»Die Doppelfunktion ist für die EEX in Leipzig von Vorteil«

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» Die Gruppe Deutsche Börse hat durchaus Assets, die die EEX nutzen kann.«

04. November 2011

Vor knapp 10 Jahren sah man die gerade frisch aus der Fusion der beiden Stromhandelshäuser in Frankfurt/Main und Leipzig hervorgegangene EEX bereits kurz vor der Pleite. Es folgten immer wieder Vorwürfe, mit Hilfe des Energiebrokers würden die Strompreise durch geschickte Manipulationen künstlich hoch gehalten. Und halbjährlich musste der Vorstand bei der Vorlage der Bilanzzahlen Spekulationen entgegentreten, dass die EEX schon bald den Sitz des Unternehmens verlagern könnte – nach Paris, London oder Frankfurt.

Seit August hat Peter Reitz das Sagen in der 23. Etage des City-Hochhauses in Leipzig, wo die Händler für Stromterminmärkte, Gaskontrakte und CO2-Zertifikate ihr Parkett haben. Der smart wirkende Manager hat in 20 Jahren bei der Deutschen Börse, bei Dow Jones in New York und als Eurex-Vorstand Karriere gemacht – zuletzt war er auch vier Jahre lang Aufsichtsratsvize der EEX.

Im neuen Amt leitet er Mitte August erstmals die Pressekonferenz zur Halbjahresbilanz und sieht sich mit recht deftigen Vorwürfen von Journalisten konfrontiert: Die Eurex habe nach Übernahme von knapp über 50% den bisherigen, nicht zähmbaren Börsenchef Hans-Bernd Menzel aus dem Haus getrieben und strebe nun die baldige Degradierung der EEX zu einer bloßen Dependance der Frankfurter an – so der Kern der Anwürfe. Wenngleich er weiterhin im Vorstand der Eurex tätig ist, und dies den Verdacht bestätigen könnte, widerspricht Reitz vehement.

»Wir führen die langfristige Strategie zur Entwicklung der EEX zur führenden Energiebörse in Europa fort und werden jetzt sogar schneller vorankommen können«, so sein Credo. Er lobt die hohe Fachkompetenz der gut 120 Mitarbeiter und versichert, bis Jahresende würden weitere 30 hinzukommen – allerdings auch in den Büros in London und Brüssel. Das Börsengeschäft sei an der Eurex ein anderes als hier, man benötige eine kritische Masse an Experten für den Handel mit den Energiederivaten, die es nach der langen Aufbauarbeit hier gebe, versichert Reitz. »Die EEX wird auch künftig ihre Säulen aus dem Energiehandel und Clearing stärken und sowohl alle Energiederivate als auch die zugehörigen Märkte abdecken. Die Gruppe Deutsche Börse hat durchaus Assets, die die EEX nutzen kann«, formuliert er fast beschwörend – ohne allerdings genauer zu werden.

Und sein Doppelengagement? »Ich denke, es ist von Vorteil, wenn ein Vorstand direkt die Interessen einer Tochter in der Chefetage der Mutter vertreten kann.« Die Eurex habe zudem eine Standortgarantie gegeben.

Doch bräuchte die EEX dringend eine Stärkung, um als Haupthandelsplatz die Referenzpreise für Strom, Gas oder die CO2-Zertifikate für Europa bilden zu können – und damit auch weiterhin Geld zu verdienen.

Vor allem auf dem Gassektor, in den die Leipziger erst spät einstiegen, klemmt es, weil zu viele der großen Händler einerseits noch immer ihre langfristigen Bezugsverträge mit Russen und Norwegern erfüllen müssen. Zudem wird beim freien Gashandel noch immer viel Volumen direkt zwischen Lieferant und Abnehmer ausgehandelt – in Leipzig sanken die Terminhandelsmengen im ersten Halbjahr von 17,8 auf 11,4TWh – trotz eines Zuwachses im Gas-Spothandel kein gutes Zeichen. Ähnlich schleppend entwickelt sich der Emissionsrechtehandel, auch wenn die EEX hier seit einiger Zeit die Primärauktionen für Deutschland durchführen kann. Um hier zusätzlichen Anreiz zu schaffen, hat Reitz eine Art Bonusprogramm für große Player installiert – frei nach dem Motto: Wenn man an der Börse nur ausreichend Liquidität schafft, dann zieht diese selbst wieder neue Liquidität.

Selbst beim Stromhandel lagen einige Experten mit ihren Prognosen für die Umsätze an der EEX ziemlich daneben: Das Abschalten der acht Kernkraftwerke und die damit verbundenen Turbulenzen an den Handelsmärkten – zeitweilig betrug das Handelsvolumen das Vierfache normaler Tage – war nur ein kurzes Strohfeuer. Inzwischen liegt man hier wieder im ruhigen Fahrwasser, obwohl die Börsianer eine kräftige Strömung in Richtung Erneuerbare erwartet hatten. Schließlich müssten die längst verkauften Atomstrommengen ersetzt und die mit dem Ausbau immer stärker werdenden Schwankungen von Wind und Sonne ausgeglichen werden. Bisher Fehlanzeige. Reitz weiß hier kein Wundermittel und hat bislang keine ausgereifte Idee für den Handel mit Grünstromprodukten. Immerhin blicke man insgesamt zuversichtlich auf das Gesamtjahr.

Manfred Schulze

Vita

Der 45-jährige Diplom-Mathematiker begann seine Karriere 1991 bei der Deutsche Börse AG.

•Von 2000 bis 2001 war er bei Dow Jones Indexes in New York.

•Seit 2001 ist Reitz Mitglied im Vorstand der Eurex. 2007 entsandte diese ihn in den Aufsichtsrat des Tochterunternehmens EEX.

•Seit 1. August 2011 ist Reitz Chef der EEX in Leipzig. Gleichzeitig setzt er seine Tätigkeit im Vorstand der Eurex fort.

Erschienen in Ausgabe: 09/2011