Durch integrierte Sicht auf das Netz den Zustand besser einschätzen

Management

Geoinformationssysteme - Mittelhessen Netz nutzt seit Anfang 2015 ein geobasiertes Netzleitsystem und kann damit auf die statische Ansicht in einem externen GIS-Viewer verzichten. Das ist ein Teil der Integrationsstrategie des Netzbetreibers. Für ihn ist es immer wichtiger, Informationen gebündelt vorliegen zu haben.

31. August 2015

Rund 190.000 Menschen in Gießen und Mittelhessen werden von den Stadtwerken Gießen mit Strom, Erdgas, Wasser und Fernwärme versorgt. Mittelhessen Netz, Tochter der Stadtwerke, ist für die gesamte Systempflege der Strom- und Gasnetze der Stadtwerke Gießen zuständig. »Allein unser Mittelspannungsnetz umfasst rund 720 Kilometer, hinzu kommen 670 Leitungskilometer für die Gasversorgung«, erläutert Frank Hoffmann, Geschäftsführer der Mittelhessen Netz.

Bisher war es nicht so einfach, Informationen aus der Mittelspannung oder der Niederspannung in das Netzleitsystem zu überführen, erzählt der Geschäftsführer. Doch mit der vermehrten Einspeisung dezentraler Energien wächst der Druck und der Bedarf, alle Informationen gebündelt zur Verfügung zu haben. »Auch für uns.«

Die Daten waren oft nur in einzelnen Systemen verfügbar. »Damit diese effektiv genutzt werden können, sind integrierte Lösungen notwendig.« Dazu gehören nicht nur Daten aus dem Geoinformationssystem (GIS), sondern etwa auch Smart-Meter-Daten. »Diese Informationen können wir heute bereits im Zuge unserer Integrationsstrategie verwenden.« Eine geobasierte Netzdarstellung ist Teil der Integrationsstrategie des Unternehmens. »Damit können wir Informationen aus der Mittelspannung oder der Niederspannung ohne großen Aufwand in das Netzleitsystem überführen.«

Import aus dem GIS-System

Durch die geobasierte Visualisierung können die Mitarbeiter die Versorgungslage und den Zustand des gesamten Netzgebietes besser einschätzen, so Hoffmann. Sie biete etwa im Störungsfall neben dem Schemaplan einen ersten guten Überblick, um den Bereitschaftsdienst zu informieren und zu koordinieren.

Seit 2009 setzt der Netzbetreiber das Netzleitsystem ›High-Leit‹ des Anbieters IDS ein. Eine geobasierte Ansicht auf Netze war nur über das Aufschalten eines externen GIS-Viewers machbar. Nun ermöglicht ein neues Add-on, aktuelle Zustände im Netz jederzeit direkt im Netzleitsystem geobasiert verfügbar und gekennzeichnet darzustellen. Die Lösung ist seit den neuen Releases High-Leit NT 4.22.1 und High-Leit XW 5.6 auf dem Markt. »Diese Art der geobasierten Darstellung war bisher nur großen Netzbetreibern vorbehalten«, so Jörn Fischer, Geschäftsführer (CEO) der IDS. »Als Alternative kam nur die statische Ansicht im entsprechenden GIS-Viewer in Frage.«

Implementiert hat die Mittelhessen-Netz das Add-on Anfang 2015. »Damit gehören wir neben Dubai Electricity & Water Authority mit zu den ersten IDS-Kunden, welche die geobasierte Netzdarstellung im Einsatz haben«, sagt Hoffmann.

Um die Netzdaten geobasiert darzustellen, müssen alle Informationen zunächst aus dem GIS-System importiert werden. Die wohl größte Herausforderung während des Projektes war es, die einheitliche Bezeichnung von Leitungen und Anlagen im GIS und im Netzleitsystem herzustellen, berichtet Hoffmann über die Umsetzung.

Besserer Durchblick vor Ort

Die Darstellung der geografischen Informationen zu Straßen, Gebäuden, Hausnummern und weiterem basiert auf dem Import aus öffentlich verfügbaren Kartendaten. »Zur Darstellung der Netzdaten ist ein einfacher Import aus ihrem GIS-System ausreichend, sofern dieser mindestens die Geokoordinaten aller Leitungen und Leitungsabschnitte enthält«, so Harald Herrmann, technischer Geschäftsführer bei IDS. »Für Energieversorgungsunternehmen würde es einen enormen Aufwand bedeuten, wenn sie all diese Informationen händisch in das Netzleitsystem übertragen müssten.«

Die geobasierte Darstellung im Netzleitsystem kann die Mitarbeiter bei Betrieb und Instandhaltung unterstützen. »Die aus unserer Sicht wichtigste Funktion ist die direkte Anzeige im Netzleitsystem High-Leit ohne den Einsatz eines externen GIS-Viewers«, sagt Herrmann. »Damit ist dieses Add-on vor allem für kleine und mittlere EVU geeignet.« Es lässt sich für Strom, Gas und Wasser verwenden: für Transport- und Verteilnetze in Hoch-, Mittel- oder Niederspannung oder in den entsprechenden Drücken.

Im Normalbetrieb verschaffen sich die Mitarbeiter in der Netzleitstelle mit der geobasierten Visualisierung einen Überblick über die geografische Lage und Umgebung. So lassen sich Entfernungen besser abschätzen. »Von Vorteil sind die farblichen Kennzeichnungen und Warnungen von Spannungsabweichungen«, sagt Herrmann. Die Farben sind dabei gleich den Farben im Schemaplan – zum Beispiel Grün für Netzgebiet A, Gelb für Netzgebiet B und Rot für Störung.

»Im Gegensatz zum Schemaplan ist in der geobasierten Darstellung klarer ersichtlich, wie die Gegebenheiten vor Ort sind«, so Herrmann weiter. »Damit finden neue oder nicht ortskundige Mitarbeiter zum Beispiel bei Instandhaltungsaufgaben jede Ortsnetzstation: auch wenn diese zwischen Häusern versteckt ist oder in zweiter Reihe steht.« Bei Wartungsarbeiten zeigt das Add-on zudem bei einer geplanten Schalthandlung die möglichen Auswirkungen dieser Maßnahme in den betroffenen Versorgungsbereichen an.

Im Störfall blinkt es rot

Im akuten Störfall wird – wie im schematischen Netzplan – das betroffene Netzgebiet mit der entsprechenden Farbe gekennzeichnet. »Konkret hilft uns das Add-on vor allem bei der Lokalisierung von Störungsmeldungen«, so Hoffmann von Mittelhessen Netz.

Er nennt auch gleich ein mögliches Beispiel: Ein Bagger erwischt beim Graben eine Stromleitung in der Nähe der Gottlieb-Daimler-Straße. Sofort geht eine automatische Meldung im Leitsystem ein – dieses zeigt im Schemaplan an, welches Netzgebiet genau betroffen ist.

Auch in der geobasierten Netzdarstellung wird – wie im schematischen Netzplan – das betroffene Netzgebiet mit der entsprechenden Farbe eingefärbt. »In unserem Fall blinkt das betroffene Gebiet rot auf«, sagt er.

Nun können die Techniker durch die geobasierte Darstellung die genaue Lage des Abschnitts einsehen. Sie zeigt ihnen – ebenfalls rot markiert wo die Störung liegt, etwa unter einer Brücke oder neben einer Autobahn. Zweitens sehen sie, welche Besonderheiten es gibt. Zum Beispiel, ob weitere Leitungen nebenan liegen, die nicht betroffen sind.

Wunsch nach Erweiterung

»Die kombinierte Darstellung von geografischer und dynamisch eingefärbter Netzinformation unterstützt die Mitarbeiter also bei der Wiederversorgungsstrategie«, erläutert er. »Damit können sie sich besser auf den Einsatz und die Gegebenheiten vor Ort vorbereiten.«

Erweiterungsbedarf sieht Hoffmann noch bei der Kopplung zu anderen Systemen, wie einer automatischen Visualisierung der betroffenen Gebiete bei Störungen. »Hier könnte die Arbeit im Callcenter deutlich vereinfacht werden.«

Zum Beispiel bleibt der Baggerunfall nicht ohne Folgen – in der kompletten Straße fällt der Strom aus, führt er aus. »Durch eine Kopplung zum CRM-System könnten eingehende Anrufer vom Callcenter sofort darüber aufgeklärt werden, ob die Störung bereits bekannt ist – Nähe Gottlieb-Daimler-Straße – oder ob es sich um eine neue Störung handelt.«

Harald Herrmann von IDS ergänzt: »Dieses Szenario lässt sich sogar weiterspielen. Durch den Einsatz von Smart-Meter-Informationen könnte man künftig sogar die betroffenen Hausanschlüsse und damit den Endkunden ermitteln und ihn – zum Beispiel via E-Mail – über die Art und voraussichtliche Dauer der Störung automatisiert informieren.«

Erschienen in Ausgabe: 07/2015