Countdown zur Zündung der dritten Stufe

Markt

Börse - 2005 startete der europäische Handel mit Emissionszertifikaten und erlebte eine stete Weiter-Entwicklung, ab 2013 beginnt die dritte Stufe. Noch sind Phishing-Attacken ein Problem.

04. Mai 2011

2013 wird im Zeichen eines Paradigmenwechsels stehen: Im EU-Emissionshandelssystem werden nationale Allokationspläne abgeschafft und die Zuteilung per Versteigerung wird zur Regel. »2013 sollten tatsächlich bereits 60 Prozent aller Zertifikate über Auktionen und nicht mehr umsonst vergeben werden. Das heißt, die Preise für Zertifikate werden aufgrund des sinkenden Caps deutlich steigen und die Unternehmen müssen mehr dafür bezahlen«, sagt Robert Ertl, Chef der bayerischen Emissionshandelsbörse Greenmarket.

»Das bestätigen auch alle Untersuchungen«, so Ertl weiter. »Ich denke, dass die großen Emittenten diese Entwicklungen aber bereits vorher gesehen haben.«

Die Emissionsrechte oder -zertifikate des European Union Emission Trading Systems (EU ETS) heißen European Allowance Unit (EUA) und sind weitgehend kompatibel zu den Zertifikaten des Kyoto-Protokolls, den sogenannten CER – Certified Emission Reductions. Diese werden im Rahmen des Kyoto-Protokolls für Klimaschutzprojekte von Industrieländern in Entwicklungsländern vergeben.

Marktteilnehmer müssen für den Kauf oder Verkauf von Zertifikaten ein elektronisches Konto bei einem nationalen Register einrichten, über das die Transaktionen abgewickelt werden. Die EUA können sowohl an Börsen als auch außerbörslich durch OTC-Geschäfte (Over The Counter) gehandelt werden. Während im Börsengeschäft die Börse als Mittler auftritt, werden die OTC-Geschäfte – gegebenenfalls über einen Broker – direkt durch die jeweiligen Handelspartner geschlossen.

»Ob die Zertifikate nun per Auktion oder auf dem Sekundärmarkt erworben werden, spielt meines Erachtens nur eine marginale Rolle«, führt Ertl zum Thema 2013 aus. Wichtig sei aber, dass sich nun viel mehr Unternehmen auf das Thema Emissionshandel vorbereiten müssen.

Geld darf verdient werden

»Dazu gehört auch, sich über Börsenzugänge und dem Aufbau von Handels-Know how Gedanken zu machen. Schließlich ist der Emissionshandel auch dazu da, dass Unternehmen damit Geld verdienen dürfen, um die Gewinne in Emissionsminderungsmaßnahmen zu investieren.«

Für den Stromsektor ist ab 2013 die Versteigerung von 100% der Zertifikate vorgesehen, während für alle anderen Sektoren eine lineare Erhöhung des anfänglichen Auktionsanteils von 20% im Jahr 2013 auf 70% 2020 geplant ist (Richtlinie 2009/29/EG).

100%-Versteigerung ab 2027

Entsprechend werden 80% der im Rahmen der Höchstmenge vorgesehenen Zertifikate kostenlos an die Industriesektoren verteilt, wobei dieser Prozentsatz bis 2020 kontinuierlich auf 30% reduziert werden wird. 2027 werden voraussichtlich dann 100% der Zertifikate für alle Anlagenbetreiber in den erfassten Branchen versteigert werden.

Speziell im Börsenhandel ist der europäische CO2-Markt ein Wachstumsmarkt. 2005 wurde ein Handelsvolumen von etwa 130 Millionen EUA über die europäischen Börsen gehandelt. 2006 waren es 560 Millionen und 2008 bereits 2.700 Millionen EUA. 2009 lag das börsliche Handelsvolumen bereits weit über 5.000 Millionen EUA. Die Zahlen für 2010 werden erst im Mai 2011 erhoben.

Betrachtet man die Entwicklung auf Dollarbasis, so wurden nach Berechnungen der Weltbank im EU-Emissionshandelssystem (EU ETS) im Jahr 2009 rund 6,3333 Milliarden EUA im Wert von knapp 118,5Mrd.US-$ gehandelt. Im Vorjahr waren es noch 3,09 Milliarden EUA mit einem Wert von 100,5Mrd.US-$.

Probleme bereiten allerdings immer wieder einmal Phishing Attacken. Die Europäische Kommission hatte etwa wegen mehrerer IT-Sicherheitsvorfälle in anderen Mitgliedstaaten nationale und internationale Transaktionen für alle europäischen Register seit dem 19.01.2011 ausgesetzt. Das deutsche Register war von den aktuellen Sicherheitsvorfällen nicht betroffen und die Deutsche ) konnte den Handel Anfang Februar wieder freigeben.

Typische Kinderkrankheiten

»Der Emissionshandel ist ein sehr junges Segment und ich sehe das als fast typische Kinderkrankheiten an. Beispielsweise gab es ja auch beim Online-Banking anfänglich eine Reihe von Sicherheitsproblemen«, stellt Ertl fest »Trotzdem hat es sich inzwischen längst durchgesetzt.« Die DEHSt sei ja eher ein Vorreiter bei den Registern. »Von manchen Stellen – auch manch anderen Registerstellen – wird vielleicht noch zu wenig realisiert, dass es sich bei den Emissionszertifikaten um Werte handelt und ein entsprechender Umgang erforderlich ist. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass die Beteiligten diese Probleme mehr und mehr in den Griff bekommen.«

Ertl glaubt, dass man diese Probleme vor allem auch dadurch beheben kann, wenn derHandel ausschließlich über Börsen abgewickelt werde. »Wir glauben, dass ein börslicher Handel in Verbindung mit wirklich EU-tauglichen Registern und einem verantwortungsvollen Umgang mit den Registerzugangsdaten das derzeit sicherste Modell darstellt. Zudem wäre es, wünschenswert, dass eine zentrale Stelle in der Lage ist, im Ernstfall Entscheidungen zu treffen. Dann hätte eine Hängepartie wie wir sie aktuell im Spothandel aufgrund der gestohlenen Zertifikate sehen, ein Ende.«

Nur über eine Börse sei Transparenz, Verlässlichkeit und Sicherheit und auch ein Schutz der Anleger sichergestellt. So bestünden etwa durch ein Setup mit einem zentralen Kontrahenten und zwischengeschalteten Banken Mechanismen, die Steuerbetrug, Geldwäsche und Handel mit gestohlenen Zertifikaten vermeiden.

Ein zentraler Kontrahent, auch CCP genannt, springt dann ein, wenn der Käufer oder der Verkäufer als eine Partei eines abgeschlossenen Handels ausfällt. Dafür erhält der CCP von den beiden Parteien nach dem Abschluss aber vor Geschäftsabwicklung eine Risikogebühr.

Die ursprüngliche Handelsplattform greenmarket hatte sich nun zum Jahreswechsel als Warenbörse neu aufgestellt und dabei auch Sicherheitsaspekte noch mehr berücksichtigt. In das Handelsjahr 2011 startete das Unternehmen mit einer Zentralen Gegenpartei (CCP), die einen transparenten und sicheren Handel mit Emissionszertifikaten ermöglicht. Die Position des CCP hat die Schweizer SIX X-clear übernommen.

Zentraler Kontrahent Sinnvoll

»Unsere Marktteilnehmer fordern bereits seit längerer Zeit ein System mit CCP. Da wir zudem den Handel mit Terminkontrakten starten wollen, war dies ohnehin notwendig«, sagt Ertl. Als Warenbörse bietet greenmarket somit künftig auch den Handel mit Terminkontrakten an. Gehandelt werden sollen Futures auf EUA mit Laufzeiten zwischen Dezember 2011 und 2014.

Spätestens Anfang Mai plant das Unternehmen, dann wieder in den Handel zu starten. »Das Setup mit einem CCP – einem Zentralen Kontrahenten – ist zum einen sehr komplex. Der Zentrale Kontrahent fungiert zwischen uns und den Marktteilnehmern als Sicherheit.« Dafür verlange er eine Sicherheitsleistung und er verhandele nur mit Finanzinstituten, die als sogenannte General Clearing Members (GCM) noch zwischen ihm und die Marktteilnehmer geschaltet werden. »Das erhöht die Sicherheit, ist aber nicht so schnell umzusetzen. Ein zweiter wichtiger Grund ist, dass aufgrund der Vorfälle ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis besteht und sowohl wir als auch unsere Systempartner ihre Prozesse und Kunden genauestens überprüfen.«

Zur Zielgruppe des neu aufgestellten Unternehmens zählen neben den Energieversorgern auch Finanzinstitute und meldepflichtige Industrieunternehmen. Von den 823 in Deutschland vom Handelssystem registrierten Unternehmen haben 347 einen Ausstoß unter 1Mio.t/a.

Erschienen in Ausgabe: 04/2011