Duell der Papiertiger

Editorial

»Die Sorge vor einem übermächtigen Russland treibt auch in Deutschland manche Blüte.«

04. November 2011

>Auf der Verbund-Tagung ›energy 2050‹ im schönen Salzburger Land sollte auch Russlands Energieminister Sergei Shmatko sprechen. Er kam aber kurzfristig doch nicht. Ob dies im Zusammenhang mit der Razzia der EU-Wettbewerbshüter am Vortag bei Energie- und Gaskonzernen wegen des Verdachts von regelwidrigen Gaspreisabsprachen stand? ... no comment.

Fest steht, der Ton ist rauer geworden, seit South Stream und Nabucco aus mehreren Gründen im Planungsstadium stecken zu bleiben drohen. Ob zu EU-Diplomatie am Kaspischen Meer oder zur Öffnung russischer Gasnetzinvestitionen in Europa für andere Einspeiser – die dazu aus Russland angeschlagene Rhetorik offenbart einmal mehr eine andere Geschäfts- und Machtkultur, als man sie in Europa pflegt. Und die EU sorgt mit unangenehmem Behördenbesuch für Schlagzeilen, die nicht minder alte Klischees bedienen. Die Sorge vor einem übermächtigen Russland mag vor allem in Osteuropa aus kollektiver Erfahrung rühren. Sie treibt allerdings auch in Deutschland manche Blüte. So überhöht etwa SWM-Chef Kurt Mühlhäuser das durchaus wichtige Münchner Engagement vor der Küste Norwegens zur künftigen von Russland unabhängigen Gasversorgung der bayerischen Landeshauptstadt, als ob man vom Gesamtgeschehen des Gasmarktes losgelöst eigene Wege gehen könnte.

Geradezu Witz und Charme hat da Günther Öttingers Pro-Nabucco-Argument, diese Pipeline könne ja durchaus Russland Vorteile bringen, weil sie solche Sorgen entschärfe und damit russischem Gas den Marktzugang erleichtere. Leider deutet bislang nichts darauf hin, dass man in der Gazprom-Zentrale oder andernorts in Moskau darüber schmunzeln konnte und sich die Sache mal von dieser Warte besieht. Auf beiden Seiten kennt man allerdings das Max-Weber-Zitat »Politik ist das Bohren dicker Bretter mit Augenmaß und Leidenschaft zugleich.«

Erschienen in Ausgabe: 09/2011