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Digitale Schätze heben

Markt

Geschäftsmodelle – Es wird immer wichtiger, sich vom Wettbewerb abzuheben und neue Wege zu gehen. Eine Basis dafür bietet das Thema Disaggregation, kurz NILM. Mithilfe von Verbrauchsdaten lassen sich so ganz unterschiedliche Mehrwerte für den Kunden generieren.

30. August 2018

Der Verkauf von Strom ist schrecklich spröde. Seit der Liberalisierung des Strommarktes tun sich die Marktteilnehmer schwer damit, ihre Angebote vom Wettbewerb abzuheben. Dieser findet im Strommarkt in den Segmenten Erzeugung, Handel und Vertrieb statt. Was am Ende beim Privatkunden abgerechnet werden muss, lässt kaum noch preisliche Flexibilität zu.

Dabei sitzen die Versorger auf einer Goldmine und nutzen sie nicht: die Verbrauchsdaten ihrer Kunden. In ausreichender Auflösung ermittelt, lassen sich damit zahllose digitale Geschäftsmodelle kreieren, um Kundenzufriedenheit und -bindung zu steigern. Als Nebeneffekt werden noch die eigenen Ablese- und Abrechnungsprozesse optimiert.

Das Problem: Die in den meisten Haushalten heute noch installierten analogen Stromzähler lassen bis auf den Gesamtverbrauch keine weiteren Rückschlüsse auf die individuellen Nutzungsgewohnheiten der Verbraucher zu.

Während Großverbraucher ab 10.000 kWh pro Jahr und Selbsterzeuger laut Gesetz bereits heute über intelligente Messsysteme (iMSys) verfügen müssen – ab 2020 bereits ab 6.000 kWh Jahresverbrauch – herrscht im Privathaushalt nur bedingt Druck, die alten analogen Zähler auszutauschen.

Hier ist die Vorgabe, dass bis 2032 alle alten analogen Zähler durch digitale moderne Messeinrichtungen (mME) ersetzt sein müssen. Doch selbst wenn dieser Austausch bereits geschehen ist, werden die Möglichkeiten dieser digitalen Zähler nicht ausgeschöpft.

Stromverkauf wird zur Nebensache

Bei den Energieversorgern herrscht immer noch großes Zögern und Unsicherheit, welche Technologien sie einsetzen sollen. Dabei haben sich die technologischen Voraussetzungen in den letzten Jahren maßgeblich zum Positiven verändert. Die Kosten für leistungsfähige Hardware sind gesunken, auf Internet-Technologien basierende Verbindungsstandards ermöglichen heute viel bessere Leistung als branchenetablierte Standards.

Mit einem digitalen Stromzähler (einer modernen Messeinrichtung, mME) lassen sich Lastkurven erfassen. Je kürzer der Messabstand, desto genauer die Datengrundlage und die im Haushalt genutzten Geräte können voneinander unterschieden werden.

Die Technologie dahinter heißt ›Non-intrusive Load Monitoring‹, kurz NILM. Eine Leistungsmessung ohne die Notwendigkeit, an jedem einzelnen Endgerät weitere Messgeräte, sogenannte Sub-Meter als Zwischenstecker, zu installieren.

Mit Kreativität in die Zukunft

Doch die individuelle Verbrauchserkennung für den Stromkunden ist nur ein mögliches Einsatzgebiet. Wie wäre es mit einem weiteren Feature, der frühzeitigen Ausfallerkennung? Die Predictive Maintenance zielt darauf ab, defekte Geräte vor ihrem Totalausfall bereits durch Unregelmäßigkeiten in ihrer Lastkurve zu erkennen. So können Verbraucher rechtzeitig gewarnt und womöglich sogar Hausbrände durch defekte Geräte verhindert werden.

Nicht nur jedes Gerät, auch jeder Haushalt als Ganzes verfügt über ein typisches, wiederkehrendes Verbrauchsverhalten. Auch das lässt sich nutzen: Unter dem Stichwort ›Ambient Assisted Living‹ versteht man Konzepte, die älteren oder benachteiligten Menschen Hilfestellung geben, ihren Alltag zu meistern, ohne ständig auf externe Hilfe angewiesen zu sein.

So könnte die automatische Erkennung von Geräten im Haushalt dazu beitragen, Nutzer daran zu erinnern, den Herd abzuschalten oder automatisch nahe Verwandte informieren, wenn entgegen üblicher Tagesabläufe auffällige Abweichungen festgestellt werden. Solche Systeme werden heute ausschließlich über kostspielige Installation vieler zusätzlicher Messgeräte und Sensoren im Haushalt realisiert. Dieser technische Aufwand ließe sich mit einer detaillierten Verbrauchsdatenerkennung deutlich reduzieren.

Ein »weiter wie bisher« darf es für Stromversorger nicht geben. Schon heute entdecken Drittanbieter das Potenzial der Verbrauchsdatenerfassung für sich. Wer sich jetzt nicht richtig positioniert, hat morgen das Nachsehen.

Oliver van der Mond, Lemonbeat

Erschienen in Ausgabe: Nr. 07 /2018

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