„Effizienz ist nicht gleich Größe“

REGULIERUNG Für die Energieversorger bedeutet die Kürzung der Netznutzungsentgelte eine erhebliche Kürzung ihrer Margen. Dennoch will man - zumindest bei E.on - auf den Klageweg verzichten. Wir sprachen mit Dr. Klaus-Dieter Maubach, der ab 1. April 2007 den Vorstandsvorsitz der E.on Energie AG übernimmt.

30. Januar 2007

es: Wieso braucht ein Energiekonzern eine Vorstandsposition für den Bereich Regulierung?

Es ist in der Energiewirtschaft und dem aktuellen ordnungspolitischen Umfeld schlichtweg notwendig, dem Thema Netze und reguliertes Geschäft große Aufmerksamkeit zu widmen. Der derzeitige Hang der Politik zur Reregulierung zielt vor allem auf das Thema Netze. Von daher war es eine logische Konsequenz, ein Vorstandsressort dafür einzurichten.

es: Unterstreicht Ihre Ernennung zum Vorstandsvorsitzenden der E.on Energie AG ab dem 1. April 2007, dass die Bedeutung dieses Themas noch zunimmt?

Ich sag es einmal so: Die unternehmerischen Herausforderungen nehmen insgesamt zu. Denken Sie an die staatlich verordnete Senkung der Netznutzungsentgelte oder an die geplante Anreizregulierung: Beide Themen betreffen das Netz, also einen wesentlichen Teil unseres Kerngeschäftes. Darauf gilt es nun, passende unternehmerische Antworten zu finden.

es: Was sind denn Ihre ersten Erfahrungen mit der Bundesnetzagentur (BNetzA)?

Ein erster Eindruck ist, dass die Behörde einen professionellen Job gemacht hat. Man hat sich in kurzer Zeit in eine sehr komplexe Materie eingearbeitet.

es: Sind Sie denn auch mit dem Ergebnis zufrieden?

Das sind wir nicht. Die Entgeltkürzungen in unserem Strombereich von über 600 Millionen Euro sind kein Anlass zur Zufriedenheit, sondern ein erheblicher und schmerzlicher Einschnitt in die Profitabilität unseres Geschäftes.

es: Hatten Sie mit diesen Dimensionen gerechnet?

Nein. Wir haben mit Einschnitten gerechnet, aber unsere ursprünglichen Erwartungen sind im negativen Sinne deutlich übertroffen worden.

es: Die BNetzA ist aber zumindest einigermaßen einheitlich vorgegangen, oder?

Richtig. Was wir jedoch auch feststellen ist, dass es eine deutlich unterschiedliche Regulierungspraxis gab. Wenn Sie sich einmal anschauen, welche Ergebnisse die Länderregulierungsbehörden produziert haben im Vergleich zur BNetzA, dann erkennt man eine ziemlich große Spreizung, die von über 20 Prozent bis runter zu einstelligen Prozentsätzen reicht. Die Spannbreite der BNetzA lag in der Regel zwischen 10 und 15 Prozent.

es: Das haben Sie doch sicherlich auch bemängelt?

Ja. Im Vorfeld hat es eine Bund-Länder- Abstimmung gegeben. Als Ergebnis wurde ein Leitfaden für die Kalkulation und für die Bewertungen der Netzentgeltanträge erstellt. Da stellt sich schon die Frage, wieso dennoch so unterschiedliche Ergebnisse erzielt worden sind.

es: Man hat das Gefühl, dass die Energiekonzerne den harten Konflikt mit der BNetzA scheuen. Sie haben etwa auf rechtliche Schritte verzichtet?

Richtig. Ich persönlich bin der Auffassung, dass juristische Auseinandersetzungen auch nicht zielführend sind. Herr Kurth (der Präsident der BNetzA, Anm. d. Red.) hat ja selbst die Branche und die Netzbetreiber zur Kooperation aufgefordert. Wir kooperieren. Das ist auch ein Signal aus der ersten Entgeltrunde. Wir gehen nicht sofort vor Gericht, wenn wir in einer Detailfrage mal anderer Auffassung sind.

es: Das hat doch seine Grenzen, oder?

Wir müssen die Chance haben, auch im regulierten Netzgeschäft Werte zu schaffen. Dies heißt für uns, dass wir unsere Kapitalkosten und eine angemessene Rendite erwirtschaften müssen. Wenn das System so angelegt ist, dass dies nicht gelingen kann, dann haben wir ein ernstes Problem. Wir können das Geld unserer Aktionäre nicht in ein Geschäft investieren, bei dem wir keinen Wert schaffen, sondern eventuell sogar Wert vernichten.

es: Sehen Sie Chancen zur Besserung?

Bundswirtschaftsminister Glos hat angekündigt, dass die Anreizregulierung pünktlich zum Jahresbeginn 2008 starten wird. Das ist ein wichtiger Meilenstein! In der ersten Regulierungsperiode hat das Thema Effizienz der Netzbetreiber überhaupt keine Rolle gespielt. Aber erst wenn wir darüber sprechen, reden wir auch über Wettbewerb im Netz.

es: Was erwarten Sie sich konkret von der Anreizregulierung?

Mir ist das Thema Strukturen dabei sehr wichtig. Man darf bei unserer heterogenen Versorgungslandschaft nicht alle über einen Kamm scheren. Wenn aber strukturell ähnliche Unternehmen verglichen werden, muss der effizientere Netzbetreiber auch von seinem unternehmerischen Handeln profitieren dürfen. Wo soll sonst der Anreiz herkommen?

es: Das hört sich so an, dass sich E.on hier im Vorteil sieht.

Wir setzen darauf, dass wir als E.on Energie in der Tat effizienter sind als andere. Wir haben einiges in den vergangenen Jahren erreicht. Hier hat unter anderem die Verschmelzung von großen Regionalversorgern zu größeren Einheiten > wie etwa E.on Bayern wirklich tiefe strukturelle Anpassungen gebracht.

es: Das lässt drauf schließen, dass Effizienz gleich Größe bedeutet… Nein. Effizienz ist mit Sicherheit nicht gleich Größe. Es gibt heute große ineffiziente und kleine effiziente Unternehmen. Zukünftig ist nicht entscheidend, wer groß ist und wer klein, sondern wer effizient ist und wer nicht.

es: Sind hier Zusammenschlüsse oder Kooperationen eine Möglichkeit?

Weniger effiziente Netzbetreiber werden unter Effizienzdruck unternehmerisch handeln müssen. Hier gibt es mehrere Optionen von internen Strukturierungsmaßnahmen bis hin zu Kooperationen. Ich sehe derzeit nicht, dass diese Entwicklung eine weitere Konsolidierungswelle in der Energiebranche auslösen wird. Aber jeder Netzbetreiber wird genau überlegen müssen, wie er künftig seine Effizienz permanent weiter verbessert.

es: Wird E.on hier aktiv werden?

Es ist durchaus denkbar, dass wir im Netzbereich mit anderen Netzbetreibern zusammenarbeiten.

es: Hat das Kartellamt nichts dagegen?

Wir befinden uns hier in einem regulierten Markt. Warum sollte das Kartellamt etwas dagegen haben, wenn wir uns mit anderen regulierten Netzgeschäften zusammenschließen würden?

es: Halten Sie Effizienzvorgaben von ein, zwei Prozent für machbar? Ich möchte mich nicht auf Prozentsätze festlegen und schon gar nicht behaupten, dass das machbar ist. Jede Effizienzvorgabe ist für uns zuerst einmal eine Herausforderung. Die Politik sollte hier aber auch genau im Auge haben, dass sie nicht nur den Effizienzdruck auf die Unternehmen erhöht, sondern auch echte Anreize für Investitionen bietet und realistische Effizienzziele formuliert.

es: Aber Sie stehen zu Ihren angekündigten Investitionen?

Wir halten in der Erwartung daran fest, dass der Regulierungsrahmen so sein wird, dass wir die Chance auf eine angemessene Kapitalverzinsung bekommen.

es: Müssen wir uns künftig auf Blackouts wie im November 2006 einstellen?

Nein, natürlich nicht. Außerdem möchte ich klar stellen: Wir hatten keinen Blackout, sondern eine automatische Abschaltung des Netzes in einigen europäischen Regionen - mit dem Ziel, einen flächendeckenden Blackout gerade zu vermeiden. Und das hat funktioniert. Nach knapp 40 Minuten war das europäische Netz wieder stabil. Wir müssen allerdings schon beachten, dass wir im Netzbereich ein Stück weit auch die Erfüllungsgehilfen der Politik sind.

es: Wie meinen Sie das?

Die Politik will den Strommarkt liberalisieren, einen europäischen Binnenmarkt für Strom und Gas schaffen. Dafür fordert sie uns etwa auf, die Kuppelkapazitäten zwischen den Ländern auszubauen.

es: Ist die logische Folge nicht eine europäische Regulierung?

Hierzu gibt es unterschiedliche Meinungen. Ich will keine europäische Megabehörde haben, die die Netzentgelte jedes einzelnen Netzbetreibers festlegt.

es: Die deutsche Behörde könnte ihre Kompetenzen zumindest teilweise abgeben.

Was würde das denn bringen? Wir hätten dann drei relevante Regulierer: einen europäischen, einen nationalen und die Länderregulierungsbehörden. Was würde ein europäischer Regulierer besser machen als die Bundesnetzagentur?

es: Nach dem 4. November wurde auch ein europäischer Regulierer gefordert …

Wir haben bereits einen europaweiten Standard: die UCTE. Den allermeisten ist nur nicht bekannt, dass sich die Übertragungsnetzbetreiber schon seit vielen Jahren in einer Art Solidargemeinschaft zusammengeschlossen haben. Es ist eine funktionierende Gemeinschaft. Dies hat man am 4. November gesehen. Um einen großflächigen Blackout zu verhindern, sind nach UCTE-Regeln ganz gezielt Kunden vom Netz genommen worden.

es: Aber in Deutschland bemängeln Sie ja gerade das Problem der Zuständigkeiten.

Deswegen wäre es für mich nahe liegend, dieses Thema zuerst national anzugehen. Bevor man die Komplexität weiter erhöht, empfehle ich, zuerst die Hausaufgaben in Deutschland zu machen.

Klaus-Dieter Maubach

• von 1995-1998 war der promovierte Elektrotechniker bei der Energieversorgung Offenbach beschäftigt, zuletzt als Leiter techn. Planung

• danach wechselte er zum Elektrizitätswerk Wesertal, ab 2000 war er Vorsitzender der Geschäftsführung

• im Juni 2001 trat er in den Vorstand der heutigen E.on Avacon ein, ab 2003 war er dort Vorsitzender

• seit 2006 ist Maubach im Vorstand der E.on Energie für Netze und Regulierung verantwortlich.

Erschienen in Ausgabe: 01/2007