Die Globalisierung der Energiewende

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Stefan Lehner und Ottmar Heinen von der Firmengruppe Fronteris/Lacuna über die geplante EEG-Novelle und das Geschäft mit Beteiligungen an Windparks im Ausland.

22. April 2016

Das BMWi hat Ende März einen überarbeiteten Entwurf des EEG vorgelegt. Die Windbranche reagierte skeptisch. Ist das nicht das übliche Lobbygebaren vor einer Gesetzesnovelle?

Stefan Lehner: Die geplanten neuen Anforderungen sind so hoch, dass letztlich keine Akteursvielfalt mehr gegeben sein wird. Es gibt derzeit noch Genossenschaften, die ein Projekt erfolgreich durchziehen. Aber das ist heute schon die Minderheit und wird zukünftig noch stärker abnehmen.

Das heißt konkret?

Wir müssen künftig in der Projektierungsphase mit höheren Risikoaufschlägen kalkulieren. Grundsätzlich haben wird eine Unternehmensgröße, die es erlaubt, noch ›mitzuspielen‹. Aber es gibt neben uns noch kleinere Firmen, die werden das höhere Risiko nicht schultern können.

Ottmar Heinen: Es handelt sich um eine Zentralisierung innerhalb der Wertschöpfungskette. Aus Anlegersicht waren die alten Konzepte so aufgebaut, dass wir mit unseren Produkten viele Investoren gewinnen konnten. Siehe unseren Bürgerwindpark Trogen 2. Da haben sich rund 370 Anrainer aus der Region beteiligt.

In Zukunft konzentriert sich die Wertschöpfung wieder mehr auf die Stromkonzerne. Die Bevölkerung, die den Umbau des Energiesystems kostenmäßig mitträgt, ist dann aber nicht wirklich beteiligt. Viele Kommunen sind an Bürgerbeteiligungen interessiert. Das wissen wir aus Gesprächen. Nur: Wenn ich Interessenten erlaube, mit 500 Euro einzusteigen, dann erschlagen mich schon jetzt die wirtschaftlichen Fixkosten, um das Projekt tragbar zu gestalten.

Was folgt jetzt daraus?

Lehner: Erneuerbare machen bis zu 60 Prozent unseres Projektgeschäfts aus, das soll auch so bleiben. Beim Stand heute ist aber nicht absehbar, ob das im deutschen Markt so darstellbar ist. Daher sehen wir uns auch außerhalb Deutschlands um; besonders in den nordischen Ländern sowie in Kanada.

Wie stellt sich der kanadische Markt denn dar?

Heinen: Dort gibt es aufgrund der Rechtssicherheit viel Potenzial für institutionelle Investoren. Jede Provinz hat ein eigenes Förderregime. Anders als in Deutschland mit dem einheitlichen EEG gibt es in Kanada Vielfalt.

Das Land ist bei der Versorgung ganz anders aufgestellt als Deutschland. Nehmen Sie zum Beispiel British Columbia an der Pazifikküste. Der staatliche Versorger BC Hydro kontrolliert 90 Prozent des Marktes.

Die Einspeisevergütung ist zwar einheitlich, aber de facto zugleich aufgegliedert. Bis zu 15MW gibt es eine feste Einspeisevergütung. Darüber hinaus nicht.

In Alberta sieht es schon wieder anders aus. Dort gab es bislang kein Einspeiseregime; nun wird eines erarbeitet. Bis 2030 steigt Alberta aus der Kohleverstromung aus. Das ist beschlossene Sache.

Das heißt, man muss in Erneuerbare investieren. Bis Ende des Jahres soll ein Regime verabschiedet werden, dass nach dem Prinzip ›Learning by best practise‹ derzeit von der AESO erstellt wird. In Ontario gibt es bereits ein Ausschreibeverfahren. Zunächst ist eine grundsätzliche Genehmigung nötig. Dann nehmen die Anbieter am Ausschreibeverfahren teil.

Jüngst wurde eine Ausschreibung beendet mit 15,5 Cent pro Kilowattstunde für eine Laufzeit von 20 Jahren. Es gilt der Durchschnittspreis, nicht der niedrigste Preis.

Gängig sind mittlerweile aber auch PPA direkt mit Kommunen. In der Quintessenz wurde viel Positives aus dem deutschen EEG übernommen und effizient modifiziert.

Haben Sie bereits Erfahrung in Kanada?

Ja. Wenn man unser Know-how in der Unternehmensgruppe mit guten regionalen Partnern kombiniert, dann ist das eine Alternative zu Projekten in Deutschland und Europa. Die Kombination aus Bestands- und Neuprojekten führt zu einem für Investoren interessanten Gesamtportfolio.

Herr Lehner, Sie sprechen von den nordischen Ländern. Welche Länder meinen Sie?

Vor allem Finnland, Norwegen und Schweden halten wir für interessant. Förderregimes gibt es bereits oder werden gerade erneuert. Das ist eine gute Basis für unsere Kalkulation. Zudem sind deren Rechtssysteme ähnlich dem unsrigen. Die räumliche Nähe spielt natürlich auch eine Rolle. Technisch gesehen können diese Länder aufgrund der größeren Kapazitäten an Pumpspeichern besser mit fluktuierender Erzeugung umgehen.

Die E-Mobilität braucht auch Infrastruktur. Daher müsste das Thema für Investoren und Beteiligungen per se interessant sein, oder nicht?

Prinzipiell ja. Das Problem ist die fehlende Marktreife beziehungsweise fehlende technische und kommerzielle Standards. Tesla beispielsweise lässt seine Kunden kostenlos aufladen. Ein Geschäftsmodell für Investoren benötig hier noch klarere Rahmenbedingungen.

Wer ist der Kunde?

Heinen: Seit einigen Jahren betreibt die Allianz in Chicago 36.000 Parkuhren. Aber es dauert Jahre, um die vergleichsweise einfache Investition in Form zu bringen. Ähnlich ist es mit der Elektromobilität zurzeit. (hd)

Viten:

Ottmar Heinen verantwortet als Geschäftsführer der Lacuna Projekt GmbH den Bereich alternative Energien-Investments und betreut Key Accounts für die Lacuna AG. Zuvor arbeitete Heinen als Senior Key Account Manager bei Generali Investments sowie als Head of Retail Distribution Senior Sales bei ING Asset Management.

Stefan Lehner ist seit 2008 für die Fronteris-Gruppe tätig. Als Prokurist der Fronteris GmbH und der Fronteris Projekt GmbH ist er verantwortlich für den Bereich Entwicklung und Realisierung von Windprojekten.

Erschienen in Ausgabe: 04/2016