"Der neue Eigentümer tut uns sehr gut"

Menschen - Interview

Nach der Übernahme durch den Investor Centerbridge herrscht Aufbruchstimmung bei Senvion. Geschäftsführer Hendrik Böschen über neue Dienstleistungen, neue Rotoren und neu geschaffene Stellen.

30. November 2015

Herr Böschen, die Aussichten für den deutschen Windmarkt im neuen Jahr sind gut. Die Bremer Landesbank rechnet mit Vorzieheffekten bis 2017, stabilen Zinsen und vielen Flächenumwidmungen. Was bedeutet das für Senvion im nächsten Jahr?

Uns erwartet viel Arbeit: Wir stellen uns auf ein intensives Jahr ein, aber das kommt nicht unerwartet. Bei unseren Analysen sind wir zu ähnlichen Ergebnissen gekommen wie die Landesbank. Wir sind also vorbereitet. Viele Anlagen, die vor rund eineinhalb Jahren gekauft wurden, werden nächstes Jahr installiert. Hinzu kommen jetzt die Vorzieheffekte: Es gibt viel Nachfrage.

Unsere Kunden wollen auf Nummer sicher gehen und so viele Anlagen wie möglich vor der Ausschreibung installieren. Mit einer Baugenehmigung für 2016 können Betreiber noch die Regelungen nach dem alten EEG in Anspruch nehmen, dementsprechend wird es auch noch Vorzieheffekte in 2017 geben.

Ab 2017 müssen Anlagenbetreiber sich per Ausschreibung um Förderung kümmern. Das ist ein viel diskutiertes Novum. Zugleich ist es quasi eine Black Box. Keiner weiß ganz genau, was das neue Regime bringen wird. Folgt auf die Hausse im nächsten Jahr die große Katerstimmung 2017 und später?

Die Ausschreibung wird anspruchsvoll – das ist eine Herausforderung für unsere Kunden und damit auch für uns. An den ersten Runden werden sich vielleicht nur wenige beteiligen und von den Teilnehmern werden eventuell einige wegen formeller Fehler keinen Zuschlag erhalten.

Sprich, die Installationen für 2018 und 2019 sind nicht vorhersehbar. Deshalb bereiten wir uns so gut wie möglich vor, schließlich macht der deutsche Markt fast die Hälfte unseres Umsatzes aus. Wir wissen aus anderen Ländern, dass in den ersten Runden unter Umständen fehlerhafte Angebote abgegeben werden, gerade von kleineren Kunden.

Dazu gehören Bürgerwindparks, Stadtwerke sowie kleine Entwickler, die vielleicht einmal im Jahr einen Windpark planen. Das sind dann schon 40 Prozent unserer Kunden. Einen Einbruch der Installationen für 2018 und später gilt es zu vermeiden.

Mit dem im Sommer vorgestellten Eckpunktepapier des BMWi sind wir weitestgehend einverstanden, da kann von Black Box keine Rede sein. Wir sollten sichergehen, dass derjenige, der den Zuschlag einer Ausschreibung erhält, das Projekt auch umsetzt. Daher sind wir froh, dass eine Baugenehmigung zwingend vorliegen muss. Nur damit können Bieter an der Ausschreibung partizipieren. Wie wichtig das ist, zeigen die Erfahrungen in anderen Märkten. Das Risiko einer Lücke verringert sich in Deutschland, weil Projekte mit Zuschlag umgesetzt werden müssen. Zudem sieht das Eckpunktepapier einen Zeitraum von zwei Jahren vor, um Projekte zu realisieren. Das ist absolut machbar.

Die Betreiberstruktur in Deutschland ist heterogen, Sie haben es schon erwähnt. Kritiker der Ausschreibungen sagen, das würde nicht so bleiben, und fordern Schutz der Akteursvielfalt. Sie auch?

Die Diskussion ist auf der einen Seite, Reglements zu schaffen wie De-Minimis. Und da stellt sich immer wieder die Frage: Was ist fair, wo setzt man die Grenze? Es gibt Bürgerwindparks, die einmal in 20 Jahren zehn Anlagen aufstellen. Zehn Anlagen ist kein kleiner Park; aber der Bürgerwindpark an sich ist eine Gruppe von Akteuren, die nicht industriell Windparks betreibt, sondern sehr wahrscheinlich nur einmalig als Bürgerwindpark agiert.

Auf der anderen Seite gibt es den kleinen Entwickler, der immer wieder drei Anlagen abnimmt und dadurch professionell genug ist, um sich mit den Ausschreibungen auseinandersetzen zu können. Letztlich wird es schwierig sein, eine Regelung zu finden, die allen gleichermaßen gerecht wird.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Wir stellen uns auf die Marktgegebenheiten ein und arbeiten gerade an einem Konzept, mit dem wir unsere Kunden bei den Ausschreibungen unterstützen. Das heißt, wir werden künftig noch mehr Know-how zur Verfügung stellen. Diese Beratungsleistungen werden wir auf jeden Fall anbieten und unsere Kunden beispielsweise bei der Angebotserstellung für die Auktion unterstützen.

Wann soll das starten? Am 2. Januar 2017?

Das ist unser klares Ziel! Darüber hinaus denken wir über weitere Dienstleistungen nach. Zum Beispiel bei der Finanzierung im Rahmen von Ausschreibungen.

Wer stellt den Bid Bond? Selbst mit einer Baugenehmigung haben Sie ja noch keine Vergütung. Und auch damit keinen Business Case. In diesem Fall tun Banken sich verständlicherweise schwer, das Risiko des Bid Bonds zu übernehmen. Warum sollten das nicht wir als Anlagenhersteller übernehmen?

Welche Rolle spielen Kommunen für Senvion?

Ihr Anteil als Kunden wird weiter wachsen, ebenso der Anteil der Stadtwerke. Das zeigen unsere jüngsten Analysen. Bei Ausschreibungen hat eine Kommune ein ähnliches Problem wie ein kleiner Betreiber: Sie haben nicht zig Projekte pro Jahr. Kommunen sind also ebenfalls Akteure, die wir gerne bei den Ausschreibungen unterstützen. Stadtwerke und Kommunen müssen öffentliche Gremien überzeugen. Für sie ist es allerdings schwierig, schnell oder risikoreich zu agieren. Wir haben uns überlegt, wie wir unsere Kunden in solchen Fällen bestmöglich unterstützen.

Unsere Antwort lautet: Wir treten als Partner auf, der Sachverstand und Expertise mitbringt für die nötigen Schritte, um das Projekt umzusetzen.

Mit uns als Partner erleichtern wir es Stadtwerken und Kommunen gegenüber den Gremien zu argumentieren, dass ein Vorhaben ebenso machbar ist wie vor der Ausschreibung.

In Bayern ist der Zubau politisch nicht gewollt, Baden-Württemberg bleibt weit hinter den Erwartungen nach der grün-roten Regierungsübernahme zurück. Konzentriert sich das Onshore-Geschäft mehr und mehr auf die Küstenanrainer und Flächenländer wie Brandenburg?

Aktuell kommen die meisten Anfragen aus Windstandorten, wo ein großer Rotor und eine hohe Nabenhöhe gefordert sind. Mindestens zwei Drittel der Anfragen.

Dieser Trend wird sich auch durch Ausschreibungen oder durch Referenzertragsmodelle nicht ändern. Es gibt nicht unbegrenzt Fläche an den Standorten mit starkem Wind. Das heißt, langfristig wird es sowohl Standorte an der Küste als auch im Binnenland geben. Hier Starkwind, dort Schwachwind. Das ist bereits so, und das wird auch so bleiben.

Sie haben jüngst einen Rotor mit 140 Meter Durchmesser auf den Markt gebracht. Für welche Generatorleistung ist er gedacht?

Für einen Generator mit 3,4 Megawatt und eine Gesamthöhe von 200 Metern. Das ist unsere Antwort für einen Mittel- bis Schwachwindstandort der Windklasse 3. Sie brauchen den großen Rotor.

Es gibt einen neuen Eigentümer seit diesem Jahr, den US-Finanzinvestor Centerbridge. Was hat er vor mit Senvion?

Der neue Eigentümer tut uns besonders im Hinblick auf notwendige Investitionen für die Anlagenentwicklung sehr gut. Hier bringt Centerbridge wesentlich mehr Potenzial mit als unser voriger Eigentümer. Das spüren wir jetzt schon deutlich. Sei es bei der Besetzung von Stellen in der Entwicklung, sei es bei der Freigabe von neuen Stellen. Auch im Servicebereich wird investiert, schließlich ist gerade Service ein People-Geschäft. Im Schnitt brauchen wir für zehn Turbinen einen Mitarbeiter. Dieses Jahr haben wir zwei Aufträge für Windparks in der Nordsee bekommen: Nordergründe und Nordsee One. Für diese Projekte haben wir sofort neue Mitarbeiter in den Werken und zusätzliche Projektmanager eingestellt.

Wie viele Stellen wurden geschaffen?

Unter anderem in Hamburg 20 zusätzliche Offshore-Kollegen. In der Produktion in Bremerhaven haben wir über 30 Mitarbeiter neu eingestellt. Außerdem verwenden wir verstärkt eigene Rotorblätter und werden unsere Produktion, insbesondere unsere Onshore-Rotorblattproduktion in Portugal, ausbauen. In Summe sind das mehrere Hundert neue Jobs.

Neueinstellungen bei Offshore und Onshore, das heißt, Sie halten an den beiden Einsatzbereichen fest? Andere mittelständische Wettbewerber konzentrieren sich auf Onshore.

Offshore ist für uns ein Standbein, und das wird es auch bleiben, zugleich achten wir als Mittelständler darauf, dass das Portfolio ausgeglichen ist. Offshore darf 20, maximal 25 Prozent am Umsatz ausmachen. Daran halten wir fest.

Vita

Hendrik Böschen

- Seit August 2013 Geschäftsführer Senvion Deutschland

- Studium Wirtschaftsingenieurwesen in Lübeck

- Danach sieben Jahre internationaler Vertrieb im Automobilzulieferbereich in Hamburg und Tokio

- Seit sechs Jahren im Windenergiebereich tätig

Erschienen in Ausgabe: 10/2015