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Menschen

»Die Märkte ändern sich«

Vom Start-up-Charakter zur gereiften Branche - der Markt für Erneuerbar-Projekte hat sich stark gewandelt, auch die Fördersysteme. Wir sprachen mit Thomas Stephen von der Nord/LB über den Wandel, PPA und Finanzierungsrisiken.

30. August 2018

Sie beraten und finanzieren erneuerbare Projekte seit über 20 Jahren. Wie hat sich die Art der Finanzierung verändert?

Wir haben uns bereits Anfang der 90er-Jahre in der Bremer Landesbank, die inzwischen vollständig zur Nord/LB gehört, mit den ersten Windpark-Finanzierungen beschäftigt. Wir sind zusammen mit der Branche gewachsen. Die Anfangsjahre hatten etwas von Start-up-Charakter, mit Menschen, die aus der Ingenieurs- und Ökobewegung kamen. Das waren Tüftler, die Projekte waren kleinteiliger. Heute ist die Branche gereift, größer geworden, internationaler, professioneller. Damit meine ich nicht nur die Turbinenhersteller, sondern auch die Initiatoren der Projekte.

In welchen Ländern sind Sie hauptsächlich aktiv?

In Europa finanzieren wir Projekte in den Kernländern Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Irland, daneben aber auch in Spanien, Italien, und Skandinavien. Die Nord/LB ist auch außerhalb Europas engagiert, mit Schwerpunkten in USA, Kanada, Japan und Australien. Der Fokus hat sich im Laufe der Zeit außerhalb unserer Kernmärkte immer wieder verändert. Zum Beispiel wurde in Spanien auf Basis eines komfortablen Förderregimes relativ früh viel Kapazität an Wind und Solar aufgebaut. Dann hat das Land, unter anderem vor dem Hintergrund der damaligen Finanzkrise, sein Vergütungssystem geändert: die Stromtarife signifikant gekürzt, auch für bestehende Projekte. Hierdurch sind viele Projekte in Schwierigkeiten geraten, weil die Rentabilitätsrechnungen auf ursprünglich garantierten Strompreistarifen basierten. Der Erneuerbare-Energien-Markt in Spanien ist in der Folge mehrere Jahre für ausländische Investoren und Banken kein Thema mehr gewesen. Eine Lehre daraus ist sicher, darauf zu achten, dass Förderungen nicht deutlich höher als die Marktpreise für Strom sind. Aktuell haben sich die Marktbedingungen wieder verändert.

Heißt?

Die erneuerbaren Projekte hingen bis vor Kurzem noch stark von der Förderung ab; in Deutschland wird diese durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz geregelt. Es bestand immer schon der Wille, diese Förderung herunterzufahren und die Erneuerbaren in den Markt zu integrieren. Entsprechend ändern sich die Märkte und auch die Finanzierungsstrukturen. Inzwischen realisiert man in einigen Ländern – besonders Skandinavien ist da Vorreiter – Projekte, bei denen es keine Förderung mehr gibt. Die Rentabilität der Projekte basiert auf Erlösen aus Stromabnahmeverträgen mit Unternehmen guter Bonität, wie ein Aluminiumhersteller oder ein Stromkonzern. Oder an Unternehmen wie Google, McDonalds, O2. Stichwort ist hier der Begriff PPA, für Power Purchase Agreement.

Welche wichtigen Chancen und Risiken gilt es, bei der Konzeption einer Projektfinanzierung grundsätzlich einzubeziehen?

Grundsätzlich ist das Schöne, dass wir in Deutschland ein Erneuerbare-Energien-Gesetz haben. Das bedeutet: kein Absatzrisiko und kein Preisrisiko für den Kunden. Für die Risikobetrachtung der Bank gilt das ebenso. Daher sind viele Banken in diesem Geschäftsfeld aktiv. Wir haben hier fast null Ausfallhistorie im Gegensatz zu anderen Finanzierungen. Das wesentliche Risiko im Windsektor ist das Windaufkommen: dass der Wind auch so weht, wie in den Windgutachten prognostiziert. Mögliche Prognosefehler federn wir mit Reserven bei der Berechnung der Rentabilität ab. So basiert unsere Wirtschaftlichkeitsberechnung auf Winderträgen, die gewisse Risikoabschläge berücksichtigen, also niedriger sind als der vom Windgutachter prognostizierte wahrscheinlichste Ertrag.

Vita

Thomas Stephen leitet seit 2011 im Bereich Structure Finance die Abteilung Portfoliomanagement Energy Europe.

Seit Gründung des Bereichs in der Nord/LB im Jahr 2000 ist Stephen in diesem tätig.

Er ist seit 1994 in der Nord/LB.

Daneben gibt es grundsätzlich noch ein technisches Risiko. Bei dem Einsatz von Windturbinen bekannter Turbinenhersteller und der Verwendung erprobter Technologie ist das Risiko überschaubar. Zudem besteht ein regulatorisches Risiko hinsichtlich der negativen Änderung von gesetzlichen Rahmenbedingungen für bereits bestehende Projekte.

Wie ist das bei den PPA?

Die Entwicklung von aus Banksicht machbaren Finanzierungsstrukturen ist deutlich komplexer als unter Fördersystemen wie dem deutschen EEG. Die Strukturen sehen anders aus, weil die Risiken andere sind. Für uns als Banken besteht etwa ein neues Risiko aus der langfristigen Bonität des stromabnehmenden Unternehmens, also dass das Projekt gegebenenfalls den Strom frei am Markt verkaufen muss. Wir müssen also analysieren: Wie waren die Strommarktpreise in Schweden in der Vergangenheit? Wie sind die Prognosen für die Zukunft? Da gibt es höhere Unsicherheiten. Daher sehen Finanzierungsstrukturen dieser Projekte anders aus. Grundsätzlich gilt: Der Eigenkapitalgeber muss mehr Eigenkapital investieren. Der Kreditbetrag wird niedriger als bei einem Projekt wie in Deutschland. Häufig bekommt der Stromabnehmer über den Stromabnahmevertrag ein festes Volumen an Strom vom Projekt zugesichert. Wind ist aber volatil. Wenn das Projekt das fixe Volumen nicht liefern kann, erfolgen Strafzahlungen. Diese belasten das Projekt. Da müssen wir als Bank analysieren: Wie wahrscheinlich ist es, dass das Projekt einmal nicht das zugesagte Volumen an Strom liefern kann? Dieses muss konservativ kalkuliert sein.

In Schweden haben Sie ein 650-MW-Windparkprojekt begleitet. Die Projektfinanzierung sei »ein Meilenstein mit einer Vielzahl an innovativen Aspekten« gewesen, so Ihre Mitteilung. Welche wichtigsten Aspekte waren das?

Dieses Projekt in Schweden – wo aktuell viele weitere Projekte realisiert werden – hat eine PPA-Struktur. Es gibt einen Stromabnahmevertrag, 19 Jahre mit einem festen Preis, festen Volumen; mit einem Aluminiumproduzenten. Dann handelt es sich um ein sehr großes Projekt. Nicht nur Nord/LB, KfW und HSH sind beteiligt, sondern auch die Europäische Investitionsbank. Diese kann sehr große Finanzierungsvolumina stemmen. Sie erhöht aber noch mal die Komplexität, da sie eigene Vorstellungen zur Finanzierungsstruktur in die Verhandlungen einbringt. Außerdem ist die deutsche Exportkreditversicherung Hermes beteiligt. Die eingesetzten Windturbinen von General Electric werden in Niedersachsen produziert. Aufgrund dieser exportierten Komponenten können wir Exportkreditversicherungen, abgekürzt ECA, mit ins Boot holen. Dies reduziert das Risiko für uns als Bank. Die ECA würden den Banken bei einem Ausfall den wesentlichen Teil der Verluste ersetzen. Es ermöglicht uns, auf der einen Seite größere Kreditvolumina zu vergeben und reduziert aufgrund des geringeren Ausfallrisikos auch die Finanzierungskosten für den Kreditnehmer, also das Projekt. mwi

Erschienen in Ausgabe: Nr. 07 /2018