Der Fund des Lebens

Methanhydrate - potenzielle Energiequelle oder Umweltrisiko?

Am 20. Juni werden unter anderem Prof. Dr. Erwin Suess und sein Team in München den Philip Morris Forschungspreis 2001 in Empfang nehmen. Das Geomar-Team konnte größere Proben Methanhydrats bergen, also den Stoff, der aufgrund seiner großen Vorkommen unsere Energieprobleme lösen würde - oder möglicherweise Auslöser einer globalen Klimakatastrophe werden könnte.

10. Juli 2001

Eigentlich war es Glück im Unglück, das dem Kieler Geochemiker Prof. Erwin Suess (61) zum größten Fund seines Lebens verhalf. Eigentlich wollten er und sein Team mit dem knallroten Forschungsschiff „Sonne“ nach Alaska, doch ein fehlendes Ersatzteil zwang sie zur Pause in Victoria, südlich von Vancouver.

Die ungeplante Liegezeit mit dem teuren Schiff nutzte Prof. Suess zu einem „Tagesausflug“ 100 km vor die Küste zu einem Unterwassergebirge, wo sie den Kameraschlitten über den Meeresboden zogen. Und eigentlich war es ein bisschen Sturheit, die den in Wetzlar geborenen Forscher nicht auf den Kapitän hören ließ, der zur Rückkehr in den Hafen drängte: Noch am späten Abend ließ Prof. Suess den videogeführten Greifer zum Meeresboden. Kurz vor Mitternacht lagen 40 kg Methanhydrat vor ihnen auf dem Oberdeck.

„Das war ein Glücksfall“, freut sich Professor Suess über den Abend vor fünf Jahren. Niemals vorher wurde so viel Methanhydrat aus mehreren hundert Metern Wassertiefe vom Meeresgrund geborgen. Der eisartige Stoff - weiß und schnell verdampfend - wurde schleunigst in flüssigem Stickstoff konserviert, um Zeit zu finden, seine Eigenschaften später sorgfältig zu untersuchen.

Inzwischen ist die Bergung von Methanhydrat für die Kieler Forscher Routine. Mehr als zehn Mal haben sie vergleichbare Mengen geborgen und ins Labor geschafft. Die Ergebnisse enthüllen eines der großen Geheimnisse der Tiefsee, das für die Menschheit sehr wichtig werden kann: Die weiße Substanz, die sich am Kontinentalrand in den obersten Schichten des Meeresbodens bildet, könnte eines Tages eine schier unerschöpfliche Energiequelle sein, aber auch ein Auslöser globaler Katastrophen.

Für ihre weltweit beachteten Pionierarbeiten zur Entdeckung und Erforschung der Methanhydrate werden Prof. Dr. Erwin Suess und seine Mitarbeiter Dr. Gerhard Bohrmann (45), Dr. Peter Linke (42), Dr. Jens Greinert (32) und Dr. Dirk Rickert (32) vom Geomar-Forschungszentrum an der Universität Kiel mit dem Philip Morris Forschungspreis 2001 ausgezeichnet. Sie zeigten mit ihren Forschungsarbeiten die widersprüchliche Bedeutung des Stoffes, der an der Meeresoberfläche schnell schmilzt und lediglich einen Tropfen Wasser zurücklässt.

Nur der hohe Druck und die niedrigen Temperaturen in großen Meerestiefen halten Methanhydrate stabil. Einerseits stecken in den weißen Brocken große Mengen des Brennstoffs Methan - insgesamt wahrscheinlich ebenso viel Energie wie in allen Kohle-, Gas- und Ölvorkommen der Erde zusammen -, andererseits könnte eine unkontrollierte Freisetzung dieses am Meeresboden eingeschlossenen Methans, etwa durch eine leichte Erwärmung der Ozeane, zu einem totalen Kollaps des Klimas führen.

In jedem Stück Methanhydrat ist das 164-fache Volumen an Methan gespeichert. Einerseits wäre es ungeheuer reizvoll, diese Energie zu nutzen, ist doch Methan auch der Hauptbrennstoff von Erdgas. Die verfügbaren fossilen Energieträger würden um Jahrhunderte länger halten als heute angenommen. Andererseits existiert das Methanhydrat am Meeresgrund als Feststoff nur in einem äußerst labilen Gleichgewicht aus dem hohem Druck des Wassers und den tiefen Temperaturen. Jede kleine Störung - selbst eine Erhöhung der Wassertemperaturen um wenige Grad - könnte zu gewaltigen Freisetzungen von Methan führen. Und Methan wirkt als Treibhausgas 30-fach stärker als Kohlendioxid.

„Ich habe noch nie ein so faszinierendes Forschungsthema bearbeitet“, schwärmt der Geologe Dr. Bohrmann aus dem Team um Professor Suess. Denn das Methanhydrat am Meeresgrund liefert Nahrung und Energie für ganze Kolonien von Lebenwesen in absoluter Finsternis. „Viele dieser Tiefsee-Lebewesen sind noch gar nicht identifiziert“, berichtet Teammitglied Dr. Linke. „In diesen Kreaturen verbergen sich wahrscheinlich noch viele wunderbaren Wirkstoffe für die Pharmazie.“ Und Professor Suess hält gar die kommerzielle Gewinnung von Methanhydrat als Energiequelle für möglich.

Allerdings sind bis dahin noch viele Fragen zu beantworten. Der Traum der Forscher ist es, in Zukunft mit einem eigenen Tiefsee-Roboter und anderen Spezialwerkzeugen die Lagerstätten aus der Nähe zu erkunden. Bislang konnten diese Methoden nur sehr eingeschränkt vom Geomar-Team eingesetzt werden, da in Deutschland keine entsprechende Tieftauchtechnologie verfügbar ist.

Erschienen in Ausgabe: 06/2001