Daten schaffen Werte

Landis+Gyr betreut zig Millionen Zählpunkte weltweit. Basierend auf dieser breiten Erfahrung werden die aktuellen Anlaufschwierigkeiten in Deutschland nur eine Momentaufnahme sein, so Thorsten Klöpper.

01. Februar 2019
Thorsten Klöpper (Bild: Landis+Gyr)

Herr Klöpper, digitale Geschäftsmodelle für Messstellenbetreiber gelten als die Kür des Rollouts. Was ist damit gemeint?

VITA

Thorsten Klöpper

Klöpper leitet neben seiner EMEA-Verantwortung als Leiter des Vertriebs für den Geschäftsbereich Energy Solutions auch das Deutschland- und Österreich-Geschäft von Landis+Gyr als Geschäftsführer.

Vor seiner Tätigkeit bei Landis+Gyr war der Betriebswirt bei der Siemens AG tätig.

Aus Daten aus der Industrie und der Privathaushalte gilt es diejenigen Informationen herauszulesen, die für die Energieversorger Werte schaffen, sprich Mehrwertlösungen. Dadurch erkennen die Unternehmen die spezifischen Bedürfnisse ihrer Kunden und erlangen ein besseres Kundenverständnis. Die höhere Datenverfügbarkeit erlaubt eine bessere Sichtbarkeit und Verwertung von Informationen als bisher. In Skandinavien beispielsweise betreuen wir rund 1,5 Millionen Zählpunkte. Basierend auf unserer breiten Erfahrung entwickeln wir auch für den deutschen Markt verschiedene Serviceangebote. Dazu gehören Managed Services, Grid Operation sowie Work-Order-Management. Denn der Rollout in Deutschland führt bei den Energieversorgern und Stadtwerken zu einer Refokussierung ihrer Ressourcen auf ihre Kernkompetenzen. Unsere Lösungen ergänzen diese Kompetenzen im jeweils gewünschten Maß – sei es bei einem kleinen Stadtwerk oder bei einem Großversorger.

Landis & Gyr ist weltweit aktiv, wo und wie hilft Ihnen das in Deutschland?

Künftig sind besonders Multienergielösungen interessant, sprich die zentrale Datenerfassung und -aufbereitung für Strom, Wasser, Wärme und Gas. Daran arbeiten wir zurzeit, zum Beispiel in der Schweiz. In Japan zum Beispiel dienen diese Informationen dazu, für einen Kunden Verbrauchsspitzen zu glätten. Grundsätzlich sehen wir uns nicht als Wettbewerber der Energieversorger, sondern als Partner in der Energiewende. Das kann auch in Form von Whitelabel-Lösungen im Hintergrund sein. Der deutsche Rollout im Strombereich zeigt zugleich Chancen und Grenzen der Entwicklung. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit unseren Kunden die Potenziale von Smart Metering bestmöglich zu nutzen – und das nicht erst, wenn der Rollout einmal beendet ist.

Wie bewerten Sie die Verzögerungen in Deutschland im Vergleich zu den Erfahrungen in anderen Ländern?

Keine Umstellung dieser Größenordnung geht problemlos vonstatten. Auch in anderen Ländern gab es Schwierigkeiten und Verzögerungen. Dabei muss es aber nicht bleiben. Im Burgenland in Österreich wurden 100.000 Digitalzähler ausgerollt und die Erfahrungen sind positiv. Speziell für Deutschland ist es so, dass die Erfahrungen mit der TR 1.0 auch für die TR 1.1. nützlich sein werden. Gleichwohl wäre es wünschenswert gewesen, wenn die zweite Phase schneller erfolgt wäre. In Italien und Skandinavien gibt es jetzt rund 15 Jahre Wissensvorsprung rund um den Rollout. Auch dort gab es anfangs Herausforderungen bei Kommunikation und Protokollen. So gesehen sind die aktuellen Anlaufschwierigkeiten in Deutschland nur eine Momentaufnahme.

Die flächendeckende Installation von kommunikationsgebundenen Messeinrichtungen erfordert einen Paradigmenwechsel in der Finanzierung der EVU und Messstellenbetreiber. Hier können Infrastructure-as-a-Service-Modelle einen wirtschaftlichen Einbau ermöglichen, heißt es in einer Mitteilung von Landis & Gyr. Gilt das für Unternehmen jeglicher Größe?

Das muss man immer fallweise betrachten. Wir haben uns die Infrastructure-as-a-Service-Modelle gut überlegt. Das Angebot besteht aus Modulen. Das heißt, Unternehmen können sukzessive hineinwachsen und den Grad der Auslagerung von Prozessen bis zur Abrechnung mit ihren Stromkunden selbst bestimmen – je nach Unternehmensgröße und eigenen Ressourcen. Das Spektrum von »X-as-a-Service« ist denkbar groß. In den USA sind es für über 20 Kunden rund 14 Millionen Messpunkte. In Finnland betreuen wir zum Beispiel 660.000 Messpunkte des landesweit größten Netzbetreibers. Caruna Oy hatte beschlossen, sich nicht mehr selbst um die Messpunkte zu kümmern. Jetzt machen wir das.

Was heißt das konkret?

Die Übernahme der Infrastruktur von Caruna in das Managed-Services-Angebot von Landis+Gyr umfasst den vollständigen Betrieb aller Messpunkte für die Dauer von mindestens sechs Jahren. Wir sammeln und verwalten jetzt die stündliche Ablesung von Verbrauchsdaten von rund 660.000 Haushaltszählern und speisen diese in das Abrechnungssystem von Caruna ein. Über unsere Serviceplattform werden täglich mehr als 17 Millionen bestätigte Messwerte für Caruna und dessen Kunden verarbeitet und bereitgestellt. Im Rahmen dieses Auftrags werden zudem die Infrastruktur der Geräte und die Datenkommunikation abgewickelt sowie Feldarbeiten eingeleitet. Die integrierte Plattform bietet eine Reihe von Funktionen, darunter Fernablesungen, Anschlüsse und Unterbrechungen sowie Statusabfragen an die Zähler.

In meiner Mietwohnung hat der Messstellenbetreiber den analogen Stromzähler im Sommer durch eine moderne Messeinrichtung (MME) ersetzt. Mengenmäßig überwiegen MME die intelligenten Messsysteme (I-Msys) bei Weitem. Ist es letztlich eine nachrangige Frage, ob und wann der Einbau der I-Msys beginnt?

In der Regel handhaben die Messstellenbetreiber es wie folgt: Bei Erreichen der Eichfrist werden Geräte getauscht, egal ob es sich um intelligente Messsysteme oder moderne Messsysteme handelt. Fraglich ist, was mit diesen Geräten passiert, wenn die TR 1.1. in Kraft tritt. Im Markt wird dieser Punkt unterschiedlich bewertet. Einige Messstellenbetreiber gehen den Hardwaretausch progressiv an. Andere machen nur das absolut Notwendige.

Sie bieten ein Zählerportfolio sowie den Gateway S560 an. Was zeichnet die Produkte aus?

Speziell für den deutschen Markt hat Landis+Gyr eine integrierte Komplettlösung aus Basiszähler und moderner Messeinrichtung entwickelt, das standardmäßig über integrierte Grid-Funktionalitäten verfügt. Beim Gateway haben wir auf geringes Einbaumaß und einen niedrigen Stromverbrauch geachtet. Die große Nachfrage spiegelt die positiven Erfahrungen unserer Kunden mit den Produkten wider.

Welchen Zeitrahmen erwarten Sie bei den Kosten-Nutzen-Effekten für Messstellenbetreiber im Rahmen des Rollouts?

Voraussichtlich in zehn bis 15 Jahren werden sich die Anlaufkosten ins Positive wenden. Vor allem die Messstellen von Privathaushalten sorgen in den ersten Jahren nach dem Rollout für einen negativen Cashflow bei den Messstellenbetreibern. Das ist für alle Unternehmen eine große Herausforderung. Unser Ziel ist, den Rollout vom ersten Tag an profitabel zu machen. Die Kostenseite des Rollouts beschäftigt viele Messstellenbetreiber, das wissen wir aus Kundengesprächen. Diskutiert wird unter anderem der Wandel von Capex- und Opex-Kosten. Bei Landis+Gyr möchten wir diese Herausforderungen gemeinsam mit unseren Kunden einfacher gestalten. hd

Erschienen in Ausgabe: Nr. 01/2019