»Deutsche Hersteller müssen ihren Vorsprung ausbauen«

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Windenergie Berlin beherbergt Mitte Juni 2013 die internationale ›Conference of the Wind Power Engineering Community‹ (COWEC). Geleitet wird sie von Andrew Garrad und Andreas Reuter, Chef des FhG-IWES in Bremerhaven.

22. Januar 2013

Die Branche kämpft weltweit mit erheblichen Überkapazitäten und Preisverfall, und der Konkurrenzdruck aus Asien heizt den Wettbewerb weiter an. In Zukunft werden vor allem chinesische Anbieter noch stärker an Einfluss gewinnen – bereits jetzt stammen sieben der Top-15-Hersteller aus China.

Deutsche Hersteller müssen deshalb ihren technologischen Vorsprung ausbauen und mit innovativen und zuverlässigen Produkten punkten. Hierzu gehört auch, Kompetenzen in der Windenergieforschung zu bündeln und gemeinsam neue Strategien zu entwickeln.

Allerdings bleibt Offshore-Windenergie zunächst eine europäische Angelegenheit, insbesondere Großbritannien und Deutschland sind hier führend. Da die Parks zunehmend in größerer Entfernung zur Küste und damit in tieferem Wasser installiert werden, sind leistungsstärkere Maschinen mit 5 und 6MW erforderlich. Kleinere Anlagen lohnen sich wirtschaftlich nicht mehr. Davon profitieren vor allem deutsche Hersteller, die die erforderlichen WEA anbieten können.

Was sind die Trends bei neuen Anwendungen und Technologien?

An Onshore-Schwachwindstandorten werden zunehmend Anlagen mit größeren Rotoren und Nabenhöhen eingesetzt, um noch mehr Energie aus dem Wind zu holen. Bei Offshore-Anlagen geht es momentan nicht allein um das Funktionieren der Technik. In den Entwürfen setzt man stärker auf integrierte Konzepte, das heißt, es werden hierbei auch das komplexe Umfeld der Anlage und Aspekte der Installation, des Betriebs und der Wartung berücksichtigt.

Derzeit wird nach neuen technologischen Standards gesucht. Deutlich wird dies zum Beispiel an Trends zur Entwicklung neuer Antriebsstränge und neuer Generatorsysteme sowie getriebeloser Anlagen. Nicht nur die Mechanik steht auf dem Prüfstand, sondern auch elektronische Bauteile der Anlage: Fortschritte konnten bei Steuerung und Regelung, bei den Sensoren und auch in der Aerodynamik erreicht werden.

Welche Anforderungen stellen der deutsche und der internationale Markt?

Um im Wettbewerb mit anderen Energieerzeugern bestehen zu können, müssen die Stromgestehungskosten im Offshore-Bereich weiter sinken. Dazu ist es unumgänglich, die Herstellung einzelner Komponenten – etwa von Rotorblättern – stärker zu automatisieren und die gesamte Wertschöpfungskette zu industrialisieren. Noch immer erfolgen viele Produktionsschritte in Handarbeit. Durch Automatisierung der Produktion bei gleichzeitiger Verbesserung der Qualität ist es möglich, die Herstellungskosten um 30 Prozent zu senken.

Darüber hinaus ist es wichtig, die in Windenergieanlagen verwendeten elektronischen Komponenten weiter zu verbessern. Hier ist eine Spezialisierung dringend erforderlich, um Ausfälle durch defekte Elektronik zu vermeiden und die Zuverlässigkeit der Anlagen zu erhöhen. Das ist vor allem in der Offshore-Windenergie entscheidend.

Was hat Sie dazu bewegt, die Leitung der Konferenz in Berlin zu übernehmen?

Die COWEC dient als Plattform zum Austausch über die neuesten Entwicklungen und liefert Anregungen für zukünftige Aktivitäten. Insofern entspricht es dem Selbstverständnis und dem Interesse des IWES, gemeinsam mit dem VDI eine derartige Konferenz zu organisieren. Das technisch anspruchsvolle Programm der COWEC macht vor allem den Reiz aus, uns an der Konferenz zu beteiligen.

Was unterscheidet die COWEC von anderen internationalen Windkonferenzen?

Die Veranstaltung ist international ausgerichtet und bringt führende Experten der Branche aus aller Welt zusammen – Ingenieure, Wissenschaftler und Entscheider aus der Industrie. Neben Dr. Andrew Garrad und mir als Präsidenten hat sie ein Industrial und ein Scientific Board. Sowohl Direktoren und Vorstände aus erfolgreichen Unternehmen als auch renommierte Wissenschaftlern reden mit. Durch diese Mischung von Industrie und Forschung auf höchstem Niveau und die Vortragsbewertung im Vorfeld können wir ein besonders interessantes und anspruchsvolles Programm bieten.

Vita

Prof. Dr.-Ing. Andreas Reuter

- (46) studierte Luft- und Raumfahrttechnik an der TU Berlin. Er promovierte 1995 und war dann Konstruktionsleiter und Geschäftsführer bei Windkraftherstellern und Ingenieurbüros.

- ist seit 2010 Professor für Windenergietechnik an der Leibniz Universität Hannover und Leiter des Fraunhofer-Instituts IWES in Bremerhaven. Seit einigen Jahren ist er Tagungsleiter verschiedener Windkonferenzen des VDI Wissensforums.

Erschienen in Ausgabe: 01/2013