Dringend: Zubau mit Netzgegebenheiten und Bedarf abstimmen

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EEG - Weiter wachsende Summen für Einspeisevergütungen können das deutsche Energiesystem in den nächsten Jahren an den Rand des Kollapses führen, so Dr. Andreas Olbrich, BearingPoint: »Das EEG muss reformiert werden.«

30. November 2012

Von aktuell 3,6 Cent pro Kilowattstunde steigt die EEG-Umlage 2013 auf 5,3 Cent an – ein gewaltiger Sprung nur knapp unterhalb der Verdoppelung, den die Verbraucher hinnehmen müssen. Doch nach ihren Berechnungen ist das längst nicht das Ende der Entwicklung, die Sie für gefährlich halten.

Mit insgesamt 20,4 Milliarden Euro entspricht die Förderung erneuerbarer Energien im Jahr 2013 einem Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts. 2002 betrug der EEG-Fördertopf noch 2,2 Milliarden Euro – er wird sich also knapp verzehnfacht haben. Auch unter Einrechnung reduzierter Förderquoten lässt sich für das Jahr 2022 eine Gesamtsumme von über 30 Milliarden Euro an Fördergeldern für die erneuerbaren Energien extrapolieren. Die EEG-Umlage wird dann voraussichtlich um weitere 50 Prozent gestiegen sein und bei acht Cent pro Kilowattstunde liegen. Private Stromkunden werden also in zehn Jahren noch tiefer in die Tasche greifen müssen: Haushalte mit durchschnittlichem Verbrauch zahlen dann 280 Euro EEG-Umlage pro Jahr. Der Anteil der Umlage am Strompreis beträgt damit circa 27 Prozent. Heute liegt er bei 14 Prozent.

Doch was ist mit dem Argument, die erneuerbaren Energien verringern die Abhängigkeit von immer teurer zu importierenden fossilen Energieträgern? Bringt uns da die Investition in Erneuerbare nicht Unabhängigkeit und die Verlässlichkeit eigener Energiequellen?

Im Prinzip ist das richtig. Aber derzeit ist das Gegenteil der Fall, denn das aktuelle Fördermodell macht das Energiesystem nicht nur deutlich teurer, sondern auch wesentlich unzuverlässiger. Nach Planung der Bundesregierung soll die Energienachfrage 2020 zu mindestens 35 Prozent durch erneuerbare Energien abgedeckt werden – was in Deutschland den Ausbau auf eine gesamte Erzeugungskapazität von rund 210 Gigawatt im Jahr 2022 bedeutet. Das resultierende gewaltige Überangebot an installierter Leistung gegenüber unserer aktuellen Jahreshöchstleistung von rund 90 Gigawatt hat allerdings einen eklatanten Fehler: Es ist unbeständig und nicht planbar.

Hier kommt hinzu, dass im Jahr 2022 nur noch knapp 90 Gigawatt durch konventionelle Kraftwerke erzeugt werden können. Durch ungeplante Ausfälle und Revisionen werden diese Kapazitäten zudem nicht jederzeit zur Verfügung stehen. Das ist riskant, denn für eine sichere Versorgung sollte die Kapazität konventioneller Erzeugung rund zehn Prozent über der Jahreshöchstleistung liegen.

Selbst vorsichtige Szenarien rechnen nicht mit einem deutschlandweit flächendeckenden und gleichzeitigen Totalausfall aller Wind- und Solarkapazitäten. Zudem gehören Smart Grid sowie Weiterentwicklung und Ausbau von Speichertechnologien zwingend zum angestrebten künftigen Energiesystem. Würde das die knapp kalkulierten konventionellen Reserven nicht ausgleichen?

Die knappe Kalkulation der Reservekapazitäten birgt die große Gefahr, dass das deutsche Energiesystem auf einen Kollaps zusteuert. Wenn Wind und Sonne gleichzeitig ausbleiben, kann der erforderliche Strombedarf mit den konventionellen Reserven nicht mehr sicher gedeckt werden. Und die angesprochenen Energiespeicher, die regenerativ erzeugte Energie in großem Maßstab zwischenspeichern sollen, werden im Jahr 2022 weder zu den notwendigen wirtschaftlichen Bedingungen noch mit den erforderlichen Kapazitäten zur Verfügung stehen können.

Was schlagen Sie vor, um unser Energiesystem aus der Gefahrenzone zu bringen?

Erneuerbare Energien sind richtig und wichtig und es gibt Lösungswege, mit diesen ein zukunftsfähiges Energiesystem aufzubauen. Allerdings muss die Politik mit einer Reformierung des EEG dringend gegensteuern, um das Energiesystem nicht gegen die Wand zu fahren. Der künftige Ausbau erneuerbarer Energien muss mit dem jeweils regionalen Bedarf und den Netzgegebenheiten abgestimmt werden.

Zudem müssen verbleibende konventionelle Kraftwerke wieder wirtschaftlich betrieben werden können. Gleichzeitig sind ihre Flexibilität und Verfügbarkeit zu steigern, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Vita

- Maschinenbaustudium an der RWTH Aachen; dort 1995 Promotion mit Auszeichnung.

- Leitende Funktionen im Produkt-Management eines Schweizer Maschinenbaukonzerns. Ab 2000 Berater und Partner bei Management Engineers.

- Seit 2011 Partner des Beratungshauses BearingPoint.

Erschienen in Ausgabe: 10/2012