Damit kommen wir nicht mehr durch die Türe.

Interview

Stromtransport - Der VDE empfiehlt einen zügigen Ausbau des Übertragungsnetzes. energiespektrum sprach mit Dr. Joachim Schneider, VDE-Präsident und Vorstandsmitglied von ABB Deutschland.

04. Oktober 2010

es: Derzeit kommt der Netzausbau kaum voran. Gerade in Bezug auf erneuerbare Energien und weiträumige Stromtransite wird er aber immer wichtiger. Wie dramatisch ist die Lage?

Dramatisch ist die Lage insofern, als wir mehr und mehr erkennen, dass der Fortschritt des Ausbaus der erneuerbaren Energien und insbesondere deren Integration in die Netze durch den Netzausbau limitiert wird. Der Ausbau der Übertragungsnetze hinkt dramatisch hinterher, und ein Netzumbau hat eigentlich noch gar nicht stattgefunden. Können wir diese Limitierung nicht aufheben, werden wir riskieren, die klimapolitische Zielsetzung der Bundesregierung, was den Ausbau der erneuerbaren Energien angeht, nicht zu erreichen.

es: Wo sehen Sie Lösungsansätze?

Mögliche Lösungsansätze werden im VDE-Positionspapier ›Übertragung elektrischer Energie‹ genannt. Hier ist in sehr strukturierter und übersichtlicher Form aufgeführt, welche technologischen Optionen wir haben, um das Netz für die Zukunftsaufgaben, insbesondere die Integration der erneuerbaren Energien, vorzubereiten und umzubauen. Viele dieser Technologien sind bereits in anderen Ländern erprobt, andere benötigen allerdings noch den Praxistest, um als Standardtechnologien eingesetzt werden zu können. Es ist hohe Zeit, dass dies nun auch in Deutschland geschieht. Und dafür müssen wir Anreize setzen und Motivation bei den Netzbetreibern schaffen.

es: Wie kann man solche Anreize setzen?

Indem man den Einsatz innovativer Technologien belohnt und zum Beispiel jenen Unternehmen, die solche einsetzen, einen Bonus gibt. Das wäre das eine. Zum anderen könnte man so etwas auch über gesetzliche Vorgaben regeln. Das ist allerdings nur dann eine gute Lösung, wenn der gesetzliche Rahmen motivationsfördernd wirkt, die Unternehmen also dazu anhält, neue Technologien zu nutzen.

es: An welche Gesetze denken Sie dabei?

Nehmen wir zum Beispiel das Energieleitungsausbaugesetz, abgekürzt Enlag. Vor dem Hintergrund, dass der Netzausbau nicht im gewünschten Maße stattfindet, hat man im Rahmen des Enlag dort Projekt für Projekt namentlich genannt und festgelegt, was per Gesetz umgesetzt werden muss. Bei Standardtechnologie ist dies dabei durchaus ein möglicher Weg, bei innovativer Technologie ist so etwas allerdings schwieriger umzusetzen. Dennoch könnte man beispielsweise im Rahmen einer gesetzgeberischen Vorgabe auch bestimmte Pilotprojekte identifizieren und damit sicherstellen, dass die Kosten für deren Realisierung beim Netzbetreiber kompensiert werden.

es: Das Akzeptanzproblem wäre damit jedoch nicht gelöst.

Nein, dies ist ein generelles Problem. Es gibt bestimmte Technologien, die immer wieder auf Akzeptanzprobleme stoßen werden. Hier ist es notwendig, der Gesellschaft klar zu machen, dass wir die erneuerbaren Energien nur dann wirklich voll nutzen können, wenn wir auch bereit sind, die dafür notwendigen Übertragungstechnologien zu akzeptieren. Freileitungen gehören nach wie vor zu den wesentlichen Elementen des zukünftigen Netzausbaus. Sie werden nicht so ohne weiteres zu ersetzen sein – selbst dann, wenn wir neue Technologien einsetzen, wie zum Beispiel die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, also HGÜ. Soll große Leistung über große Entfernungen transportiert werden, so ist das auch heute nur mit der HGÜ-Freileitungstechnik möglich. Auch hier müsste die entsprechende Akzeptanz geschaffen werden.

es: Und was ist mit Erdkabeln?

Immer da, wo Technologien in großem Stil angewandt werden, wird man sich Akzeptanzproblemen gegenüber sehen – bei Erdkabeln wird das nicht anders sein. Die Förderung von Pilotprojekten zu den auch in unserem Positionspapier vorgestellten Technologien kann zwar die Akzeptanzproblematik nicht aus der Welt schaffen. Sie kann aber zur Versachlichung der Diskussion beitragen, denn wir haben oft die Erfahrung gemacht, dass es allen Beteiligten hilft, neue oder zumindest hier unbekannte Technologien einmal angewandt zu haben. Man kann dann sehr viel überzeugender darlegen, was geht und wo Grenzen sind.

es: Sollte die von der Bundesnetzagentur zugesprochene Rendite nicht ausreichen, um Netzinvestitionen anzuschieben?

Man kann sich darüber streiten, ob die Rendite richtig berechnet worden ist oder nicht. Ich kann das im einzelnen nicht genau beurteilen, das wissen die Netzbetreiber besser als ich. Im Ergebnis jedenfalls werden die Investitionen nur dann fließen, wenn die Rendite ausreicht. Schließlich kann man einen Investor nicht dazu zwingen, sein Geld für bestimmte Investitionen herzugeben. Bei innovativen Technologien müssen besondere finanzielle Anreize geschaffen werden, um die Einstiegsrisiken zu überwinden. Solche sind bis heute nicht zu erkennen. Die Haltung der Bundesnetzagentur ist hier sehr restriktiv. Klar ist, dass die Übertragungsnetzbetreiber in Zukunft wesentlich stärker von Fremdfinanzierung abhängig sein werden als bisher. Man wird sehen, ob die Bankfinanzierung für die erforderlichen Projekte zustande kommt oder nicht. Die Frage theoretisch zu diskutieren, ist deshalb ziemlich nutzlos. Wir werden es am Ergebnis sehen.

es: Welches sind die wichtigen Innovationen im Bereich des Transportnetzes?

Wie in unserem Positionspapier beschrieben, gibt es einige Innovationen, die im Wesentlichen darauf abzielen, das bestehende Netz besser auszunutzen. Hier wäre etwa das Leiterseil-Monitoring zu nennen. Schlussendlich wird man nicht umhinkommen, die Übertragungsleistung zu erhöhen. Dafür gibt es derzeit zwei geeignete Technologien: Entweder man erhöht die Übertragungsspannung auf mehr als 380kV etwa auf 500 oder 750kV und beziehungsweise oder man setzt HGÜ-Systeme ein. Beides sind die im Augenblick auch im Ausland bereits erprobten Technologien, weil die Problematik des Transports großer Energien aus verbrauchsfernen Erzeugungszentren dort schon früher entstanden ist, beispielsweise bei der Wasserkraftnutzung in Südamerika oder China. Die Probleme, die wir jetzt in Europa durch den Aufbau der erneuerbaren Energien bekommen werden, haben diese Länder schon seit mehreren Jahren gelöst.

es: Ein Vorsprung an Erfahrung im Ausland Wie stehen die deutschen Hersteller im Weltmarkt?

Tatsächlich erleben wir gerade eine Abwanderung von Technologien. Speziell in China wird der Ausbau der Netzinfrastruktur sehr zielstrebig und auch mit neuen Technologien forciert. Zwar sind viele dieser Technologien in Deutschland maßgeblich mitentwickelt worden, wie auch das Positionspapier zeigt. Nur laufen wir Gefahr, dass wir künftig Technologie reimportieren müssen, wenn wir sie nicht auch im eigenen Land in Pilotprojekten praktisch einsetzen können, um sie dann auf Basis der gewonnenen Erfahrungen als Standardtechnologie zu verwenden.

es: Wo sind denn deutsche Anbieter bereits im Hintertreffen?

Zum Beispiel ist die 1.100-kV-Technik in China kein Forschungsprojekt mehr, sondern bereits installierte Technik. Das gleiche gilt für die 800-kV-Gleichstrom-Technik. Fairerweise muss man aber sagen, dass die Notwendigkeit, das Netz auf diese Weise umzubauen, in jenen Ländern früher zum Tragen kam als hierzulande. Doch inzwischen reichen auch in Europa die bestehenden Lösungen nicht mehr aus: Mit 380kV kommen wir nicht mehr durch die Tür.

Sicher wird die HGÜ-Technologie zum vermehrten Einsatz kommen, wir werden meiner Ansicht nach langfristig auch eine Spannungserhöhung diskutieren. Zum Beispiel werden für Projekte wie Desertec gewaltige Übertragungsleistungen zu bewältigen sein. Die Technik ist da, Akzeptanz und Finanzierung dürften uns vor größere Probleme stellen.

es: Nach den Zielen der Bundesregierung ist die Offshore-Windkraft 2020 ein gewichtiger Faktor im Strommix. Ist das realistisch?

Angesichts des stockenden Netzausbaus halte ich es für außerordentlich ambitioniert, bis 2020 Offshore-Windkraftwerke mit einer Leistung von mehr als 10.000 Megawatt installieren zu wollen. Dazu müssten jedes Jahr für 1.000MW Offshoreanschlüsse gebaut werden, das erfordert Investitionen von rund einer Milliarde Euro pro Jahr. Ein Netzausbau dieser Größenordnung in dieser kurzen Zeit ist ohne einen Ausbauplan den es bisher noch nicht gibt nur schwer vorstellbar. Viele Engpässe, in der Produktion, in der Logistik, wie zum Beispiel Verlegeschiffe, würde ein Ausbauplan sichtbar machen und den Lieferanten die notwendige Zeit geben, um diese Engpässe zu beseitigen. Die Bedeutung des Netzausbaus für die Integration der Windkraft ist nun hinlänglich bekannt, wir müssen jetzt endlich tun, was wir immer sagen.

Hans Forster

Vita

Dr. Joachim Schneider

Nach Elektrotechnikstudium und Promotion an der RWTH Aachen trat er 1983 in die Brown, Boveri & Cie. ein, heute ABB. Von 1990 an bekleidete er Geschäftsführer- und Vorstandspositionen in Tochterunternehmen.

1997 wurde Schneider in den Vorstand der deutschen ABB berufen, seit 2003 verantwortlich für die Energietechnik, seit 2006 auch Regional Division Manager Zentraleuropa der Division Energietechnik-Produkte.

Erschienen in Ausgabe: 08/2010