Drei Modelle: Wer startet durch?

Markt

Strategie - E-Mobilität eröffnet EVU eine neue lukrative Einnahmequelle. Eine aktuelle Studie bietet eine profunde Grundlage, um profitable Geschäftsmodelle rund um die Ladeinfrastruktur zu entwickeln.

13. April 2011

Die Studie ›Umsetzung der Marktprozesse für Elektromobilität‹, die die regio iT Aachen in Zusammenarbeit mit der LBD-Beratungsgesellschaft kostenlos herausgegeben hat, systematisiert die energiewirtschaftlichen Marktprozesse in der Elektromobilität und analysiert deren Umsetzung inklusive der notwendigen IT-Unterstützung. Der Fokus der Untersuchung liegt auf den Prozessen rund um die Ladeinfrastruktur. Dabei werden die Anforderungen verschiedener potenzieller Geschäftsmodelle berücksichtigt. So vermittelt die Studie laut der Autoren »eine qualifizierte Grundlage, auf deren Basis die EVU Lösungsoptionen und Geschäftskonzepte zur Elektromobilität ableiten können«. Auf dem Prüfstand standen insgesamt drei Geschäftsmodelle:

Das Providermodell: Analog zur herkömmlichen Tankstelle betreibt ein Anbieter die Ladestation und bietet Strom nur für die eigenen Kunden oder Barzahler an.

• Das Roamingmodell: Die Station ist sowohl für Kunden des Stationsbetreibers als auch für andere Verbraucher gegen Zahlung einer Roaminggebühr zugänglich.

• Das Durchleitungsmodell: Die Station wird von einem unabhängigen Provider oder vom Netzanbieter betrieben, der die Ladeinfrastruktur für ein einheitliches Entgelt denjenigen zur Verfügung stellt, die Kunden der beim Betreiber vertraglich eingebundenen Energielieferanten oder Dienstleister sind.

Schnelle Lösung Roaming

Welches dieser Modelle sich durchsetzen wird, hängt zum einen von den rechtlichen Vorgaben ab. Andererseits spielt selbstverständlich die Profitabilität eine wichtige Rolle. Es ist davon auszugehen, dass ein öffentliches Interesse an einem möglichst flächendeckenden, diskriminierungsfrei zugänglichen Netz an Ladestationen besteht. Insofern haben das Durchleitungs- und das Roamingmodell Vorteile. Insbesondere Letzteres erweist sich als schnell umzusetzende und pragmatische Lösung.

Kernfragen der analytischen Betrachtung waren sämtliche Prozesse, die im Hinblick auf die Ladeinfrastruktur künftig umzusetzen sind. Neben Lade-, Mess- und Abrechnungsvorgängen wurden weitere energiewirtschaftliche Marktprozesse, insbesondere die der Netznutzung berücksichtigt. Darüber hinaus untersuchten die E-Mobility-Experten, welche Wechselwirkungen zwischen den Prozessen und verschiedenen Geschäftsmodellen zum Ladestationsbetrieb bzw. zur Abrechnungskommunikation bestehen.

Insgesamt zeigt sich, dass das Providermodell am einfachsten umzusetzen ist. Dennoch erscheint es aufgrund seiner Proprietarität für Ladestationen im öffentlichen Raum eher ungeeignet.

Das Roaming- und das Durchleitungsmodell unterscheiden sich hinsichtlich der Prozessanforderungen kaum voneinander. Allerdings sind die Prozesse des Letzteren deutlich komplexer. Allen Modellen ist allerdings gemein, dass sie eine clevere IT-Unterstützung benötigen, die folgende Voraussetzungen erfüllen muss:

• Beherrschung der standardisierten energiewirtschaftlichen Prozesse.

• Differenzierung der Kunden diverser Lieferanten an den jeweiligen Ladestationen innerhalb der unterschiedlichen Netzgebiete.

• Beherrschung der Echtzeitkommunikation innerhalb unterschiedlicher Systeme.

• Abbildung diverser, noch nicht absehbarer Tarifmodelle in den Prozessen und Systemen.

• Perspektivisch: Unterstützung von Prozessen der Netzintegration und Systemdienstleistungen.

Bei der Entwicklung der Infrastruktur der Elektromobilität sind vor allem die energiewirtschaftlichen Prozesse rund um die Netznutzung umzusetzen. Diese sind zum Teil bereits beschrieben und standardisiert. Insbesondere im Rahmen der Lade- und Messvorgänge wird es aber auch eine Vielzahl neuer Prozesse geben.

Deren Komplexität wird durch die veränderbare Zuordnung verschiedener Kunden zu einer Messstelle sowie durch das Anforderungsprofil der Echtzeitkommunikation und der Tarifabbildung erhöht. Für einen effizienten und verlässlichen Aufbau der Ladeinfrastruktur im Sinne der politischen Ziele und der Verbraucherinteressen sind Gesetzgeber und Regulierer daher gefordert, in einigen Punkten Vorgaben und Standards zu definieren. Dazu gehört unter anderem die Regelung zur Netznutzung durch verschiedene Nutzer an einer Messstelle.

Kooperationen sind gefragt

Die EVU ihrerseits sind angehalten, gegebenenfalls in Kooperationen mit Kommunen und anderen Versorgern eine Strategie für das lokale und überregionale Angebot an Elektromobilitätsdienstleistungen zu entwickeln. »Damit dabei nicht allzu viel Zeit ins Land geht, bietet das Roaming-Modell im Sinne der Beistellung einen pragmatischen Einstieg in die Elektromobilität«, sagt die E-Mobility-Expertin Dr. Dina Franzen-Paustenbach von regio iT Aachen. Für diese Variante gebe es sehr leistungsfähige und performante Lösungen. So könne man quasi von jetzt auf gleich auf die Erfordernisse des Marktes reagieren und die entsprechenden Geschäftsmodelle aufsetzen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden in Aachen bereits die Weichen für eine weitere wissenschaftliche Untersuchung gestellt: Dieses Mal geht es um die Entwicklung konkreter E-Mobility-Geschäftsmodelle und die Entwicklung eines IT-Ansatzes, der EVU – unabhängig des zugrunde gelegten Geschäftsmodells – befähigt, ihren Kunden Dienstleistungen rund um die Elektromobilität anzubieten.

Erschienen in Ausgabe: 03/2011