»Das EVU der Zukunft würden wir nicht mehr wiedererkennen«

Menschen

Die Erzeugung befindet sich durch die Energiewende in einem fundamentalen Wandel, sagt Nigel Blackaby, Konferenzdirektor der Power Gen Europe. Der Klimaschutz sei durch die Rezession der letzten Jahre ins Hintertreffen geraten.

05. Mai 2014

Es ist noch vollkommen unklar, wie sich Europas Energieerzeugungssektor in der Zukunft entwickeln wird. Wir können damit rechnen, dass die erneuerbaren Energien weiter zunehmen, da die Kosten sinken. Aber zur gleichen Zeit besteht ein dringender Bedarf für schnell reagierende, flexible Kraftwerke, die die Lücken füllen, wenn volatile Formen der Erzeugung nicht verfügbar sind. Wenn Europa den gemeinsamen Energiebinnenmarkt, nach dem es strebt, nicht implementieren kann, dann werden wir noch wesentlich mehr regionale Unterschiede in der energiepolitischen Landschaft sehen, da die Gegebenheiten in Europa sich von Ost nach West und von Nord nach Süd stark unterscheiden. Ich persönlich bin nicht davon überzeugt, dass Energiespeicher kurz bis mittelfristig ihre Wirtschaftlichkeit beweisen können. Daher ist eine Zunahme der dezentralen Energie mit einer engeren Beziehung zwischen Wärme- und Stromentwicklung wahrscheinlich.

Was für Lösungen können und sollten greifen, damit die Erzeugung CO2-ärmer wird?

Um die richtigen Signale für eine Dekarbonisierung des Energiesektors an den Markt zu senden, braucht Europa dringend ein funktionierendes Emissionshandelsystem. Die Erzeugung aus Braunkohle verdrängt derzeit die Erzeugung aus Gas. Eine aktuelle Studie des Oxford Institute for Energy Studies schätzt, dass der CO2-Preis von derzeit rund zehn Euro pro Tonne auf 50 Euro pro Tonne steigen müsste, damit sich dieser Trend wieder dreht. Das bedeutet wahrscheinlich, dass wir einen Mindestpreis benötigen, um das Vertrauen in das europäische Handelssystem wiederherzustellen. Die europäisch uneinheitlichen nationalen Fördersysteme für Wind- und Solarenergie verzerren währendessen den Markt, bürden den Verbrauchern hohe Kosten auf und untergraben die Stabilität des Energiesystems.

Bei der Kohlendioxidabscheidung und Speicherung der CCS geht es nicht wirklich voran ...

Der CCS stehen zwei Hürden entgegen: Die relativ hohen Kosten der Technologie und der geringe Wert, den der Markt derzeit CO2-Emissionen beimisst. Die wirtschaftliche Rezession der letzten Jahre hat das Thema Klimaschutz auf der globalen Agenda nach unten sinken lassen. Das bedeutet, dass der Druck, gangbare CCS-Lösungen zu entwickeln, abgenommen hat. Während ein Großteil der CCS-Technologie praxiserprobt und bewährt ist, liegt die Herausforderung darin, den gesamten Prozess auch im großtechnischen Maßstab zu demonstrieren.

Was sind die wichtigsten Themen der diesjährigen Power Gen?

Das Motto der diesjährigen Power Gen ist ›die Energiewende steuern‹. Es trägt dem fundamentalen Wandel Rechnung sowie der wichtigen Rolle der Industrie bei dieser radikalen Evolution. Neben anderen Themen wird die Konferenz die strategischen Herausforderungen der Kraftwerksbetreiber beleuchten sowie die Notwendigkeit, erneuerbare Energien in die existierenden Kapazitäten einzubinden. Mehrere europäische Minister aus den Bereichen Energie, Wirtschaft und Umwelt werden die Power Gen Europe in Köln besuchen. Ihnen bietet sich die Chance, Spitzentechnologien zu sehen und mit der Industrie über die Herausforderungen zu sprechen, die die Branche zu meistern hat.

Mit welchen Strategien steuern Energieversorgungsunternehmen dem tiefgreifendem Strukturwandel entgegen?

Energieversorgungsunternehmen müssen sich schnell an den Wandel anpassen, um weiter am Markt bestehen zu können. Viele von ihnen konzentrieren sich darauf, in neue Märkte außerhalb Europas zu expandieren, in denen sie eher eine Perspektive auf Rendite sehen. Andere wiederum investieren stark in die erneuerbaren Energien. Zur gleichen Zeit müssen sie fossile Kraftwerke stillegen, um Verluste zu reduzieren. Und sie müssen herausfinden, wie sie ihre Fähigkeiten und Beziehungen zu Kunden einsetzen können, um einen Markt zu unterstützen, der sich hin zu mehr dezentraler Erzeugung und sogenannten Prosumern entwickelt. Dies erfordert einen radikalen Wandel. Es ist wahrscheinlich, dass das EVU der Zukunft nicht mehr vergleichbar sein wird mit dem Typ Energieversorger, der die letzten zehn bis 20 Jahre den Markt dominiert hat. Wir würden es nicht mehr wiedererkennen.

Vita

Nigel Blackaby

Er ist Konferenzdirektor der Power Gen Europe und seit zehn Jahren bei Penn Well. Die Power Gen, Renewable Energy World und Nuclear Power sind Veranstaltungen der Penn Well Corporation und werden von ihr organisiert und ausgerichtet. Blackaby ist Mitherausgeber von Power Engineering International und Middle East Energy.

Erschienen in Ausgabe: 04/2014