Die Suche nach den Stärken

Markt & Meinung

Spezielle - Märkte könnten eine Schlüsselrolle bei der Etablierung von Brennstoffzellen spielen. VDI und VDMA haben den Markt unter die Lupe genommen und Ideen für ein Einführungsprogramm entwickelt.

22. November 2010

Nach Studien der Marktforschungsunternehmen Freedonia und Pike Research wird für 2017 der globale Markt für Brennstoffzellen (BZ) auf insgesamt 8,6Mrd.US$ geschätzt. Den größten Weltmarktanteil stellen mit 43% Zellen für die stationäre Stromversorgung dar, gefolgt von Brennstoffzellen in ›Speziellen Märkten‹ .

Dabei zeichnet sich das Segment ›Spezielle Märkte‹ durch eine im Vergleich zu anderen BZ-Anwendungen weiter fortgeschrittene Marktnähe und Anwendungsreife aus. Ein vergleichsweise kleiner Teil des Nationalen Innovationsprogramm Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NIP) unterstützt dieses Segment.

Der Begriff der Speziellen Märkte umfasst insbesondere den Einsatz für Notstromversorgung, Lagertechnikfahrzeuge (etwa Gabelstapler), elektrische Leichtfahrzeuge und Boote, Bordstromversorgung (etwa Wohnmobile) sowie Kleinstanwendungen auf der Basis von Mikrobrennstoffzellen.

»Diese Märkte können eine Schlüsselrolle bei der Etablierung der Brennstoffzellentechnologie in Deutschland spielen, da sie entscheidend für den Aufbau von Wertschöpfungsketten zwischen den Unternehmen der Brennstoffzellen-Industrie sind«, sagt Johannes Schiel von der Arbeitsgemeinschaft Brennstoffzellen im VDMA. »Weiterhin werden über frühe Märkte Vertriebsstrukturen aufgebaut, die für die Markteinführung von Nachfolgeprodukten zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden können.«

Notstromversorgung als größtes Marktsegment

Da Produktions- und Anschaffungskosten für BZ zurzeit noch deutlich höher sind als für entsprechende konventionelle Produkte, fördern die USA und Japan deren Markteinführung massiv. So wurde in den Vereinigten Staaten neben einem ›Investment Tax Credit for fuel cell technology‹ ein 41,9-Mio.-$-Förderprogramm aufgelegt, um die Kommerzialisierung in den Bereichen Notstromversorgung und Flurförderzeuge voranzutreiben.

Vor diesem Hintergrund bedarf es für die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland eines vergleichbaren Einführungsprogrammes in Speziellen Märkten. Anlass genug für eine Studie. Das VDI-Technologiezentrum führte diese im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums durch, vertreten von der Nationalen Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NOW). Die Arbeitsgemeinschaft VDMA Brennstoffzellen hat die Arbeit aktiv begleitet und mit Interviews und einem Workshop unterstützt.

Im Rahmen der Studie führten die Autoren auch eine umfassende Marktbetrachtung durch. Der Weltmarkt für BZ in Speziellen Märkten, der von 140Mio.US$ im Jahr 2009 auf 3,2Mrd.US$ im Jahr 2017 ansteigen soll, wird von dem größten Marktsegment der Stromversorgung Business/Notstromversorgung bestritten (56%). Die weiteren größeren Bereiche stellen Brennstoffzellen für die Lagertechnik mit 15% und Mikrobrennstoffzellen mit 11% dar.

Die meisten deutschen Unternehmen sind derzeit in den Marktsegmenten ›Stromversorgung Business‹ mit 25% und ›Mikrobrennstoffzelle bis 20W‹ mit 21% tätig. Die in den Speziellen Märkte tätigen 107 Unternehmen sind mit 42% größtenteils Zulieferer und zu gleichen Teilen OEMs und BZ/Stack-Hersteller (je 24%). Die restlichen 10% bilden die Systemintegratoren.

Die Autoren der Studie stellten die prognostizierten weltweiten Marktvolumina den relativen Stärken Deutschlands im Bereich der Speziellen Märkte gegenüber. Dabei zeigt sich, dass Deutschland im Bereich der ›Stromversorgung Freizeit‹ gut aufgestellt ist, allerdings in einem mittelgroßen und begrenzten Weltmarkt. Denn durch das Unternehmen SFC ist Deutschland im Bereich der Stromversorgung Freizeit weltmarktführend.

Umgekehrt verhält es sich mit der ›Stromversorgung Business‹, die ein sehr hohes Marktvolumen verspricht, jedoch ist die derzeitige Stärke Deutschlands im internationalen Vergleich niedrig.

In Deutschland identifizierten die Experten dabei 13 BZ-Hersteller, die im Bereich Notstromversorgung und autarke Stromversorgung tätig sind. Als Marktführer auf diesem Gebiet gelten danach vor allem amerikanische Unternehmen wie IdaTech, Hydrogenics oder ReliOn. Die relative Stärke Deutschlands bewertet die Studie in Bezug auf die Anzahl der Unternehmen als durchschnittlich und in Bezug auf den Entwicklungsstand als unterdurchschnittlich.

Darüber hinaus sind auch noch die Lagertechnik und die Mikrobrennstoffzellen im Leistungsbereich größer 20W marktattraktiv. »Für eine internationale Wettbewerbsfähigkeit müssten in Deutschland die Kompetenzen in diesen Bereichen weiter ausgebaut werden«, stellen die Autoren fest.

Für den Bereich Lagertechnik-Fahrzeuge werden in einschlägigen Studien Plug Power, Hydrogenics, Deka/Nuvera und Oorja Protonics als die wichtigsten Hersteller genannt. Das einzige Unternehmen in Deutschland, das BZ für dieses Segment herstellt, sei Proton Motor.

Gabelstapler in Deutschland noch im Prototypenstadium

»Die Bedeutung deutscher Hersteller in diesem Segment wird daher als unterdurchschnittlich bewertet und damit auch die Abbildung der Wertschöpfungskette«, heißt es in der Studie weiter. Stark hingegen sei Deutschland bei den OEM aufgestellt mit Still/Linde und Jungheinrich. Allerdings seien die Entwicklung von BZ-Antrieben bei diesen im Prototypenstadium, sodass die Autoren den Markt insgesamt als unterdurchschnittlich bewerten.

Bei Mikrobrennstoffzellen unter 20W fehlen in Deutschland im Vergleich zu der stärkeren asiatischen Konkurrenz die OEM für die elektronischen Massenmärkte, so die Autoren. Hier würden von den Unternehmen nur Nischenmärkte adressiert.

Aufbauend auf den Ergebnissen dieser Analyse, empfiehlt die Studie unterschiedliche Maßnahmen für ein Markteinführungsprogramm. Dazu gehören Marktanreizprogramme (MAP) ebenso wie öffentliche Beschaffungsprogramme. Neben finanzieller Unterstützung sei es auch wichtig, die Rahmenbedingungen zu verbessern, etwa durch eine stärkere Vernetzung der Akteure, Imagekampagnen sowie Normen und Standards.

Info

Einige Empfehlungen der Studie

Stromversorgung Business: MAP als Backup-Power-Programm für 10.000 BZ-Notstromaggregate mit stufenweiser Reduktion des Zuschusses, 50Mio.€ über drei Jahre (5.000€ pro System).

Lagertechnik: Öffentliches Beschaffungsprogramm mit 10.000 Fahrzeugen für kommunalen Einsatz; 150Mio.€ über zehn Jahre.

Kleinleistungsbereich: MAP als CO2-Substitutionsprämie, 10Mio.€ über fünf Jahre (1.000€ pro System).

Erschienen in Ausgabe: 04/2010