des Emissionsrechtepreises günstiger als Kohlekraftwerke. Der Emissionshandel lenkt also den Einsatz in Richtung der CO2-ärmeren Erzeugung. Durch den starken Anstieg der Gaspreise im Verlauf des Jahres wurden Gaskraftwerke aber erst bei zunehmend höheren Emissionsrechtepreisen wettbewerbsfähig.

Es fällt auf, dass bisher als fundamentale Preistreiber neben dem politisch-regulativen Rahmen vor allem solche aus dem Bereich der Strom- und Wärmeerzeugung genannt worden sind.

Dies ist etwas überraschend, wenn man sich vor Augen hält, dass die Verteilung der Emissionsrechte in Europa den Strom- und Wärmesektor mit etwa 57 % bedacht hat, die restlichen 43 % jedoch an andere Industrien gingen. Dass letztere bisher am Markt im Vergleich zur Allokation kaum in Erscheinung getreten sind, hat mehrere Ursachen.

Auf der einen Seite sind in diesen Sektoren überdurchschnittlich viele Kleinanlagen mit sehr geringen Emissionen enthalten, für die eine aktive Marktteilnahme keine Vorteile verspricht. Hier wird der Markt lediglich zur Bedarfsdeckung genutzt.

Industrie noch zu wenig aktiv

Auf der anderen Seite ist für eine Reihe von Unternehmen die Teilnahme an Handelsmärkten eine neue Herausforderung, auf welche zunächst mit dem Aufbau der benötigten Handelsinfrastruktur reagiert werden muss oder mit dem Suchen eines geeigneten externen Portfoliomanagers.

Für eine Vielzahl von Unternehmen ist die Teilnahme an Handelsmärkten eine neue Herausforderung. Der Aufbau der notwendigen Handelsinfrastruktur und eines Risikomanagements erfordert Zeit und meist externe Beratung.

Auch wenn zunehmend große Industrieunternehmen am Emissionsrechtehandel teilnehmen, ist eine immer noch viel zu geringe Zahl aktiv am Handelsmarkt. Es ist offenkundig, dass der Aufbau der benötigten Strukturen nicht der einzige Grund für die relative Zurückhaltung vieler Industrieunternehmen ist. Vielmehr herrscht vermutlich nach wie vor Unsicherheit, wie man sich in dem neuen Markt aufstellen soll.

Für handelsaverse Unternehmen und für Unternehmen, für die sich aufgrund der relativ kleinen Emissionsexposition ein Aufbau eigener Handelsstrukturen nicht lohnt, bieten sich alternative Zugangsmöglichkeiten zu diesem Markt. Etablierte Handelsunternehmen können Kunden die Möglichkeit eines CO2-Portfoliomanagements anbieten. Für die Unternehmen besteht dann die Möglichkeit, ohne Aufwand auch kleine Positionen am Markt einzukaufen oder zu verkaufen und somit ihre CO2-Position kostengünstig zu optimieren.

Oft lohnt sich in einem ersten Schritt die direkte Ansprache des eigenen Strom- und Gasversorgers. Die meisten über­regionalen Stromversorgungsunternehmen verfügen über Erfahrung im Handelsmarkt und haben darüber hinaus profunde Kenntnisse der stark auf den CO2-Markt wirkenden Entwicklungen bei Strom und Gas. Außerdem halten sie die erforderliche Risiko- und Abwicklungsinfrastruktur bereits vor.

Sind diese Unternehmen international aufgestellt, können sie die Chancen des länderübergreifenden Handels wahrnehmen. Der CO2-Emissionsrechtemarkt ist für alle Unternehmen Chance und Risiko zugleich - unabhängig von Größe und Sektor.

Angesichts des eingetretenen Marktpreisniveaus für Kohlendioxyd wird es für die betroffenen Unternehmen beinahe zur Pflicht, sich hier entweder selbst professionell in diesem Bereich aufzustellen oder sich frühzeitig professionelle Beratung zu sichern.

Interview mit Karl-Michael Fuhr„Nicht viel komplizierter als Telefonbanking“

es: Wie stark beeinflusst der CO2-Zertifikatepreis den Strompreis?

Der Emissionshandel ist nur einer von vielen Einflüssen. Wir können aber davon ausgehen, dass es Preiseffekte gibt, die auf dem vermehrten Einsatz von relativ umweltfreundlichen Kraftwerken wie Gaskraftwerken beruhen. Deren Einsatz ist teurer als der eines Kohlekraftwerks und wird in bestimmten Marktsituationen erst durch die Berücksichtigung der CO2-Kosten sinnvoll und möglich. Daneben stellen wir fest, dass seit Aufnahme des Emissionshandels die Weltmarktpreise für Kohle und der europäische Handelspreis für Erdgas eine stärkere Rolle spielen, da dies die konkurrierenden Erzeugungs-Brennstoffe im Sinne der CO2-Vermeidung bei der Stromproduktion sind.

es: Würde eine längere Laufzeit der Kernkraftwerke Preiserhöhungen abschwächen?

Das könnte unter Umständen in der zweiten Handelsphase eine Rolle spielen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass der Emissionshandel keine deutsche Angelegenheit ist. Der Ersatz von Kernkraftwerken durch fossile Kraftwerke führt zu einer erhöhten Nachfrage nach Emissionsrechten. Ob aus diesem Nachfrageanstieg im europäischen Markt ein höherer Preis von Emissionsrechten resultiert, wird die Zukunft zeigen. Sicher ist: Eine Laufzeitverlängerung in Deutschland würde den Emissionsrechtemarkt entlasten.

es: Mit CDM und JI lässt sich die eigene Position verbessern. Wann rechnen Sie mit derem Durchbruch?

Es ist in der Tat so, dass die flexiblen Mechanismen noch nicht ausreichend genutzt werden. Das liegt nicht am bösen Willen der Teilnehmer, sondern an bürokratischen Hemmnissen. Hier plädiere ich für eine beschleunigte und pragmatische Umsetzung, damit schon in der ersten Handelsphase bis Ende 2007 Preis­effekte spürbar werden. Derzeit sieht es so aus, dass die Mechanismen erst ab 2008 zum Tragen kommen. Dabei kann gerade CDM einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

es: Gibt es für Unternehmen mit einer CO2-Exposition keine Alternative zum Weg über den Handel?

Letzten Endes stellt sich immer die Frage: Mache ich es selbst oder gebe ich es in Auftrag? Wir verwalten rund 10 % der in Deutschland verteilten Emissionsrechte und sind damit auf eine Risikosteuerung der eigenen Position angewiesen. Für ein Unternehmen, das nicht selbst handeln will, ist der Zugang zum Handel über uns daher ohne größeren Aufwand machbar. Das ist nicht viel komplizierter als Telefonbanking. Das Angebot reicht von der vollen Teilnahme am CO2-Spothandel über Geschäfte auf der Basis von Durchschnittspreisen bis zu reinen Beratungsleistungen. Alles ist kombinierbar und man kann die Risiken erheblich begrenzen.

Erschienen in Ausgabe: 05/2006