Der Staat solls richten

Technik

Klimaschutz - Angesichts des Trends zur fossilen Stromerzeugung weckt die CO2-Abscheidung und -Speicherung Hoffnungen. Spätestens 2020 müsste die Technik einsatzreif sein, um einen wesentlichen Klimabeitrag leisten zu können. Ohne öffentliche Gelder wird das nicht möglich sein.

08. April 2009

In Hürth bei Köln wird sich zeigen, ob Kohleverstromung klimaverträglich und dennoch wirtschaftlich sein kann. RWE will hier bis 2015 das bis dahin weltweit größte Braunkohlekraftwerk mit CO2-Abscheidung errichten. Die 450-MW-Anlage mit integrierter Kohlevergasung wird eines von rund einem Dutzend mittelgroßer Kraftwerke sein, die zur Mitte des Jahrzehnts die Machbarkeit der CCS(Carbon Capture and Storage)-Technologie in großtechnischem Maßstab demonstrieren sollen.

Unter drei möglichen CCS-Verfahren setzt RWE in Hürth auf Pre-Combustion: Das CO2 wird dabei vor der Verbrennung aus dem bei der Kohlevergasung erzeugten Synthesegas herausgetrennt. 1 Mrd. € hält der Essener Konzern für das Vorhaben bereit, zwei Milliarden wird es kosten. Man hofft auf öffentliche Unterstützung. »Ohne ausreichende Kofi nanzierung wird es keine milliardenschweren Demonstrationsprojekte geben können«, erklärte Vorstandschef Dr. Jürgen Großmann kürzlich auf einer Tagung des Informationszentrums klimafreundlicher Kraftwerke iz Klima mit dem Titel ›CCS – Ein Muss für den Klimaschutz‹.

Brüssel wünscht sich zehn bis zwölf Demonstrationsanlagen, um für verschiedene Brennstoffe sowie für alle Stufen der CCS-Prozesskette unterschiedliche Technologien erproben zu können: Für die Abscheidung des CO2, den Transport per Pipeline oder Schiff und die Speicherung etwa in ehemaligen Gasfeldern oder in salzwasserführenden Gesteinsschichten.

300 Millionen Emissionszertifikate will die EU dafür bereitstellen. Die Erlöse dar aus könnten sich auf bis zu 9 Mrd. € summieren, schätzt Chris Davies, Europarlamentarier und Berichterstatter für die europäische CCS-Richtlinie.

Mit Blick auf den historischen Tiefstand der CO2-Preise gibt sich die Energiewirtschaft weit weniger optimistisch. E.on-Energie-Vorstand Bernhard Fischer rechnet mit einer EU-Förderung pro Demokraftwerk in Höhe von 200 bis 600 Mio. €. Dies sei »bei Weitem zu wenig«, um die zusätzlichen Kosten für CCS von rund 1 Mrd. € pro Anlage zu decken.

Pilot im Kraftwerk Staudinger

E.on investiert in alle drei Technologien und hat derzeit sieben Laborversuche laufen. Der Schwerpunkt liege jedoch auf dem Post-Combustion-Capture-Verfahren. Dabei wird das CO2 nach der Verbrennung durch spezielle Reinigungssubstanzen aus dem Rauchgas entfernt. Laut Fischer ist die Technik im konventionellen Dampfkraftwerksprozess einfach anzuwenden, Anlagen ließen sich relativ leicht nachrüsten, das weltweite Einsatzpotenzial sei damit am größten.

Eine erste Pilotanlage will man diesen Sommer zusammen mit Siemens im Kraftwerk Staudinger bei Hanau in Betrieb nehmen. Siemens arbeitet im Industriepark Frankfurt-Hoechst bereits seit mehreren Jahren an der Technologie. Nun soll es darum gehen, die chemische Langzeitstabilität der Reinigungsubstanz und die Effektivität des Prozesses unter realen Kraftwerksbedingungen auch hinsichtlich des Energiebedarfs zu optimieren.

Auf Basis der Ergebnisse aus der Pilotanlage will E.on bis 2017 ein größeres Demokraftwerk errichten – sofern die Finanzierung stimmt. Noch ist sie wackelig. Denn zum einen wird es Wettbewerb um die Fördergelder aus Brüssel geben. Schon jetzt seien 34 Projekte angekündigt, und nur zehn bis zwölf könnten mit Unterstützung rechnen, so der bei Shell für Brennstoffe der Zukunft und CO2 zuständige Vizepräsident Dr. Graeme Sweeney. Zum anderen werden die Mittel vermutlich nicht reichen. Die Bundesregierung müsse einspringen und die Finanzierungslücke schließen, fordert Fischer, »sonst wird es keine CCS-Kraftwerke geben«.

Die EU steht einer nationalen Zusatzförderung offen gegenüber. Bis zu 15 % der Investitionssumme dürfen die Mitgliedstaaten zuschießen und dafür auf Erlöse aus der Versteigerung von Klimazertifikaten zurückgreifen. Immerhin hat Brüssel aus Sicht der Kohleverstromer einiges wiedergutzumachen.

Mit der geplanten Versteigerung der bisher kostenlos zugeteilten CO2- Zertifi kate ab 2013 hätten sich die Investitionsbedingungen »dramatisch verschlechtert «, klagt RWE-Chef Großmann. »Wir sind die Verlierer des Klimapaketes.« Ohne »massive Unterstützung für CCS« sei Strom aus Kohle nicht zukunftsfähig. Anders sieht es offenbar aus, wenn man die Technologie jetzt kräftig unterstützt. Nach einer Studie der Schweizer Prognos AG könnte man CCS mit staatlicher Anschubförderung schnell marktfähig machen. Ab 2016 wäre Baubeginn, ab 2020 Inbetriebnahme der ersten Großkraftwerke. »Das würde die Preise stabilisieren und den Strom günstiger machen«, sagt Großmann, der die Studie in Auftrag gegeben hat. Gelingt der Sprung auf den Markt, würden laut Prognos bis 2030 zwischen 11.000 und 18.000 MW Kraftwerksleistung durch CCS-Anlagen ersetzt werden, je nachdem ob der Stromverbrauch rückläufi g ist oder konstant bleibt. Andernfalls würde die gleiche Kapazität in Form von Gas- und Dampfturbinen (GuD)-Kraftwerken errichtet werden.

Die Autoren gehen davon aus, dass der CO2-Preis im Jahr 2030 mit CCS (55 €/t) deutlich niedriger wäre als ohne (70 bis 75 €/t). Dies würde auf den Großhandelspreis durchschlagen: Mit CCS wäre Strom an der Börse um 17 bis 22 % günstiger. Denn preisbestimmend wäre ein Steinkohlekraftwerk, das trotz niedrigeren Nutzungsgrads geringere variable Kosten aufweise als eine GuD-Anlage, die im Szenario ohne CCS ausschlaggebend wäre.

Marktfähig wird die Technologie dann, so die Studie, wenn außer den Pilot- und Demokraftwerken auch Transport- und Speichereinrichtungen öffentlich gefördert werden. Zudem müsse der rechtliche Rahmen stimmen – den Entwurf für ein CCS-Gesetz hat die Bundesregierung im März 2008 auf den Weg gebracht.

Die Infrastruktur sei Kernaufgabe des Staates, meint RWE-Chef Großmann. Bundesweit benötige man rund 6,5 Mrd. €, um jährlich 75 Mio. t CO2 speichern zu können – etwa ein Fünftel der Emissionen aus dem deutschen Kraftwerkspark. Der Bund müsse sich hier aktiv beteiligen.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zeigt ein gewisses Entgegenkommen in diesem Punkt. »Sicher ist es nicht alleinige Aufgabe des Staates, Pipelines und Speicher zu bauen. Unternehmen und Staat sollten das in Kooperation tun«, so Gabriel. Eine nationale Mitfinanzierung der Demoprojekte sieht der Umweltminister dagegen skeptisch. Die EU-Förderung liege schon bei den derzeitigen CO2-Preisen im oberen Bereich dessen, was Brüssel für CCS ausgeben möchte. Außerdem stünden den Stromerzeugern aus der Einpreisung der kostenlos zugeteilten Emissionszertifikate ausreichend eigene Mittel für diese Investitionen zur Verfügung.

Hans Forster

Erschienen in Ausgabe: 04/2009