Jahrelang richtete sich der Blick nur auf die Zahlen der neugebauten EE-Anlagen pro Jahr. Wenn die im Rahmen der Erwartungen lagen, galt das als gutes Zeichen für die Energiewende. Meist übertraf die Praxis die Theorie, denn es wurden in der Regel mehr Anlagen gebaut, als im Vorfeld bei der Planung der jährlichen Zuwachsrate angenommen.

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Heute sieht es anders aus. Die Ausbauzahlen im PV-Bereich sind auf 52 GW gedeckelt, was zu Zurückhaltung bei den Projektierern geführt hat. Im Onshore-Bereich ist die Bautätigkeit seit geraumer Zeit mehr als verhalten; in der BNetzA-Ausschreibung zum Stichtag 1. März wurden nur Angebote mit einer Gesamtmenge von 151 MW bezuschlagt. Das Verfahren war für 300 MW ausgelegt.

Die Folgen für die Branche sind dramatisch. Medienberichten zufolge gingen seit 2017 bundesweit rund 40.000 Arbeitsplätze bei Wind-Unternehmen oder deren Zulieferbetrieben verloren.

Neue Betreibermodelle für Neubau und Bestand

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Bei den Bestandsanlagen ist die Entwicklung umgekehrt. Die Summe der installierten Leistung ist binnen zehn Jahren auf Rekordwert gestiegen. Die Folge: Projektierer, Investoren und Energiehändler schauen heute beide Bereiche, Neubau und Bestand, ganz genau an bei der Entwicklung neuer Projekte und Geschäftsmodelle. Mit dem Ziel, sich die unterschiedliche Dynamik bei Neubau und Bestand zunutze zu machen.

Ein Beispiel ist Naturstrom in Düsseldorf. Das Unternehmen hat seit Anfang 2019 sowohl Power-Purchase-Agreements, kurz PPAs, für neue Solar- als auch für alte Windparks abgeschlossen. Zudem erwarb Naturstrom alte Windenergieanlagen mit dem Ziel des Weiterbetriebs und baute eigene PV-Anlagen jenseits des EEG.

Direktlieferung aus Franken

Im Februar gab das Unternehmen ein Neuanlagen-PPA bekannt für ein PV-Projekt in Franken. Der Solarpark Rottenbach im Landkreis Coburg verfügt über eine installierte Leistung von 13 MWp. Davon hat Naturstrom 3,2 MWp errichtet, deren Stromerzeugung nicht über das EEG vergütet wird. Das Unternehmen integriert den Sonnenstrom ins Beschaffungsportfolio und beliefert Haushaltskunden.

In Uttenreuth nahe Erlangen realisiert Naturstrom ein weiteres Projekt dieser Art. Dort wird eine Teilanlage mit 2,8 MWp künftig Sonnenstrom direkt für den Ökostrom-Spezialisten aus NRW produzieren.

Statkraft

Zusätzlich haben Naturstrom und Statkraft einen Stromliefervertrag mit einer Laufzeit von elfeinhalb Jahren unterzeichnet. Dabei geht es um Strom aus dem bayerischen Solarpark Parsberg Eichensee, dessen Stromerzeugung von Statkraft vermarktet wird. Bis Dezember 2031 wird Statkraft insgesamt etwa 237 Mio. kWh an Naturstrom liefern.

Neubau und Bestand

„Ein neues Zeitalter im Strommarkt bricht an“, sagt Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel. „Strom aus neuen Solarparks wird künftig vielfach direkt Haushalte und Gewerbekunden fließen – ganz ohne EEG-Förderung. Nächstes Jahr komme Strom aus Windrädern hinzu, deren EEG-Förderung nach 20 Jahren zu Ende sei. Damit überholen die Erneuerbaren bei den Erzeugungspreisen schrittweise die konventionellen Energien, so Hummel. Dieser Trend würde künftig neue Chancen eröffnen.

Solarstrom ab vier Cent pro kWh

„Neu errichtete Gaskraftwerke haben Stromgestehungskosten von 8 bis 10 Cent pro Kilowattstunde, Steinkohlekraftwerke liegen um die 8 Cent. Nun ist durch die drastisch gesunkenen Stromgestehungskosten von Solarparks sogar die Marktparität in Reichweite gekommen«, sagt Hummel. Solarstrom sei aus einzelnen Anlagen für rund 4 Cent zu haben und damit ungefähr auf Großhandelsniveau. »Neuanlagen, die zu solchen Preisen Strom produzieren, das schafft sonst keine andere Technologie.“

Power Purchase Agreement

Ein PPA ist in Deutschland bislang selten; welche Chancen, welche Herausforderungen sind damit für die Vertragspartner verbunden? Laut Hummel sei die generelle Herausforderung bei PPAs, das Interesse des Anlagenbetreibers nach einer möglichst langfristig gesicherten Stromabnahme mit dem Interesse des Endkunden nach Stromverträgen mit eher kurzer Laufzeit in Einklang zu bringen.

„Dieser Gegensatz lässt sich nicht grundsätzlich auflösen.“ Größere Energieversorger oder Direktvermarkter müssen nach Hummels Worten ins Risiko gehen und notfalls Strommengen aus PPAs anderweitig in ihrem Portfolio unterbringen, wenn der ursprüngliche Abnehmer wegfällt oder sich der Bedarf deutlich reduziert.

Herausforderungen und Chancen

Laut Naturstrom gehen die meisten Beobachter davon aus, dass die Strompreise im Großhandel durch Atom- und Kohleausstieg langfristig steigen. In diesem Umfeld sei es attraktiv, mit einem PPA das aktuelle Preisniveau für einen längeren Zeitraum abzusichern, sagt Hummel. „Zumindest für einen Teil der benötigten Strommengen.“