Effizienter ohne ›Schwarz-Weiß‹

Stadtwerke - Die kommunalen Versorger investieren mehrere Milliarden in Kraftwerke. Chancen sehen sie neben dem konventionellen Weg auch bei den Erneuerbaren. Die meisten Projekte schultern sie gemeinsam. Trotz Differenzen um die Laufzeitverlängerung bei der Kernkraft sind auch Kooperationen mit den Branchenriesen kein Tabu.

25. Mai 2010

6,5Mrd.€ investieren die Stadtwerke in neue Kraftwerke mit zusammen 3.500MW Leistung. 5.000MW sollen mittelfristig hinzukommen. Diese Zahlen gab der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) Anfang Mai bekannt, verknüpft mit einer Warnung: Viele Stadtwerke sähen ihre geplanten Investitionen durch die derzeit diskutierte Laufzeitverlängerung infrage gestellt, so Stephan Weil, VKU-Präsident und Oberbürgermeister von Hannover.

Der Verband habe der Bundesregierung ein Positionspapier übergeben, das in das für den Herbst geplante Energiekonzept möglichst eingearbeitet werden müsse. Die Forderung nach einer für den Wettbewerb neutralen Neufestlegung hatte VKU-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Reck tags zuvor bei der Euroforum-Stadtwerketagung in Berlin bekräftigt. Man werde sehr genau darauf achten, dass die Investitionsfähigkeit der Versorger gewahrt bleibe.

Reck war nur einer unter vielen Rednern aus der kommunalen Szene, die das Thema Kernkraft umtrieb. Michael Lucke, Geschäftsführer der Allgäuer Überlandwerk (AÜW), sprach von stagnierendem Kraftwerksneubau seit der Bundestagswahl und einem »Investitionsstau in Milliardenhöhe«, was er den schwarz-gelben Atomambitionen zuschrieb. Die AÜW jedenfalls würden im Falle einer hohen Laufzeitverlängerung ihre Pläne wieder verwerfen, den Anteil am geplanten 750-MW-Kohlekraftwerk der Trianel in Krefeld von 10 auf 50MW aufzustocken.

Sogar die Stadtwerke München (SWM), neben Bielefeld die einzigen Kommunalen mit Kernkraftwerksbeteiligung in Deutschland, bezogen klare Antiatom-Position. »Es sollte Schluss sein, so wie es 2001 festgelegt wurde, weil eine Verlängerung den Ausbau der erneuerbaren Energien abbremsen würde«, sagte SWM-Chef Kurt Mühlhäuser.

Rekommunalisierung mit Mass

Das war vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Deren Ausgang hatte Thüga-Vorstandschef Ewald Woste beim Stadtwerke-Kongress bereits angedeutet. Sollten Union und FDP die Wahl und so ihre Bundesratsmehrheit verlieren, »dann diskutieren wir bald vielleicht schon wieder über ganz andere Themen«.

Eines dieser Themen, die Rekommunalisierung, steht derzeit besonders hoch im Kurs. Zwischen 2011 und 2015 werden in Deutschland über 1.000 Strom-Konzessionen neu vergeben. Viele Kommunen denken über die Neugründung eigener Unternehmen nach, und der VKU wirbt für die Renaissance der Stadtwerke. »Positiv ist vor allem, dass die Sache nicht wie vor 20 Jahren einfach durchgewunken wird«, fand VKU-Geschäftsführer Reck. Die Entscheidung müsse auf ökonomischer Basis getroffen werden.

Es könne sehr wohl zielführend sein, wenn Kommunen über Stadtwerke-Neugründungen versuchen, ihre Ertragskraft zu steigern, sagte Christian Becker, Vorstand der Stawag Stadtwerke Aachen. Partner aus der Energiewirtschaft, die diesen Prozess gerne begleiten würden, seien nicht schwer zu finden. Im Gegenteil: »Wir haben den Eindruck, dass viele der Rekommunalisierungs-Bestrebungen darauf beruhen, dass man einen willigen Dummen gefunden hat.« Daher sollten die Kommunen sehr genau darauf achten, dass die Zusammenarbeit betriebswirtschaftlich nutzbringend ist und nicht nur auf das strategische Interesse des Partners zurückgeht.

Große Flächenversorger bekommen das Phänomen besonders zu spüren. Allein im E.on-Konzern stünden mehrere Hundert Netzgebiete zur Disposition. »Für unsere Regionalversorger ist das in den nächsten drei Jahren die größte Herausforderung«, berichtete E.on-Energie-Chef Klaus-Dieter Maubach. Mit hohen Effizienzwerten im Strukturvergleich der Bundesnetzagentur und Antworten auf die Zukunftsfragen in Innovation und Technik, so Maubach, werben die Netzgesellschaften des Konzerns um die Gunst der Kommunen und »kämpfen um ihre Geschäftsbasis«.

Appell zur Zusammenarbeit

Auch sonst zeigt sich der Branchenriese kooperationsbereit. »Wir suchen in Ihrem Kreis Partner auf vielen Stufen«, so Maubach in die Runde der Stadtwerke-Vertreter. Im Wettbewerb spiele die Größe eines Unternehmens keine Rolle.

»Es geht um die Frage effizient oder nicht effizient«, bestätigte Thüga-Chef Woste. Der Markt werde künftig stärker von dezentralen Strukturen geprägt sein, gerade weil Städte und Gemeiden dazu tendieren, die Infrastruktur in eigenen Besitz zu nehmen. Die Anforderungen seien häufig allerdings nur gemeinsam lösbar. »Wir werden in dieser Dezentralität Geschäftsmodelle entwickeln und im Markt den Nachweis erbringen müssen, dass sie auch funktionieren.«

Im Wettbewerb um Konzessionen wäre aus Wostes Sicht mehr Augenmaß angebracht. Denn gerade die Netzbewirtschaftung eröffne Skalenvorteile. »Sorge bereitet mir, wenn eine Infrastruktur-Größe, die betriebswirtschaftlich rational funktioniert, zerfleddert wird.«

Schwarz-Weiß-Denken sei fehl am Platz, so Woste mit Blick auf die gemeinsam mit E.on geplante Investition in ein GuD-Kraftwerk. »Angesichts der gewaltigen Zukunftsaufgaben werden wir viel enger zusammenarbeiten müssen als früher, auch Stadtwerke und Konzerne.«

Gerade in der Stromerzeugung ist in dieser Hinsicht einiges im Fluss. So berichtete Peter Blatzheim, Geschäftsführer der Stadtwerke Troisdorf, vom Steinkohlekraftwerk Hamm-Uentrop, das Ende 2012 ans Netz gehen soll. Hier teilen sich RWE Power und 23 Stadtwerke 1.530MW Kraftwerkskapazität. »Stadtwerke müssen einen Teil der Erzeugung in die eigene Hand nehmen«, gab sich Blatzheim überzeugt.

Neues vom Windpark Borkum West II verkündete Trianel-Chef Sven Becker. Bis 2012 werden 30 kommunale Unternehmen nördlich der Borkumer Küste in unmittelbarer Nachbarschaft zum ersten deutschen Offshore-Windpark Alpha Ventus 40 Areva-Multibrid-Anlagen der 5-MW-Klasse errichten. Weitere 40 sollen später hinzukommen. Erste wichtige Verträge habe man unlängst unterzeichnet, so Becker. »Wenn alles glatt läuft, werden wir noch im September zum Baubeschluss kommen.«

Im ganz großen Stil widmen sich inzwischen die Stadtwerke München den Erneuerbaren. Bis 2015 will das zu 100% kommunale Unternehmen soviel regenerative Erzeugung im Portfolio haben, wie die rund 800.000 Münchner Privathaushalte Strom verbrauchen rund 2Mrd.kWh/a. 2025 soll die eigene Ökostromproduktion dem Gesamtbedarf der Stadt entsprechen, das wären 7,5Mrd.kWh/a. Dazu bedarf es einer Ausbauoffensive, die weit über die Stadtgrenzen hinausgeht.

»Es ist wichtig, die regionalen Potenziale auszuschöpfen«, so SWM-Geschäftsführer Mühlhäuser. Sie liegen hier vor allem in Wasserkraft und Geothermie. »Aber eine vollständige Versorgung aus erneuerbaren Energien würde man niemals im Umland von München schaffen.«

Folglich werden etwa zwei Drittel des Ausbauziels außerhalb angepeilt: mit Windparks und Photovoltaik-Freiflächenanlagen in mehreren Bundesländern, mit Offshore-Windenergie und mit Solarthermie in Spanien. Die Münchner halten eine 100-MW-Scheibe am geplanten Nordsee-Windpark Global Tech1, der in zwei Jahren ans Netz gehen soll. Das Parabolrinnen-Kraftwerk Andasol3 im südspanischen Granada (49,9MWp) gehört ihnen knapp zur Hälfte.

Großes Engagement

Investitionen in unterschiedliche Technologien und Regionen sollen das Risiko minimieren. 9Mrd.€ stellen die SWM zwischen 2008 und 2025 bereit. »Auch für das größte deutsche Stadtwerk ist das kein Pappenstil«, so Mühlhäuser. Im Grunde würde die wirtschaftlich schwierige Situation der Kommunen so ein Engagement kaum erwarten lassen. Man habe den Zugriff des Kämmerers auf die Überschüsse des EVU jedoch abwehren können. »Wir konnten klar machen, dass es sich um Zukunftsinvestitionen handelt, die unsere hohe Ertragskraft sichern.«

Auch ließen sich aufgrund der hohen Eigenkapitalquote und guten Bonität des Unternehmens wesentliche Teile des Vorhabens fremdfinanzieren. Im Fall des Windparks Global Tech sei der Optimismus des Projektentwicklers zwar verflogen, dass sich 70% Fremdfinanzierung realisieren lassen. Doch auch bei 50% könnten es sich die Münchener erlauben, am Projekt festzuhalten. In Sachen Erneuerbare könne man auf die uneingeschränkte Unterstützung des Stadtrats und des Bürgermeisters zählen.

Die Zwischenbilanz kann sich sehen lassen: Mit den bisher realisierten und angestoßenen Projekten steigt die Ökostromproduktion der SWM um 240% auf 1,2Mrd.kWh. <

Hans Forster

Erschienen in Ausgabe: 05/2010