Contracting – Kein Produkt von der Stange

CONTRACTING Steigende Energiepreise sollten eigentlich das Contracting-Geschäft beleben. Dennoch werden die Potenziale noch nicht ausgeschöpft. Wir sprachen darüber mit dem Vorstand der Getec AG, Dr. Karl Gerhold.

24. Oktober 2005

es: Im Sommer wurde die Novelle des EnWG verabschiedet. Mit welchen Einflüssen auf das Contracting-Geschäft rechnen Sie?

Nicht alle unsere Erwartungen an das neue Energiewirtschaftsgesetz sind erfüllt worden. Gleichwohl überwiegen die Vorteile. Mit dieser Novelle ist ein weiterer Schritt in Richtung Liberalisierung der Energiemärkte unternommen worden. Ein nachhaltiger Einfluss auf das Contracting-Geschäft würde sich insbesondere ergeben, wenn die Liberalisierung der Gasmärkte vorankommt.

es: Die Industrie hat mit steigenden Energiepreisen zu kämpfen. Steigt damit auch das Interesse an Contracting?

Wenn man sich mit seinen Energiekosten befasst und überlegt, wie man diese senken kann, rückt automatisch das Thema Contracting in den Vordergrund. Die steigenden Energiepreise zwingen alle, sowohl die Industrie als auch Contractoren über Alternativen nachzudenken und diese umzusetzen. Wir schauen dabei zum einen weit in die Prozesse des Kunden hinein, zum anderen haben wir mit dem Einsatz regenerativer Energieträger, aber auch mit Braunkohlenstaub Alternativen zu Erdöl und Erdgas entwickelt.

es: Im Schnitt machen die Energiekosten nur etwa rund 2,5 % der gesamten Produktionskosten aus. Sind verstärkte Aktivitäten jetzt auch aufgrund der Energiepreise bei weniger energieintensiven Branchen zu erkennen?

Unser Eindruck ist schon, dass die größten Aktivitäten zur Energieeinsparung in den energieintensiven Branchen zu verzeichnen sind. Der dramatische Anstieg der Öl-und Gaspreise hat aber auch dazu geführt, dass das Thema Energiekosten auch bei Unternehmen, bei denen dieser Bereich bisher keine relevante Größe ist, ins Blickfeld gerückt ist.

es: Trotzdem hinkt der Einsatz von Contracting noch deutlich hinter dem Potenzial zurück. Woran liegt das?

Die Ursachen für die schleppende Erschließung der Contracting-Märkte sind vielschichtig. Zum einen ist Contracting kein Produkt von der Stange. Jedes Projekt muss entwickelt, sorgfältig geprüft und kann erst dann realisiert werden. Zum anderen begegnen wir auch immer wieder Kunden, denen Contracting nicht oder nur in geringem Maße bekannt ist. Nicht zu unterschätzen sind auch die Vorbehalte, die zwar geringer werden, aber vielfach immer noch vorhanden sind und im Wesentlichen damit zusammenhängen, dass man die Energieerzeugung als eine für die eigenen Prozesse wesentliche Kernkompetenz betrachtet.

es: Fehlt hier auch die Rückendeckung durch die Politik?

Im Zusammenhang mit dem Emissionshandel hat die Bundesregierung festgestellt, dass Contracting ein Instrument ist, mit dem die Energieerzeugung umweltfreundlicher gestaltet werden kann. Gleichwohl ist die Unterstützung des Contracting durch die Politik bisher noch gering. Das zeigte sich zuletzt bei der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes wie auch bei der von Ihnen angesprochenen KWK-Förderung.

es: Was vermissen Sie insbesondere?

Mir scheint dies weniger eine Frage fehlender Rückendeckung, sondern eher eine Frage unzureichender Informationen zu sein. Damit Contracting sich insgesamt durchsetzen kann, bedarf es weiterhin auch der Novellierung wichtiger Regelwerke wie beispielsweise der HOAI, des Baugesetzbuches, der VOL oder auch der VOB. Dies ist deshalb wichtig, dass an die Stelle der bisherigen partiellen Betrachtungsweise bei der Errichtung und beim Bau von Anlagen eine ganzheitliche Betrachtungsweise tritt, welche - wie es dem Contracting eigen ist - den gesamten Lebenszyklus betrachtet.

es: Wie sehen Sie hier die Zukunft von Leasing und Mietkauf-Modellen?

Contracting ist deutlich mehr als Leasing und Mietkauf. Insofern würde ich diese Finanzierungsinstrumente nicht in Konkurrenz zu Contracting-Modellen sehen.

es: Welche Rolle spielen heute Garantiepreise über einen festen Zeitraum?

Jeder Kunde wünscht sich eine sichere und wirtschaftliche Energieversorgung. Contracting steht und fällt insbesondere mit der Wirtschaftlichkeit eines Projekts. Gerade bei Kunden, bei denen die Energiekosten einen überdurchschnittlichen Anteil am Gesamtaufwand haben, stellen wir fest, dass garantierte Preise über einen gewissen Zeitraum von großer Bedeutung sind.

es: Ein Grund für die gestiegenen Strompreise liegt in den stark steigenden Rohstoffkosten. Welchen Einfluss hat dieser Aspekt auf die im Energiesektor eingesetzten Brennstoffe?

Mit unseren Braunkohlenstaub-Anlagen können wir wirtschaftlich sehr interessante Lösungen anbieten. Gleichwohl lohnt sich der Einsatz dieser Technologie nicht zwingend für jeden Kunden. Wir haben daher eine ganze Reihe weiterer Modelle entwickelt, um eine Antwort auf die gestiegenen Preise für Öl und Gas zu finden. Zum einen handelt es sich dabei um regenerative Energien, aber auch um die Entwicklung von Instrumenten wie Erdgasdurchleitungen oder feste Preisvereinbarungen über einen längeren Zeitraum für mit Erdgas und Heizöl betriebene Anlagen. Daneben setzen wir unverändert auf KWK und Anlagen zur Wärmerückgewinnung.

es: Wann und für welche Einsatzfälle empfiehlt sich der Einsatz von Braunkohlenstaub?

Braunkohlenstaub ist im Vergleich zu den herkömmlichen Energieträgern Erdöl und Erdgas ein recht preisgünstiger Brennstoff. Ferner ist die Entwicklung des Preises für Braunkohlenstaub längst nicht so volatil wie die des Erdgas oder Heizölpreises. Auf der anderen Seite muss aber auch gesehen werden, dass die Kessel- und Brennertechnik für Braunkohlenstaub sehr aufwändig ist und ein großes Know-how erfordert. Insoweit sind die Einsatzfälle auf industrielle Anlagen mit hohen Vollbenutzungsstunden begrenzt.

es: Welche Auswirkung hätte eine Änderung des EEG mit sinkenden Garantiebeträgen, wie bereits verschiedentlich angedacht?

Auch bisher haben wir bei den Vergütungssätzen für die Stromeinspeisung nach dem EEG eine Degression. Wird diese weiter verstärkt, so hätte dies natürlich Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit von EEG-Projekten mit dem Ergebnis, dass die Gesamtmenge potenzieller Projekte abnehmen würde.

es: Zum Jahresbeginn startete der Emissionshandel. Ein zusätzlicher Push für das Contracting-Geschäft?

Es ist schwierig festzustellen, ob uns die Kunden gezielt wegen des Emissionshandels ansprechen. Sollte die Anlage eines Kunden jedoch vom Emissionshandel betroffen sein, übernehmen wir für ihn selbstverständlich die Beantragung der notwendigen Zertifikate sowie sonstige gegebenenfalls notwendig werdende Dienstleistungen.

es: Getec hat sich in den letzten Jahren wirtschaftlich gut entwickelt. Wie wichtig ist es attraktive Nischen zu besetzen?

Die Ursache der guten Entwicklung ist weniger das Besetzen von Nischen. Wenn es ein Erfolgsgeheimnis gibt, dann ist es, dass wir den Kunden in den Mittelpunkt stellen und dass wir uns als Dienstleister verstehen und ein sehr umfassendes und tiefes technisches und wirtschaftliches Contracting-Know-how entwickelt haben.

es: Und wie fällt Ihr Blick in die Zukunft aus?

Angesichts steigender Energiepreise wird Contracting immer wichtiger. Zudem bietet sich die Möglichkeit zur Off-Balance-Finanzierung. Ein Punkt, der für viele Unternehmen angesichts verschärfter Eigenkapitalanforderungen von Bedeutung ist. Insofern blicken wir optimistisch in die Zukunft. (mn)

VitaDr. Karl Gerhold

• ist Vorstandsvorsitzender/Mehrheitsaktionär der Getec AG in Magdeburg.

• Daneben ist der promovierte Volkswirt Geschäftsführender Gesellschafter der Gesellschaft für Unternehmensberatung mbH (GUB) Hannover, Aufsichtsratsvorsitzender der Pumpen- und Motorenfabrik GmbH, Oschersleben, Aufsichtsratsvorsitzender Getec Energie AG, Hannover, Mitglied des Verwaltungsrates des Mitteldeutschen Rundfunks (mdr), Mitglied des Aufsichtsrates der Drefa Media Holding GmbH, Leipzig, Mitglied des Aufsichtsrates der Bavaria Film GmbH, München. Mitglied des Aufsichtsrates der ACM AG, Magdeburg.

• bis 1992 war Dr. Gerhold im öffentlichen Dienst tätig, u. a. als Staatssekretär (Chef der Staatskanzlei) in der Landesregierung Sachsen-Anhalt (1990/1991), als Landesbeauftragter der Niedersächsischen Landesregierung für Sachsen-Anhalt (1990) und als Leiter der Zentralabteilung Niedersächsisches Innenministerium (1988 - 1990).

• Dr. Gerhold ist verheiratet und hat 3 Töchter.

Erschienen in Ausgabe: 10/2005